Samstag,
18. Mai 2002: Gellértberg, rund um den Vörösmarty tér,
Parlamentsviertel
Gegen 12.30 Uhr erreicht
unser Reisebus, gestartet in Berlin gestern Abend um 19.30 Uhr, die
Vororte von Budapest,.
Zunächst steuern wir die
Zitadelle auf dem Gellértberg, der höchsten
Ergebung der ungarischen Hauptstadt, an. Für den Bus endet die Tour
allerdings auf einem Parkplatz etwa 200 Meter unterhalb der Zitadelle;
an Dutzenden von Souvenirständen gehen wir das letzte Stück des Weges
also zu Fuß.
Die erste von mehreren
Aussichtsplattformen mit Blick auf die beiden durch die Donau getrennten
Stadtteile und der sich lang in den Fluss hinziehenden Margareteninsel,
auf die Prachtbauten auf beiden Seiten der Donau, liegt bereits
unterhalb der Zitadelle.
Die Zitadelle selbst, ein
Militärbau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, ist ein langgezogener
Komplex aus grauem Feldstein. Der Eintritt kostet 300 Forint, etwa 1,20
Euro – aber wir haben insgesamt ja ohnehin nur 20 Minuten Zeit, so
dass eine Besichtigung nicht infrage kommt.
An der Spitze der
Zitadelle erhebt sich das heroische Denkmal für die Rote Armee, eine
auf einem etwa 20 Meter hohen Sockel stehende allegorische Frauenfigur
– sozialistischer Realismus der späten Stalin-Periode in Reinkultur.
Am gegenüberliegenden,
also dem Pester Ufer der Donau liegen die weißen Ausflugs- und
Restaurantschiffe.
Über die
Elisabethbrücke gelangen wir nun nach Pest, in eine belebte Innenstadt
mit Fußgängerzonen, edlen Geschäften in prachtvollen klassizistischen
Prunkbauten, teilweise verziert mit Ornamenten, vorzugsweise
Heldenfiguren, wobei hier und da einige dieser Gebäude einen frischen
Fassadenanstrich vertragen würden.
Unser Hotel heißt Expo,
ist ein elfgeschossiger Bau aus den siebziger oder frühen achtziger
Jahren und liegt am Rande des Budapester Messegeländes, soll angeblich
eine gute Anbindung mit U-Bahn und Bus ans Zentrum haben.
Aus Bequemlichkeit nehmen
wir aber lieber für 2500 Forint das Taxi, um in die Innenstadt von Pest
zurückzukehren.
An
der Markthalle, genau an der Elisabethbrücke gelegen, lassen wir
uns absetzen. Für einen Besuch der Markthalle sind wir aber zu spät
gekommen. Die letzten Käufer verlassen gerade die Halle – und nur
durch die Gitterstäbe werfen wir einen Blick auf die abgesperrten
Kioske mit den heruntergezogenen Rollläden in dem großzügigen Bau.
Gleich neben der
Markthalle schließt sich die weitläufige Fußgängerzone mit Straßencafés
und Souvenirständen an. Hier schlendern wir nun – ziemlich ziel- und
planlos – entlang, allmählich auf der Suche nach einem Restaurant.
Dabei kommen wir am
„Pariser Hof“ am Franziskanerplatz vorbei, ein Jugendstilbau mit
edlen Geschäften im ersten Stock, einer holzgetäfelten Decke,
durchsetzt mit lichtdurchlässigen Kuppeln, ursprünglich, so der Reiseführer,
als reines Wohnhaus gebaut, jetzt ein Shoppingcenter für den höheren
Bedarf.
Auf der gegenüberliegenden
Straßenseite entdecken wir den „Biergarten“, trotz seines
deutschen Namens ein durchaus einheimisches Lokal, in dem gerade eine
Hochzeit statt findet. Die Hochzeitsgäste und wir sind zur späten
Mittagszeit die einzigen Gäste – wobei wir unter dem Baldachin im
Innenhof Platz nehmen, während die Hochzeitsgesellschaft mit
Musikbegleitung im eigentlichen Gastraum isst.
Ungarische Küche: Das
ist heute für uns vor allem Gulasch, etwa als Kesselgulasch, serviert
in einem Topf, von dem man sich bei Bedarf nachschenkt oder aber ein
ausgesprochen zartes Gulasch mit Salzkartoffeln, dazu eine pikante rote
Sauce, die dem Fleisch eine kräftige und scharfe Würze gibt.
Allerdings: Auch wenn wir hier nicht in einem Touristen-Nepp-Lokal
gelandet sind – billig ist ein Restaurantessen in Budapest nicht,
allenfalls „kostengünstig“. Ungefähr acht Euro pro Mahlzeit müssen
wir schon hinlegen.
Frisch gestärkt
geht es nun wieder zurück Richtung Markthalle und Fußgängerzone,
entlang der Donau, mit Blick auf Gellértberg und das Burgviertel und
dem alles überragenden alten Königsschloss.
Hinter einem kleinen Park
mit Springbrunnen in der Mitte liegt das Konzertgebäude, die Straße
daneben führt uns nun auf den Vörösmarty tér, den zentralen Platz
der Altstadt von Pest. Unter dem patriotischen Denkmal des ungarischen
Nationaldichters Vörösmarty machen sich nun Breakdance-Gruppen breit,
um vor den zahlreichen Touristen ihr Können zum Besten zu geben, es
gibt ein großes Straßencafé vor dem Denkmal – aber alles in allem
ist der Platz, der doch angeblich der Hauptplatz von Budapest sein soll,
eher unscheinbar.
Vom Vörösmarty tér begeben
wir uns langsam Richtung Parlamentsviertel,
kommen dabei an der St. Stephans-Basilika, der größten Budapester
Kirche mit Platz für 8500 Gläubige vorbei. In dem pompösen Bau findet
gerade ein Gottesdienst statt – aber besonders voll ist die Kirche
hier auch nicht.
Durch etwas ruhigere Straßen,
viele davon noch reine Fußgängerzonen, mit kleinen Lebensmittelgeschäften,
Pubs und Kneipen, in denen kaum noch Touristen sitzen, marschierend
erreichen wir den Freiheitsplatz mit der Ewigen Flamme für die
Opfer des Ungarn-Aufstandes von 1956 und dem am Donau-Ufer gelegenen
Parlament, dem größten aller Gebäude in der Altstadt von Pest, auf
der anderen Seite des Flusses nur noch vom Königsschloss übertroffen.
Das Budapester Parlament erinnert an das Parlamentsgebäude in England
– und tatsächlich war London hier das Vorbild, wobei die ungarische
dann allerdings noch etwas größer ausfiel.
Vor dem Parlament zu
spazieren ist allerdings nur von der Seite des Freiheitsplatzes möglich;
auf der Donauseite führt die Autostraße unmittelbar an dem Komplex
vorbei, ist er für Fußgänger nicht zugänglich.
Zum Abendessen suchen wir
uns eines der Restaurantschiffe an der Donau, die „Kossuth“, aus,
mit Zigeunerkapelle und Blick auf die angestrahlte Kettenbrücke. Das
Essen ist jedoch beileibe nicht so gut und reichlich wie mittags im
„Biergarten“, kostet dafür aber gut das Dreifache. Hier zahlt man für
den Ausblick – und nicht für Service oder Essen.
Den Rest des Abends
verbringen wir in einem Pub in der Nähe des Parlamentsviertels, lassen
uns dann ein Taxi kommen – und zahlen für den Weg zurück ins Hotel
rund 1800 Forint, also weit weniger als für die Tour, die wir vom Hotel
in die Innenstadt gezahlt hatten.
Sonntag, 19. Mai 2002: Auf dem
Burgberg und im Jüdischen Viertel
Dass Taxipreise wirklich
Glückssache sind, erfahren wir bei unserer Tour zur Station der
Zahnradbahn, mit der wir auf den Burgberg wollen. Zwar müssen wir nun
über die Brücke auf die Seite von Buda, fahren also um einiges weiter
als gestern – kommen aber trotzdem mit einem Fahrpreis von 1800 Forint
davon.
An der unteren Station
der Zahnradbahn, der Sikló, neben einem
kleinen Wasserfall gelegen, haben sich bereits Schlangen von Wartenden
gebildet, die die vielleicht etwas über hundert Meter lange Strecke,
die aber immerhin über eine Höhendistanz von etwa 40 Metern führt,
mit dem seltsamen Schienengefährt zurücklegen wollen.
Zwei „Züge“
verkehren auf der Strecke, wobei die vermeintlichen Züge aus jeweils
drei ineinander verschachtelten Kabinen bestehen, die Sichtfenster
entweder in oder gegen Fahrtrichtung.
Nur wenige Minuten dauert
die langsame Höhenfahrt, dann sind wir an der Station des Schlosses.
Hier residierten die Habsburger
mit ihrem Prunk und Reichtum, und das Schloss ist eben kein einzelnes
Schloss, sondern ein Komplex etlicher Einzelbauten, Palais, von Höfen
und Grünflächen, verbunden durch prunkvolle Toreinfahrten, fast eine
eigene Stadt – nur ohne Wohnhäuser für die Menschen, die hier tatsächlich
arbeiten mussten.
Am Rand des
Schlosskomplexes laufen nach wie vor Ausgrabungen, werden die Überbleibsel
aus der Zeit vor den Habsburgern aus der Erde frei gelegt. Man sieht die
Reste von Gewölben, Mauern – und an einigen Stellen sind auch fast
antik anmutende Säulenschäfte und Stelen abgelegt. Schließlich kann
Budapest auch auf eine römische Vergangenheit verweisen.
Ein Fußgängerweg,
fast eine kleine Allee, führt um das alte Wohnviertel des Burgberges
herum, vorbei an ruhigen zwei- bis dreistöckigen Wohngebäuden, immer
mit Blick auf die Stadt zu Füßen des Berges. In einem der Häuser
entlang dieser Allee ist das Militärmuseum untergebracht, erkennbar vor
allem an den Kanonen, die vor dem Museum die Allee verzieren, Geschütze
aus den letzten Jahrhunderten, von dem tonnenschweren gusseisernen
Kanonenrohr bis zu Haubitzen und Flaks aus der Zeit des zweiten
Weltkrieges.
In der Höhe des
Nordtores endet unser Allee-Spaziergang, und nun wenden wir uns der
„Innenstadt“ des Burgviertels zu. Schon vom Nordtor aus sieht man
die Türme der Matthiaskirche, gleich neben dem Hilton-Hotel.
Wirklich mittelalterlich
ist das Bild des Burgviertels nicht: Die ältesten noch erhaltenen Gebäude
stammen aus dem 18. Jahrhundert, auch wenn an manchen Häusern Tafeln
darauf verweisen, dass die jetzigen Bauten auf noch ältere zurückgehen.
Aber es sind kleine und anheimelnde Häuschen in den – für das 18.
Jahrhundert großzügigen – Gassen, mit Cafés in den Hinterhöfen,
mit Kunsthandwerkläden und Antiquariaten, und fast als Kuriosität
entdecken wir in einem der Häuser sogar ein Museum des
Gastronomiegewerbes.
Touristisches
Zentrum des Viertels ist die gotische – eher schon neugotische –
Matthiaskirche mit ihren völlig ungleichen Türmen, einem eher
gedungenen Kirchturm mit bunten, ein Mosaik bildenden Ziegeln auf
rechten Seite des Kirchenschiffes, und einem fast doppelt so hohem,
filigranen Turmbau mit Erkern und etlichen Ornamenten, eine
„Rekonstruktion“ aus dem 19. Jahrhundert.
Die an die Matthiaskirche
angebaute „Fischerbastei“, ein Säulengang
entlang des Bergrandes, ist
der andere touristische Anziehungspunkt. Hier gibt es nun zum Beispiel
ein „Dom-Café“, dessen herausragendster Reiz der Blick durch die Säulen
auf Donau und Stadt ist.
Nach einem Abstecher auf
einen kleinen Kunsthandwerkmarkt – angeboten werden vor allem Decken
und Spitzen, aber auch Schachspiele und Lederarbeiten – machen wir uns
zu Fuß zurück auf den Weg nach Pest, wo wir uns im ehemaligen jüdischen
Viertel die Synagoge ansehen, ein eher schmuckloser Zweckbau, an dem an
einer Stelle eine Tafel daran erinnert, dass hier einst das Geburtshaus
von Theodor Herzl stand.
Unser Abendessen nehmen
wir im „Sport Vendéglö“, laut „Polyglott on Tour“ einst
Geheimtipp, aber immer noch mit deftigen ungarischen Speisen „zu
angemessenen Preisen“. Um sieben Uhr ist das Restaurant noch fast
leer, aber wir lassen uns trotzdem sicherheitshalber für 20 Uhr einen
Platz auf der Straße reservieren. Als wir zurück kommen, sind die Außenplätze natürlich
alle schon besetzt – und auch der Gastraum ist relativ schnell voll.
Von „Geheimtipp“ kann nach der Nationalität der Gäste – darunter
viele Japaner – jedenfalls nicht mehr die Rede sein.
Montag, 20. Mai 2002: Donaufahrt,
Heldenplatz und Stadtwald
Keine Budapest-Reise ohne
Donau-Fahrt: Unsere Donaufahrt führt uns an
der Margareteninsel vorbei fast an den nördlichen Stadtrand und dauert
exakt 90 Minuten.
Nirgends besser als von
der Donau aus lassen sich die Ausmaße des Königspalastes im Vergleich
zu den umstehenden Gebäuden wirklich erkennen, kann man die Unmenge von
Kirchen abschätzen, erhält man einen Eindruck von der wirklichen
Imposanz des Parlamentsgebäudes.
Die Margareteninsel
scheint für die Budapester ein beliebtes innerstädtisches Ausflugsziel
zu sein. Die Margaretenbrücke führt zwar knapp an der Insel vorbei,
aber auf dieser Brücke gibt es eine eigene Straßenbahnhaltestele, und
von hier zweigt eine kleinere Brücke auf die Insel selbst ab. Einige
Sonnenhungrige liegen am „Strand“ – aber ins Wasser fühlt sich
heute niemand gezogen.
Wieder an Land fahren wir
mit der U-Bahn zum Heldenplatz. Steile und schnelle Rolltreppen führen
in die Budapester U-Bahn-Tunnel, die um einiges tiefer als
beispielsweise in Berlin liegen; schließlich führen einige Linien
unter der Donau hindurch.
Die eigentlichen Bahnhöfe
sind allerdings dann ziemlich klein, kaum länger als 20 Meter – und
entsprechend kurz sind dann auch die Züge, deren Waggons zum großen
Teil wohl schon ihre hundert Jahre gesehen haben dürften.
Auf dem überdimensionierten
Heldenplatz, umrahmt von zwei Museumsbauten,
wirken die Touristengruppen unterhalb der Säule mit dem Engel auf ihrer
Spitze und den Kollonaden links und rechts mit den Heldengespannen
regelrecht verloren.
Uns
interessieren allerdings weniger die Denkmäler, die hier 1896 zur
ungarischen Tausendjahrfeier errichtet wurden, als vielmehr das
dahinterliegende Stadtwäldchen, ebenfalls zur Tausendjahrfeier in einen
ungarischen Erlebniswald mit Schloss am See und luxuriöser öffentlicher
Badeanstalt, dem Szécheny-Bad, einem gelblichen neobarocken Bau, der
angeblich Europas größte Badeanstalt umgibt. Durch die Fenster an der
Kasse des Vorraumes kann man immerhin einen Blick auf das muntere
Treiben in der wahrhaft riesigen Badeanstalt werfen.
Nun spazieren wir noch um
die „Burg“ Vajdahunyad, die natürlich nie eine echte Burg ist,
sondern als architektonisches Denkmal zur Jahrtausendfeier die
Geschichte Ungarns nacherzählen, die verschiedenen Baustile aus diesen
tausend Jahren verkörpern sollte. Trotzdem hinterlässt der Bau einen
romantischen Eindruck, fast, als handele es sich um ein echtes Schloss.
Mit der U-Bahn fahren wir
nun zurück in die Innenstadt, laufen noch einmal Richtung
Parlamentsviertel zur Postparkasse mit ihrem chinesischen Dach, gehen
dann zum Abendessen in den Biergarten.
Zwischen 1800 und 2500
hatten unsere Taxifahrten vom Hotel in die Innenstadt bzw. zurück
bisher gekostet; nun heißt es, als wir fragen, ob man uns ein Taxi für
die Heimfahrt rufen könne, wir müssten mit einem Fahrpreis von 4000
Forint rechnen. Das erscheint uns zu teuer – und deshalb halten wir
auf der Straße ein Taxi an. Der Fahrer, der kaum ein Wort spricht, hat
zu Beginn der Tour, auf der er dann die kürzeste Strecke teilweise mit
Tempo 80 nimmt, nicht mit sich handeln lassen, nur auf das Taxameter
verwiesen, das den korrekten Einstiegstarif von 180 Forint anzeigte. Während
der Fahrt versuche ich ständig, ein Blick auf das Taxameter zu werfen,
aber weil der Fahrer ständig die Hand auf der Kupplung hält, ist das
nicht möglich: Als er am Ende der Fahrt die Hand einmal weg nimmt,
zeigt das Taxameter 3990 Forint an! Offensichtlich manipuliert – aber
leider nicht nachweisbar.
Ich zahle mit einem
10.000-Forint-Schein – und erlebe dann im Hotel die nächste böse Überraschung:
Das Wechselgeld, das ich herausbekommen habe, waren 6000 rumänische Lei,
vielleicht 20 oder 30 Forint wert.
Die guten Erfahrungen
hatten uns sorglos gemacht – so dass wir zum Schluss denn doch noch
von den Betrügereien eingeholt wurden, vor denen in den Reiseführern
immer gewarnt wird.
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