Mittwoch,
18. Januar 2012: Jelenia Góra (Hirschberg) - Cieplice (Bad
Warmbrunn) - Schloss Staniszów (Stondsdorf)
Bei
der Anfahrt über die Landstraße hat man nicht wirklich den
Eindruck, ins Gebirge zu kommen. In der Ferne ist zwar unter
anderem der Gipfel eines fast gleichmäßig ansteigenden Berges,
der Schneekoppe als markantestem Punkt eines größeren Höhenzuges
zu erkennen, aber die Landschaft, die wir passieren, zeigt einen
allenfalls hügeligen Charakter. Gegen 11 Uhr hatten wir mit dem
Auto Berlin verlassen, waren bei Görlitz über die – nicht mehr
bemerkbare – Grenze nach Polen gefahren, sind nun, kurz nach 14
Uhr, im Hirschberger Tal in Niederschlesien, erreichen gegen 14.40
Uhr schließlich Jelenia Gorá, die
Kreisstadt der Region, das alte deutsche Hirschberg.
Wir
parken in der Innenstadt, gleich neben dem Rathausplatz. Das
Rathaus, in seiner jetzigen Gestalt, dreistöckig, mit einem
Uhrenturm versehen, der natürlich alle anderen Altstadtbauten überragt,
stammt, wie unsere Reiseleiterin Marzena Kozlowska-Kesicka weiß,
aus dem Jahr 1749, aus der Zeit, aus der auch die umliegenden
schmalen, ebenfalls dreistöckigen Bürgerhäuser, gehalten in den
Farben Rosa, Beige oder gelblich, entstanden sein dürften.
Allerdings
macht der große Rathausplatz nun am Nachmittag einen recht
verwaisten Eindruck – was allerdings in erster Linie an dem eher
unfreundlichen Wetter liegen mag. Im Sommer, so sagt jedenfalls
unsere Führerin, fänden hier regelmäßig Festivals und mehr
statt, herrsche hier so viel Betrieb, dass man für die Wohnungen
in den rekonstruierten Bürgerhäusern keine Mieter fände, sie
nur als Büros genutzt würden.
Eine
Sehenswürdigkeit dieses Rathausplatzes liegt verborgen in einem
gleich neben dem Rathaus liegenden, aber unscheinbaren Gebäude
der Stadtverwaltung: der tiefe, ummauerte Schacht eines aus dem
15. oder 16. Jahrhunderts stammenden Stadtbrunnens, der damals
aber wohl öffentlich zugänglich gewesen sein muss.
Neben
dem Rathausplatz verläuft die Hauptstraße der Altstadt, eine Fußgängerzone,
in der, fast genau vor der Rückfront des Rathauses, ein alter
Straßenbahnwaggon daran erinnert, dass schon im alten Hirschberg
eine Straßenbahn verkehrte. Der vermeintliche Verlauf dieser Straßenbahnlinie
wurde vor einigen Jahren bei der Rekonstruktion der Innenstadt mit
schwarzen Steinen, die die Gleise darstellen sollen, markiert –
wobei man allerdings wohl, so Marzena, einen Fehler machte, sowohl
auf der linken wie der rechten Seite der Straße solche
Gleisimitationen einließ, obwohl die Straßenbahn damals nur
eingleisig verkehrte.
Im
Jahr 1108 soll Jelenia Gorá von einem polnischen Fürsten gegründet
worden sein, was, wie Marzena sagt, allerdings nicht schriftlich
überliefert ist, sondern aus einer Reihe von archäologischen
Funden geschlussfolgert wurde. Wie auch immer: Eine besonders
imposante Stadt dürfte der mittelalterliche Ort kaum gewesen
sein. Keine hundert Meter vom heutigen Rathausplatz verlief
bereits die alte Stadtmauer, deren allerdings beachtlicher
Wehrturm nach Abriss der Mauer zum Turm der St.-Anna-Kapelle
umfunktioniert wurde. Die Kapelle muss bei ihrem Bau aber noch ein
gutes Stück tiefer, unter der jetzigen Straßenhöhe gelegen
haben. Und so dürften
die meisten Besucher vermutlich ohne darauf zu achten an einem
Zeugnis mittelalterlicher Gerichtsbarkeit vorbeigehen, auf das uns
Marzena ausdrücklich aufmerksam macht. Noch ein kleines Stück über
das Straßenpflaster hinausragend sieht man in der aus Feldsteinen
bestehenden Grundmauer der Kapelle den oberen Teil eines Büßerkreuzes.
An dem mussten alle Verurteilten vorbei, wenn Sie durch das
Stadttor zum Richtplatz geführt wurden.
Wir
gehen zurück zum Rathausplatz, durchqueren dabei die zu den
dortigen Bürgerhäusern gehörenden weiß getünchten Arkaden.
Solche Arkaden waren in den Städten Schlesiens ungewöhnlich,
demonstrierten damals den Reichtum und die Weltoffenheit von
Hirschberg. In den Geschäften dieser Arkaden wurde damals nämlich
mit Tüchern gehandelt, und dieser Handel hatte Hirschberg zur
reichsten Stadt Schlesiens, zumindest zur reichsten Stadt von
Niederschlesien gemacht.
In
einem Restaurant, das in den Gewölben eines nahe beim Rathaus
stehenden Hauses untergebracht ist, trinken wir unseren Kaffee.
Das Gewölbe soll, wie der Brunnen, den wir zuvor gesehen haben,
aus dem 15. oder 16. Jahrhundert stammen, und so alt sieht das
Mauerwerk auch in etwa aus.
Nach
dem Kaffee, es ist inzwischen schon dunkel, unternehmen wir noch
einen Abstecher nach Cieplice, heute ein
eingemeindeter Stadtteil von Jelenia Gorá, als Bad Warmbrunn noch
ein selbständiger Kurort mit langer, bis ins Mittelalter zurückreichenden
Tradition, wie Marenza berichtet. Die Heilkraft der Quellen hier
soll nämlich bereits von den Zisterzienser-Mönchen entdeckt
worden sein – die, so die Überlieferung, ihre Patienten in dem
Wasser stundenlang regelrecht kochen ließen. Dazu wurden die
Kranken in einen Leinensack gesteckt, mussten die ganze Zeit über
singen oder aus der Bibel lesen. War aus einem der Becken dann
nichts mehr zu hören, galt das als Zeichen, dass der Patient
verstorben war – und dank des Sackes konnte man ihn nun auch
ohne Probleme bergen.
Nun
findet man am Kurpark – der Eintritt in den Park betrug in der
Zeit, als dies noch ein deutscher Kurort war, eine Reichsmark –
auch gleich daneben das großzügige Schloss der Familie
Schaffgotsch, ein langgezogener Prunkbau mit zwei prächtigen
Portalen, nun angestrahlt, den ganzen zentralen Platz des
Stadtkerns beherrschend. Allerdings: Obwohl es noch gar nicht so
spät ist, wirkt die Innenstadt von Cieplice wie ausgestorben.
Schließlich
beziehen wir nach einer weiteren kurzen Fahrt unser Hotel, das Schlosshotel
von Stanszów, dem früheren Stonsdorf. Das Schloss, umgeben
von einem von Peter Lenné gestalteten Garten, dem ersten Beispiel
eines Englischen Gartens in Niederschlesien, gehörte früher der
thüringischen Adelsfamilie Reuß Jüngere Linie, ist als Schloss
aber ein eher bescheidender Bau, mehr ein wuchtiges, großzügiges
Landhaus als wirklich repräsentativ. Aber immerhin ist das der
Herkunftsort des gleichnamigen Kräuterlikörs.
Donnerstag,
19. Januar 2012: Kowary (Schmiedeberg) – Myslakowice
(Erdmannsdorf) – Bukowiec (Buchwald) – Karpniki
(Fischbach) – Wojanow (Schildau) – Pakoszow (Wernersdorf)
– Cieplice (Bad Warmbrunn) – Schloss Paulinum
Auf
der ältesten Straße des Hirschberger Tals, einer kurvenreichen,
schmalen Straße, fahren wir von Stonsdorf in Richtung der
Lomnitzer Hügel, dabei immer den Kamm des Riesengebirges vor
Augen.
Auf
unserem Weg passieren
wir das Zillertal, so benannt von den evangelischen Glaubensflüchtlingen
aus Tirol, die sich hier im frühen 19. Jahrhundert ansiedelten.
Und so sieht man in den Dörfern ab und an noch ein altes Haus im
Tiroler Baustil, das Erdgeschoss holzverkleidet, nahezu idyllisch.
Doch dieser Schein trügt. Denn auch in solchen Häusern lebten
verarmte Weber, hatten im Erdgeschoss ihre schweren Webstühle zu
stehen, während im oberen Stockwerk die Menschen unter total
beengten Verhältnissen hausen mussten.
Eine
andere Besonderheit des Zillertals sind die Quellen mit dem
radonhaltigen Wasser, das hier zur Gründung einiger kleiner Kur-
und Bäderhotels geführt hat.
Unsere
erste Station des Tages ist der Miniaturenpark von Kowary,
dem einstigen Schmiedeberg. Die Sehenswürdigkeit des Ortes: der
so genannte Miniaturenpark. Hier stehen Nachbauten etlicher Schlösser,
Burgen, Herrenhäuser und mehr aus ganz Schlesien, alle angeblich
im exakten Maßstab 1:25, also eine Schlesische Schlösser- und
Burgentour im Schnelldurchlauf, auch, wenn diese Maßstabsgenauigkeit
vielleicht nicht bei jedem Exponat exakt eingehalten wurde.
Ins
Auge springend jedenfalls noch im Eingangsbereich des
Miniaturenparks: Die Marienkapelle von Grüssau, eine der größten
Miniaturen im Außenbereich, mit zwei Türmen, die die Größe
eines erwachsenen Menschen erreichen. Ebenfalls beeindruckend: die
Burg Tzschocha und schließlich der Nachbau von Schloss Fürstenstein,
dem größten Schloss Schlesiens, auch hier auf einem großen
Felsstein nachgebaut, mit den verschiedenen Baustilen, die im
Laufe der Jahrhunderte auch in das echte Schloss eingeflossen
sind.
Was
diese „großen“ Miniaturen gerade noch besonders hervorhebt,
mag auch der Umstand sein, dass von anderen Nachbauten nur die Dächer
aus der Schneedecke hervorragen, beispielsweise vom so genannten
Witwenpalais des Schlosses von Lomnitz.
Weitere
Exponate, die nicht auf der Freifläche stehen, sind im
Ausstellungsraum untergebracht, einige, weil sie gerade instand
gesetzt werden müssen oder vor Schnee und Kälte geschützt
werden sollen, andere, weil auf der Freifläche kein Platz mehr für
sie war. Und genau das gilt wohl vor allem für den Nachbau des
Rathauses von Görlitz, die größte der hier versammelten
Miniaturen, das Exponat, das die anderen hier doch in den Schatten
stellt.
Nicht
viel mehr als 20 Minuten hatten wir für die Besichtigung des
Miniaturenparks, fahren dann weiter nach Myslakowice,
ehemals Erdmannsdorf. Hier im Dorf sieht man auch noch einige alte
Weber-Hütten und Tiroler-Häuser – und, eher am Rand des Dorfes
das Schloss, das der Preußen-König Friedrich Wilhelm III. der
Familie von Gneisenau abgekauft hatte, damit nicht nur innerhalb
des preußischen Hochadels geradezu die Manie auslöste, ebenfalls
ein Domizil im Hirschberger Tal, möglichst mit Blick auf das
Riesengebirge und die Schneekoppe zu haben.
Das
einst königliche Schloss, heute als Gemeindeschule genutzt, macht
allerdings eher den Eindruck eines großen und gediegenen
Gutshauses, kommt für eine königliche Residenz eher schlicht
daher. Nur der hohe Turm lässt erahnen, dass es hier auch schon
um einiges vornehmer zugegangen sein muss. Dabei galt das Schloss
aber als Kleinod eben vor allem wegen seiner Terrasse, von der aus
man den besten Blick auf die Schneekoppe haben soll. Wir dürfen
zwar allerdings das Schulgebäude betreten, doch der Gang auf die
Terrasse bleibt uns verwehrt: die ist nämlich gerade wegen
Einsturzgefahr gesperrt.
Vornehmere
Tage als das Schloss von Erdmannsdorf hat in jedem Fall auch das
Schloss von Bukowiec, dem früheren
Buchwald gesehen. Der massive, nun graue Bau liegt an einem
kleinen Flüsschen, ist von einem Park umgeben, zeigt von außen
aber keinerlei Schmuck, wirkt ebenfalls mehr als Gutshaus, aber
eben noch um einiges kleiner als das von Erdmannsdorf.
Von
innen sieht man dann aber schon, dass dies ein vornehmeres
Herrenhaus gewesen sein muss: Die Decken des nun von der
Gemeindeverwaltung genutzten Gebäudes sind mit feinen, alte
Bilder an der Wand zeigen ein prächtiges Anwesen, nicht in grau,
sondern in sanftem Gelb, umgeben von einem blühenden Park.
Dein
Eindruck eines mittelalterlichen Schlosses, zumindest eines
Schlösschens, vermittelt unterdessen schon auf den ersten Blick
das Schloss von Fischbach, dem jetzigen Karpniki. Auch, wenn das
gerade eine Baustelle ist, dominieren hier die verspielten Türme
mit ihren Zinnen, das Portal, das auch noch etwas Wehrhaftigkeit
demonstriert, und schließlich der Wassergraben, der den
Burgkomplex umgibt, ganz so, wie man sich eine mittelalterliche
Burg vorstellt.
Tatsächlich
wurde das Schloss oder die Burg von Fischbach, nun im Besitz eines
polnischen Geschäftsmannes, im 14. Jahrhundert als Wasserburg
errichtet, dann mehrfach umgebaut. Nun sieht man über dem Eingang
noch immer das alte Wappen, gibt es schließlich unmittelbar neben
dem Eingangsportal ein Gewölbe aus der Frühphase der Burg, mit
Stuckverzierungen, die auf das 16. Jahrhundert zurück gehen, und,
im Obergeschoss, Wandmalereien, die nun so gut als möglich
rekonstruiert werden. Denn, so der Plan des jetzigen Besitzers: In
absehbarer Zeit soll hier ein weiteres Schlosshotel entstehen.
In
Wojanow, früher Schildau, ist ein solches
Schlosshotel schon in Betrieb – und hier handelt es sich
wirklich um eine königliche Schlossanlage in der Nähe der Bobera,
um einen Komplex, mit dessen Bau 1607 begonnen wurde, der nun aus
einem Hauptgebäude in hellem Beige
besteht, versehen mit zwei Ziertürmen links und rechts des
Mitteltraktes, dazu zwei Seitenflügeln, davor ein Springbrunnen,
all das umgeben von den Wirtschaftsgebäuden, den ehemaligen
Stallungen und der Verwaltung.
Im
19. Jahrhundert war das das Domizil der Prinzessin Luise, nun ein
Schlosshotel und ein Schlossrestaurant, in dem wir unser – spätes
– Mittagessen nehmen. Und das muss hier nicht einmal teuer sein:
Gerichte gibt es immerhin schon ab rund 10 Euro – und auch eine Übernachtung in einem der 92 Zimmer ist noch
durchaus erschwinglich, kostet im „Standardzimmer“ in einem
der Nebengebäude unter 100 Euro, wobei der Preis für eine Nacht
im Turmzimmer nach oben offen ist.
Es
dämmert schon, als wir unser nächstes Ziel errechen, die
„Bleiche“ von Wernersdorf, nun
Pakoszow. Das um 1725 errichtete lang gezogene zweistöckige Gebäude
war allerdings kein Schloss, sondern diente als Fabrikationshalle
für Tuche, Verwaltungsgebäude mit den Büros und eben auch als
Herrenhaus.
Im
Erdgeschoss waren vor allem die Arbeitsräume
untergebracht, wurde aber im Speisesaal auch repräsentiert:
Jedenfalls gab es dort ein gewaltiges Deckengemälde, mit dem der damalige Eigentümer ganz kunstsinnig seinen aus dem Tuchhandel
stammenden Reichtum demonstrieren konnte, ein Gemälde mit
Handelsschiffen allegorischen Figuren auf den Frieden und den
weltweiten Handel. Allerdings ist von diesem gewaltigen Bild nicht
viel geblieben – und so wird es nach den Spuren und alten
Fotografien nun gerade von Christoph Wentzel rekonstruiert, dem Künstler,
der auch schon an der Rekonstruktion der Dresdener Frauenkirche
beteiligt war, und der nun über das zu rekonstruierende Kunstwerk
sagt, dass es wohl eher von einem weniger begabten Maler stammte.
Wie
auch immer: Bald soll das rekonstruierte Deckengemälde das künftige
Schlosshotel einer Familie Hartmann schmücken, einem Ärzte-Paar
aus dem Saarland, Nachkommen der Familie, die bis 1945 auf diesem
Gutshof residierte.
Noch
einmal fahren wir ins Zentrum von Cieplice, in das neue Kurhaus,
gleich gegenüber vom Schloss. Und während Cieplices Zentrum
ansonsten wieder wie ausgestorben wirkt, herrscht im Kurhaus mit
den Thermalbecken doch noch verhältnismäßig reger Betrieb. Rund
40 verschiedene Anwendungen werden mit dem Heilwasser von Bad
Warmbrunn angeboten, erfahren wir vom Kurdirektor, und die sollen
helfen bei Nierenleiden, bei Gelenkproblemen und sogar,
einzigartig zumindest in Polen, auch bei Problemen mit den Augen.
Bevor
es zurück nach Stonsdorf geht,
nehmen wir noch unser Abendessen im Schlosshotel
Paulinum, einem am Rand von Hirschberg gelegenen ehemaligen
Jagdschloss, dass den Nationalsozialisten nach 1933 als
Parteihochschule diente, nach dem Krieg dann der polnischen Armee
gehörte, von der als Offiziersunterkunft genutzt wurde. Augenfällig
hier: eine Art „Kaminraum“, in dem man sich zum Kaffee traf,
nur, dass hier kein Kamin stand, sondern das erlegte Wild zum
Ausbluten aufgehangen wurde, wobei die Jäger hier gemütlich
zuschauen konnten.
Freitag,
20. Januar 2012: Szklarska Poreba (Schreiberhau) – Jagniatków (Agnetendorf)
– Lomnica (Lomnitz)
Etwas
abgelegen, außerhalb des eigentlichen Ortes Szklarska
Poreba, früher Schreiberhau, liegt das Riesengebirgsmuseum,
die erste Station unseres Tagesausflugs. Das eher bescheidene, weiß
getünchte Haus mit
Elementen des Tiroler Stils war das Wohnhaus der Gebrüder Gerhart
und Carl Hauptmann, ist nun Teil des Riesengebirgsmuseums.
Gleich
hinter dem Eingang und im ersten Raum, den man danach betritt,
geht es um die Sagenfigur des Rübezahl. Den gibt es hier nicht
nur in Holz geschnitzt als moderne Skulptur, als Fensterbild auf
Glas oder, eher traditionell,
als übergroße Stofffigur. Die Figur des Rübezahl gibt es hier
auch auf der Kopie einer aus dem 16. Jahrhundert stammenden Karte
des Riesengebirges zu entdecken. Das ist allerdings nicht der
vermenschlichte Riese der späteren Sagen, sondern eher ein Dämon
in Tiergestalt, die früheste bekannte Form des Rübezahl.
Die
Sage von diesem Dämon, so hören wir vom Leiter des Museums, war
damals von den Kräuter- und Edelstein-Sammlern, die im
Riesengebirge nach Heilmitteln, Bergkristallen und anderem
suchten, in die Welt gesetzt worden, sollte ihnen die Konkurrenz
vom Leibe halten. Später haben sich die Geschichten vom Rübezahl
dann verselbstständigt, aus dem Tier-Dämon wurde allmählich der
Riese, der als Richter in die Welt der Menschen eingriff, gute
Taten belohnte, Böses bestrafte.
Im
oberen Stockwerk sieht man dann zahlreiche Glasarbeiten, Kelche
aus Rubinglas und ähnliches, und schließlich eine Sammlung von
Landschaftsgemälden des Riesengebirges. Und ein eigener Raum ist
dann natürlich noch Gerhart Hauptmann gewidmet, den man hier auf
etlichen Fotografien sieht. Hier in diesem Haus, so heißt es, hat
Hauptmann schließlich „Die Weber“ verfasst.
Szklarska
Poreba ist eigentlich ein Straßendorf entlang einer steilen und
kurvigen Durchgangsstraße, die auch noch eine der
Hauptverbindungsstraßen der Region ist, also ein Ort mit starkem
Durchgangsverkehr. Ab und an sieht man noch ein älteres
Fachwerkhaus, aber im großen und ganzen gleicht Szlarska Poreba
doch vergleichbaren Wintersportorten.
Unser
Ziel hier ist das Langlaufzentrum im Jakobstal. Das liegt ein
gutes Stück außerhalb des Ortes, die Straße führt vorbei
Felsblöcken, die aus der hügeligen Landschaft ragen, an einigen
Hotelbauten, die halb vom Schnee begraben zu sein scheinen – und
wird schließlich zu einem riesigen, langen Parkplatz. Um zum
Skizentrum zu gelangen, müssen die meisten Gäste des Ortes nämlich
auf den eigenen Wagen zurückgreifen, da es keine, oder zumindest
nicht genügend öffentliche Verkehrsmittel gibt, auch kaum
Shuttle-Verbindungen angeboten werden.
Das
Ski-Zentrum ist dennoch – und das trotz des unfreundlichen
Wetters mit einem regelrechten Schneetreiben bei eisigem Wind –
recht ordentlich besucht. Betrieben wird das Langlaufzentrum von
einem privat finanzierten Verein, der immerhin 50 Kilometer
Langlaufloipen auch für Amateure in Schuss hält, dazu auch
Loipen unterhält, die nach der offiziellen FIS-Zertifizierung als
Austragungsort für einen Weltcup infrage kämen. Begonnen hatte
das alles vor 36 Jahren mit dem ersten so genannten Piastenlauf,
an dem sich damals knapp über hundert Skiläufer beteiligten.
Heute zieht es hier in der Saison angeblich jeden Tag bis 2000
Wintersportler auf die Loipen.
Nach
unserem Mittagessen in einem Restaurant im Zentrum von Skzlarska
Poreba fahren wir nach Jagniatków, früher
Agnetendorf, dem Ort, in dem Gerhart Hauptmann seine Villa
„Wiesenstein“ hat bauen lassen, nun natürlich ein
Gerhart-Hauptmann-Museum.
Das
ist eine wahre Prunkvilla, die sich der Schriftsteller da auf
einem hügeligen Park- und Waldgelände hat errichten lassen! Und
vollends entfaltet sich dieses Pompöse im Vorraum der Villa, in
der „Paradieshalle“. Ein Gemälde mit Paradies-Szenen von Adam
und Eva bedeckt die gesamte Wand, die Decke ist als Sternenhimmel
gestaltet – und eine repräsentative Treppe führt von diesem
Paradiessaal in das obere Stockwerk, in die Arbeitsräume, die nun
als Ausstellungsräume dienen.
Nach
einer kurzen Pause in unserem Hotel in Stonsdorf machen wir uns
noch einmal auf den Weg nach Lomnica, zum
Abendessen im dortigen Schlosshotel Lomnitz. Wobei: Das
Schlosshotel ist nicht im eigentlichen Schloss untergebracht,
sondern beschränkt sich auf das so genannte Witwenhaus, dessen
Miniatur wir bereits im Miniaturenpark von Kowary gesehen haben.
Denn das Schlossgebäude selbst ist bis heute nur zum Teil
bewohnbar, da es sich noch immer nicht richtig beheizen lässt. So wird es nun genutzt für kleinere Ausstellungen, soll
irgendwann auch wieder als Wohnung der jetzigen Eigentümerfamilie
dienen.
1835
hatte ein hoher preußischer Beamter aus der Familie von Küster
das Anwesen gekauft, war so zum fast direkten Nachbarn der Königsfamilie
mit ihren Schlössen in Erdmannsdorf und Schildau geworden. Anfang
der 1990’er Jahre hatte dann die jüngste Generation der Familie
das weitgehend zerfallene Anwesen vom polnischen Staat zurück
gekauft, angefangen, es Stück für Stück zum Hotel umzubauen.
Und
so beschränkt sich dieses Hotel nicht nur auf das Witwenhaus,
sondern gibt es dazu auch eine alte Dorfschmiede, Stallungen, ein
Reiterhof, also in etwa all das, was auch früher zu einem
Schloss gehörte. Hier kommt nun allerdings auch noch ein
Schloss-Laden dazu, in dem die Dorfbewohner die Produkte des
Ortes, zum Beispiel Marmelade, an die Schlossgäste verkaufen.
Samstag,
21. Januar 2012: Karpacz (Krummhübel)
Wie
Szklarska Poreba ist auch Karpacz, in der
deutschen Zeit Krummhübel, ein lang gezogenes Dorf an einer
kurvigen, meist auch steil ansteigenden Straße.
Wir
halten ziemlich am Ende des Ortes, an einem Aussichtspunkt über
das Hirschberger Tal, wobei die Sicht momentan aber etwas diesig
ist, begeben uns dann zum Aufstieg zu der auf einem Hügel
gelegenen Sehenswürdigkeit von Karpacz, zur Stabkirche Wang.
Diese hölzerne Kirche wurde so, wie sie ist, im 13. Jahrhundert
im südnorwegischen Ort Vang errichtet, dann 1840/41 abgebaut,
nach Berlin gebracht – und 1842 als Kirche der evangelischen
Gemeinde von Krummhübel wieder zusammen montiert.
Nun
gibt es zur Ergänzung zwar noch einen steinernen Kirchturm –
aber das eigentliche Kirchengebäude ist nach wie vor aus Holz
gebaut, und nicht einmal Eisennägel sind hier zu finden, dafür
aber etliche Schnitzereien über den Portalen, Schnitzereien, die
noch in der Tradition der Wikinger stehen.
Nach
diesem „Kirchgang“, direkt neben dem Kirchengelände liegt übrigens
einer der Eingänge zum Nationalpark
Riesengebirge, fahren wir nun zur Seilbahnstation, um von
dort den Sessellift zur Schneekoppe zu nehmen.
Gut
20 Minuten dauert die Fahrt von der Talstation bis zum Gipfel,
eine Fahrt immer über die Piste hinweg – wobei diese Piste wie
eine breite durch den dichten Nadelwald geschlagene Schneise
scheint. Auf dieser Piste fahren auch etliche Skiläufer gerade
abwärts, wobei von Massenbetrieb momentan aber eher nicht die
Rede sein kann. Aber bestimmt ist es auf der Skipiste gerade gemütlicher
als im Sessellift, wo der vom Berggipfel kommende Wind voll ins
Gesicht bläst.
Und
oben angekommen herrscht dort ein richtiges Schneetreiben, kann
man sich aber nicht einmal kurz aufwärmen, weil das Restaurant
geschlossen hat. Also fahren wir auch gleich wieder runter – und
erleben, dass gleich nach unserer Ankunft der Liftbetrieb wegen
des Wetters für diesen Tag eingestellt werden muss.
Wir
essen in einem der Restaurants in der Nähe noch zu Mittag – und
treten dann die Heimfahrt zurück nach Berlin an.
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