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Die Reiseziele
und beschriebenen Orte: Haugeland
mit Haugesund
( mit
Steinsfelljet
und Haraldshaugen),
Røvær,
Avaldsnes,
Hardangerfjord
mit Lansfoss,
Latefoss,
Bleietunet,
Utne,
Lofthus,
Stalheim
und das Nærøtal,
Aurland
und Flåm am
Sognefjord
mit Nærøfjord,
Undredal
und Flåm-Bahn
(mit Kjosfossen),
Bergen
mit dem Ulriken,
Edvard-Grieg-Museum,
Bryggen
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Donnerstag, 4. Juni 2009:
Haugesund – Røvær
Kurz nach 15 Uhr landet unsere
Maschine auf dem Flughafen von Haugesund: ein kleiner Provinzflughafen, auf
dem unser aus Oslo kommender Flieger ganz allein auf dem Rollfeld steht und
auf dem man zum Terminal laufen muss. Das hat aber auch den Vorteil, dass man
rasch an sein Gepäck kommt.
Der
Flughafen liegt bei der Ortschaft Helganes auf Karmøy, einer etwas größeren
Insel, die aber mit ihren Felsen und grünen Wiesen, auf denen auch Kühe und
Schafe weiden, einen ziemlich genauen Eindruck von dem verschafft, was uns auf
dem Festland erwartet. Und die Brücke, über die wir schließlich auf das
Festland selbst gelangen, ist nicht einmal besonders breit, könnte auch die
Brücke über einen eher mittleren denn großen Fluss sein. Tatsächlich führt
sie aber über einen Sund, also über die Meerenge zwischen einer Insel und
dem Festland.
Unser
erstes Ziel in Haugesund, einer von weißen Holzhäusern geprägten Stadt, ist
die „Hafenpromenade“, auch als
„Goldene Meile“ bezeichnet. Gleich neben dem Hotel, in dem sich unsere
Reisegruppe trifft, steht eine Plastik mit Marilyn Monroe. Die Familie der
Schauspielerin war ursprünglich aus Haugesund in die USA ausgewandert – und
da Haugesund inzwischen auch eine Stadt mit Filmfestivals ist, hat einer der
hiesigen Geschäftsleute diese Plastik spendiert.
Auf
der anderen Seite des Wassers steht neben anderen alten Kontoren ein gelbes Gebäude,
das auf den ursprünglichen Haupt-Wirtschaftszweig der Stadt hinweist: den
Herings-Export.
Mit
dem Bus geht es nun zum Aussichtspunkt Steinsfelljet, einem beliebten
Wanderziel der Umgebung, einem Picknickplatz
mit Blick über die Stadt und die Vielzahl von Inseln vor der Küste.
Wir
fahren nach kurzem Aufenthalt zurück zur Küste, zum etwas außerhalb der
Stadt liegenden „Reichsdenkmal“ Haraldshaugen. Das besteht aus auf einem Hügel
stehenden Obelisken, umgeben von einem Rechteck mit Runensteinen. Eingeweiht
wurde dieses Denkmal, von dem aus man auf die schroffe Küste schaut, 1872 –
zur vermeintlichen 1000-Jahr-Feier der Schlacht am Hafrsfjord und der Einigung
der bis dahin bestehenden vielen kleinen Wikinger-Königreiche zum Königreich
Norwegen unter Harald Schönherr, der hier, so die Sage, auch begraben sein
soll.
Rund
100 Meter von diesem Denkmal entfernt, ebenfalls auf einem Hügel, aber
inmitten von Bauernhöfen steht ein steinernes Kreuz, schon einmal gebrochen
und wieder mit Stahlverstrebungen befestigt, vielleicht sieben bis acht Meter
hoch. Dieses Kreuz, inzwischen auch rund 1000 Jahre alt, soll eines der ältesten
christlichen Relikte in Norwegen sein.
Zurück
in die Stadt sehen wir im Konferenzsaal des Hotels einen Panorama-Film über
Haugeland, über die Landschaft und seine Industrie, vor allem geprägt von
der Ölförderung und der Energieerzeugung.
Nach dem Film unternehmen wir
noch einen Bummel über die eher kurze „Goldene
Meile“ mit ihren Cafés in den alten aus Holz gebauten Handelshäusern. Inschriften wie „Sørensens Dampskipexpedition“ erinnern
an die ursprünglichen Bestimmungen dieser Gebäude.
Die
Hauptstraße der Stadt verläuft parallel zur „Goldenen Meile“, eine Fußgängerzone
mit zahlreichen Tierplastiken - aber jetzt gegen 19.00 so gut wie
ausgestorben. Kaum jemand ist zum Einkaufen in den Geschäften unterwegs. Für
die Norweger ist das die Zeit des Abendessens, die Zeit der Hauptmahlzeit, die
man nur ungern verschiebt.
Rund
20 Minuten benötigt unsere in der Nähe der „Goldenen Meile“ startende Fähre
für die Überfahrt zur Insel Røvær: Bei der Ausfahrt erweist sich Haugesund
als ein durchaus moderner Arbeitshafen, als Anlaufpunkt der Versorgungsschiffe
für die Ölplattformen und große Frachter. Von einem kleinen Hafen für
Heringsfischer ist hier kaum noch etwas zu sehen.
Der
ziemlich starke Wind macht die Überfahrt zu einer Achterbahn über die
Wellen. Fast fühlt man sich wie in einem Speedboat. Jedenfalls müssen alle
Passagiere in die Innenkabine, darf niemand auf dem Deck
stehen bleiben.
An
einer kleinen Insel machen wir einen Zwischenstopp. Man sieht kaum Häuser,
und besonders viele Einwohner dürfte dieses Eiland wohl nicht haben – aber
an seinem Hafen hat dieses Inselchen auch seine eigene Poststation.
Wenige Minuten später haben
wir Røvær erreicht. Am Hafen steht das rote Gemeindehaus aus Holz, dazu gibt
es noch einen, um diese Uhrzeit natürlich geschlossenen „Supermarkt“ für
die etwas über 100 Inselbewohner. Zwar gibt es sogar eine kurze befahrbare
Straße – aber wohl nur ein Auto auf der Insel. Wer viel Gepäck zu
transportieren hat, kann das dafür auf eine der Schubkarren laden, die dafür
hier am Hafen stehen.
Wir verstauen unser Gepäck in
dem einzigen Wagen, gehen selbst zu Fuß zu unserem Hotel, dem „Kulturhotell“,
das ziemlich auf der anderen
Seite der Insel liegt, direkt an einem kaum 20 bis 30 Meter breiten Sund. So
blickt man von der Hotelterrasse an
der Rückfront auf die Nachbarinsel, wo sich nun der Friedhof von Røvær
befindet.
Eindrücke eines kurzen
Insel-Spazierganges: Auf Røvær gibt es noch etwas Landwirtschaft mit Kühen,
und die Hotelchefin berichtet von Fischfang, insbesondere vom Krabbenfang,
sowie auch von der Fischzucht.
Wir besichtigen die hölzerne
Kirche, die ebenfalls als Gemeinschaftshaus genutzt wird. Das kleine Gebäude
ist zwar schon einiges über hundert Jahre alt, wurde errichtet in der großen
Zeit des Heringsfanges, wirkt aber immer noch wie neu. Zur Einweihung, so erzählt
die Frau von der Gemeinde, waren etliche Tausend Menschen gekommen – und die
Heringsfischer haben damals auf der Galerie der Kirche übernachtet. Von der
Decke der Kirche hängt die Nachbildung eines Segelbootes – zur Erinnerung
an die Katastrophe von 1899, als 36 Männer der Insel in einem solchen
Boot ertranken, als sie von einer Beerdigung in Haugesund zurück
kamen.
Beeindruckend
ist die Inselschule. Es gibt hier zwar nicht einmal 20 schulpflichtige Kinder,
aber in der Schule ist jeder Platz mit einem eigenen Computer ausgestattet.
An
der Inselküste nisten überall große Möwen, eine gute Wegstrecke entfernt
sieht man den Leuchtturm. Mitunter, so hatte die Hotelchefin erzählt kann man
von der Insel aus auch Orcas und Grauwale beobachten. Die sehen wir heute zwar
nicht – aber obwohl es schon gegen 23 Uhr geht, ist es immer noch fast
taghell, auch von einer Dämmerung kaum etwas zu spüren.
Freitag, 5. Juni 2009:
Avaldsnes – Hardangerfjord – Bleietunet – Utne – Kinsarvik – Lofthus
Kurz vor 9 Uhr fahren wir mit
der Fähre – die früheste Fähre geht um 5 Uhr früh zum Festland, die
letzte erreicht die Insel um 23 Uhr – zurück nach Haugesund, von dort
gleich weiter mit dem Bus nach Avaldsnes. Der Ort gilt zwar als die „Wiege
Norwegens“, wäre als Stadt allerdings nicht einmal als Kleinstadt zu
bezeichnen.
Wir
parken an einer mittelalterlichen Kirche außerhalb des Ortes. Der Parkplatz,
erzählt die örtliche Reiseführerin, liegt nach den jüngsten Forschungen
der Archäologen, genau auf einem Königssitz aus der Zeit von Harald Schönhaar.
Irgendwann in absehbarer Zeit wird man hier also mit den Ausgrabungen
beginnen, sich einen neuen Parkplatz schaffen müssen.
Noch
aber sieht man vom Parkplatz aus auf die kleinen Buchten, die einst als
Anlegeplätze von Hanseschiffen und ursprünglich der Wikingerboote dienten.
Im Schlick liegen noch etliche antike Amphoren, die weiter auf ihre Bergung
warten. Das Landschaftsbild soll sich hier seit dem Mittelalter angeblich
nicht verändert haben – abgesehen davon, dass das Wasser damals etwa wohl
einen Meter höher als heute stand.
Etwa
100 Meter vom Parkplatz entfernt befindet sich das History Center, ein
modernes Museum, das nicht etwa auf einem der Hügel steht, sondern vielmehr
in einen dieser Hügel hinein gebaut wurde. Von oben sieht man lediglich eine
Art Schlot, dem nachempfunden, wie sich die Wikinger den Eingang in die
Unterwelt vorstellten. Die Grundidee beim Bau dieses Museums war, dass auch
danach das einzige vom Meer aus zu sehende Gebäude an diesem Küstenabschnitt
die mittelalterliche Kirche sein sollte.
Im
ersten Raum des Museums erwartet den Besucher zunächst eine lebensechte
Nachbildung von Harald Schönhaar mit seiner Frau – wobei es sich natürlich
um eine sehr idealisierte Nachbildung handelt, so, wie man sich ein reiches
Wikinger-Paar vorstellt, mit wehendem langen blonden Haar. In dem Film, den
der Besucher dann – auch auf Deutsch – über die Frühgeschichte Norwegens
zu sehen bekommt, ist der Darsteller des Harald Schönhaar allerdings
schwarzhaarig.
Per
Kopfhörer lässt man sich dann in den einzelnen Abteilungen des Museums vor
den Exponaten – vor allem Waffen, Schmuck, der Nachbau eines Schiffes –
die Geschichte des frühen Norwegen erzählen. Angesichts der Vielzahl der
angeblichen Königreiche allein im Haugeland dürfte es sich da allerdings
wohl eher um größere Gutshöfe gehandelt haben. Und die Christianisierung
der Wikinger verlief auch alles andere als friedlich. Jedenfalls erinnert das
Museum nun auch an fünf Priester des alten Kultes, die auf Befehl eines
gerade christlich gewordenen Königs an eine Klippe gebunden und bei
einsetzender Flut einfach ersäuft wurden.
Vorbei
an einer eher steinzeitlichen Unterkunft – ein mit Steinen befestigte
Ausgrabung in einem Hügel – geht es den Wikingerpfad entlang zu einer
kleinen vorgelagerten Insel mit einem rekonstruierten Wikingerdorf. Ein großes,
umgedrehtes Boots steht hier nun für ein „Winterquartier“, dazu wurde
auch ein Langhaus nachgebaut. Schulkinder
probieren hier das „Wikingerkleben“ aus
– mit Bogenschießen und Landarbeit.
Die mittelalterliche Kirche am
Parkplatz, eine der ältesten Kirchen des Landes überhaupt, ist unser letzter
Besichtigungspunkt in Avaldsnes. Allerdings heißt das in unserem Fall nur:
Berücksichtigung der rückwärtigen Seite des Kirchenschiffes, der zum
Friedhof gelegenen Seite. Unmittelbar neben der Kirchenmauer ragt hier eine mächtige
Felsnadel aus dem Boden empor, ein Fels, der als „Marias Nadel“ bezeichnet
wird. Die Legende sagt: Wenn der Felsen die Kirchenmauer berührt, steht das Jüngste
Gericht unmittelbar bevor.
Wir
verlassen nun die Küste, fahren mit dem Bus in die Region Hardanger, immer
den Hardangerfjord entlang. Am Lansfoss, einem nicht nur hohen, sondern auch
breitem Wasserfall, legen wir einen kurzen Aussichtsstop ein. Der Fjord wirkt
an dieser Stelle eher wie ein lang gezogener See. In der Ferne sind einige
Bergkuppen mit Schnee bedeckt – ansonsten ist hier alles grün.
Unser
Mittagessen, ein Picknick im Freien, nehmen wir auf einer Anhöhe neben dem
Latefoss. Das ist eigentlich nicht nur ein, das sind zwei unmittelbar
nebeneinander liegende Wasserfälle, über denen sich immer wieder allerdings
schwache Regenbögen bilden.
Wir
fahren einen Seitenarm des Hardangerfjordes, den Sørfjord entlang nach
Bleietunet. Mitunter wähnt man sich aber eher an einem ruhigen Fluss denn an
einem Fjord – und Bleitunet könnte auch ein kleiner Weiler etwa in Tirol
sein. Die ganze „Ortschaft“ besteht aus einigen schmucken Holzhäusern,
vor denen in voller Pracht die Blumen blühen, die Sonne scheint mit ganzer
Kraft – und nur die schneebedeckten Bergkuppen stören dieses südliche
Bild.
Bleitunet
ist kaum als Dorf zu bezeichnen: Vielmehr sind es gerade drei Höfe, auf denen
derzeit insgesamt zwölf Menschen leben. Angebaut werden auf diesen drei Höfen
Äpfel – wobei die eher kleinen Apfelbäume wie Weinstöcke ordentlich in
Reihe und Glied an den Hängen stehen, gerade anfangen, ihre Früchte zu
entwickeln. Ab August beginnt hier bereits die Zeit der Apfelernte – und im
Herbst sollte die Erne besser schon eingeholt sein. Der Apfelwein, der Cider
wird übrigens auch gleich hier an Ort und Stelle hergestellt – denn von den
Äpfeln allein könnten die Bewohner der drei Höfe, die sichert zu den nördlichsten
Apfelbaum-Plantagen der Welt gehören, kaum leben.
Das
nächste Ziel ist Utne, auch das kaum mehr als ein winziges Dorf, hier am
Fjord aber fast schon so etwas wie eine bedeutende Stadt, sogar mit einem hübschen
weißen Bibliotheksgebäude, natürlich aus Holz, und einem bis ins Jahr 1722
zurück reichenden Hotel, vermutlich einem der ältesten durchgehend
betriebenen Hotels nicht nur in Norwegen. Das „Utne Hotell“ ist ebenfalls
weißer Bau, zweistöckig, mit eher kleinen Gästezimmern und einer
Einrichtung, die zwar nicht unbedingt aus dem 18., aber doch sicher aus dem
19. Jahrhundert stammt, angefangen beim altertümlichen Klavier bis zu den
rustikalen Bauernmöbeln.
Seine
Bedeutung verlangt Utne aber wohl vor allem seiner Lage an einer Gabelung des
Fjordes, damit also an einem idealen Verkehrsknotenpunkt und einer Fährstation.
Wir setzen von Utne über nach Kinsarvik, eine Fährfahrt von nur wenigen
Minuten, halten uns auch nicht weiter in dem nur wenige Häuser zählenden Ort
auf der Ostseite auf, fahren gleich weiter nach Lofthus, wo wir im Hotel
Ullensvang einchecken.
Das
Ullensvang ist ein etwas größeres Hotel mit eigenem „Strand“ am Fjord,
Bootsanlegestelle, Blick auf die mit Schnee und Eis bedeckten
Bergkuppen auf der anderen Seite des Fjordes. Eine Besonderheit des
Hotels ist eine hölzerne Hütte im Garten: Die diente dem Komponisten Edvard
Grieg, der hier viel Zeit verbrachte, als „Arbeitszimmer“. Eine Skulptur
vor dieser Hütte soll an die Besuche dieses berühmten Hotelgastes erinnern.
Für
eine knappe halbe Stunde machen wir im Helikopter einen Rundflug über den
Fjord und den anschließenden Nationalpark. Der Hubschrauber fliegt über das
Wasser zunächst ein kleines Stück nach Norden, biegt dann nach Osten auf
einen Seitenarm ein. Unter uns schlängelt sich ein reißender Fluss durch den
dichten Wald, dann geht es auch schon auf das karge Hochplateau. Kein Baum,
kein Strauch wächst hier oben, wo noch der Schnee liegt, das Eis die
Wasserstellen bedeckt. Doch da, wo die Bachläufe fast frei vom Eis in das Tal
strömen, schimmern sie inmitten der weißen und grauen Töne geradezu
smaragdgrün aus der Landschaft hervor. In der Ferne ragt ein dunkler
Tafelberg über die übrigen Bergspitzen hinaus.
Für
einen solchen Hubschrauberflug müsste man, vorausgesetzt man findet andere
Teilnehmer, ungefähr hundert Euro pro Person in dem mit vier Passagieren
beladenen Helikopter zahlen. Normalerweise werden die Hubschrauber allerdings
eingesetzt, um vermisste Wanderer aufzuspüren. Der Rundflug für Hotelgäste
ist eher eine Ausnahme.
Samstag, 6. Juni 2009:
Utne – Kvandall – Stalheim – Flåm – Undredal
Den
Weg, den wir gestern gekommen sind, geht es nun wieder zurück nach Utne, dann
dort wieder auf die Fähre nach Kvandall. Der Fjord zeigt sich bei Überfahrt
von seiner besonders lieblichen Seite, umgeben von teilweise eher sanft
ansteigenden Bergen mit dichten Wäldern.
Von
Kvandall geht es wieder weiter mit dem Bus, nun nach Stalheim, einem in den
Bergen gelegen Ort, auch der mit einem traditionsreichen Hotel: Stalheim war,
vielleicht auch wegen seines mystisch-nordischen Namens, eines der bevorzugten
Reiseziele des deutschen Kaisers Wilhelm II. Das Bild, das sich da vom Hotel
aus eröffnet, hat allerdings auch etwas „nordisch-mystisches“ an sich,
ein Bild, bei dem man sich an die alten nordischen Göttersagen erinnert fühlt.
Auf
der linken Seite stürzt ein Wasserfall in die Schlucht – und der Blick
geradeaus fällt auf ein tiefes Tal, in
das Nærøtal, eine Schlucht mit einem Fluss, umgeben
von steil ansteigenden Bergketten.
Ob
der Betrachter dieses Bild als schön oder unheimlich und bedrohlich
empfindet, scheint auch eine Frage des Zeitgeschmacks. In dem Hotel befindet
sich eine Gemäldesammlung, die genau das wiederspiegelt: die frühesten Gemälde,
etwa aus der Zeit um 1820 herum, zeigen die Landschaft von einer düsteren
Seite – und erst im Laufe der Jahrzehnte fallen die Betrachtungen dann
freundlicher aus.
Der Weg bergab zum Sognefjord,
ins Aurland nach Flåm führt über eine Serpentinenstraße mit einem
permanenten Gefälle von gut zehn Prozent – eine beeindruckende Straße in
einer beeindruckenden Umgebung, in der vor allem immer wieder ein Wasserfall
als Blickfang auftaucht.
Ein Hafen, ein Bahnhof, an
Hafen und Bahnhof einige wenige Geschäfte, dazu ein Eisenbahn-Museum, etwas
weiter weg das Fretheim-Hotel, eine Straße, die vom Hafen weg in die Berge führt
und an der auch einige Häuser stehen: Damit hätte man die Ortschaft Flåm,
rund 400 Einwohner, schon hinreichend beschrieben. Als der Ort am Endpunkt des
Sognefjordes bemisst sich Flåms Bedeutung aber natürlich nicht allein an der
Einwohnerzahl.
Ein kurzer Besuch im
Eisenbahn-Museum: Das erinnert insbesondere an den Bau der Bergen-Bahn Ende
des 19. Jahrhunderts. Wir sehen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Arbeitskolonnen,
Werkzeug, das uns eher primitiv
erscheint wie hölzerne Schubkarren – und erfahren aus den Begleittexten
einiges über die damaligen Arbeitsbedingungen. Vor der Bahn mussten noch
Versorgungsstraßen gebaut, Tunnel durch die Felsen geschlagen werden. Beim
Tunnelbau bildeten neun Mann eine Arbeitskolonne, die unter günstigen Umständen
in der Woche zwei Meter bewältigt. Die Eisenbahngesellschaft zahlt pro
Tunnel-Meter zwischen 380 und 450 Kronen, womit theoretisch jeder Arbeiter auf
100 Kronen in der Woche kommen könnte. Der Haken allerdings: Die Kosten des
verbrauchten Dynamits werden den Arbeitern wieder von ihrem Lohn abgezogen –
und außerdem müssen sie ihr Grabungswerkzeug regelmäßig schärfen lassen,
wofür ebenfalls eine Gebühr fällig wird.
Mit einem Zodiak brechen wir
von Flåms Hafen aus auf zur Fjord-Safari. Am Faszinierendsten sind natürlich
immer wieder die Wasserfälle – aber ebenso beachtenswert sind die
Ziegenherden, die an den Berghängen grasen, mitunter halsbrecherische Wege zu
ihren Futterplätzen nehmen. Mit diesen fast frei lebenden Ziegenherden hat es
eine besondere Bewandtnis: Sie werden nämlich zu Beginn des Sommers mit dem
Boot auf die Sommerweiden gebracht. Die eigentlichen Bauernhöfe befinden sich
nämlich auf der gegenüberliegenden Seite des Fjordes, bieten aber nicht
genug Futterplätze. In der Nähe einer dieser Ziegenherden sieht man eine
inzwischen fast verfallene Holzhütte, einst ein solcher „Sommer-Hof“, nun
aber nicht mehr als menschliche Behausung genutzt.
Noch genutzt wird dagegen das
kleine weiße Holzhaus, das über dem Fjord einsam auf einem hohen Felsen
steht, ohne, dass man irgendeinen Weg dorthin entdecken könnte. Das soll die
berühmteste Farm Norwegens sein, erzählt unser Bootsführer. Die ursprünglichen
Eigentümer waren nämlich arme Leute, die sich die Steuern nicht leisten
konnten. Deshalb bauten sie ihr Haus auf dem Felsen, erreichbar nur über eine
Leiter – und wenn der Steuereinnehmer kam, wurde die Leiter einfach hoch
gezogen. Die ursprünglichen Eigentümer sind inzwischen längst nach Amerika
ausgewandert – und das einsame Haus dient heute als teures Zentrum für
Managerschulungen.
Wir biegen in einen anderen Arm
des Sognefjordes, in den Nærøfjord ein, weit enger als der nach Flåm führende
Arm, aber die Berge scheinen dafür hier noch massiver.
Temperaturunterschiede: Plötzlich im Schatten eines solchen Berges verdunkelt
sich das Bild, zieht dazu eine Kälte auf – die erst nachlässt, als das
Boot aus dem Schatten wieder heraus ist. Diese Temperaturschwankungen sind
einer der Gründe, warum man sich zur Fjord-Safari etwas wärmer anziehen
sollte.
Dörfer gibt es hier nicht
mehr, nur noch einzelne Gehöfte – wobei manche dieser Gehöfte in der
Vergangenheit auch bestimmte Funktionen für die gesamte Region übernommen
haben, etwa Bakka fast am Ende des Armes als „Kirchdorf“. Mitunter soll
man in dieser Gegend mit etwas Glück auch Robben, Schweinswale und Adler
entdecken – von denen wir an diesem Nachmittag aber nichts zu sehen
bekommen.
Auf dem Rückweg legen wir
wieder kurz vor Flåm in Undredal an. Das Dorf liegt unmittelbar neben einem
reißenden Fluss, der schon vor über 100 Jahren Lachs-Angler in die Region
lockte. Dazu kommt aus Undredal der nur in Norwegen angebotene braune Käse:
Der wird hergestellt aus der Ziegenmilch, angereichert mit Rahm von Kuhmilch.
Eigentliche Attraktion von
Undredal ist aber die hölzerne Stabkirche, die kleinste Stabkirche Norwegens,
gebaut in der Mitte des 12. Jahrhunderts, mit gerade 14 Sitzplätzen. Die
Decke des Kirchleins ist blau gestrichen, versinnbildlicht den Sternenhimmel,
ist dazu ausgestattet mit diversen Geschenken, die die Gemeinde im Lauf der
Jahrhunderte bekam, beispielsweise einer Glocke, die nun neben dem Eingang hängt.
Am Abend besuchen wir die Ægier-Brauerei,
ein im Wikingerstil errichteter Holzbau am Hafen von Flåm. Zumindest was den
Musikgeschmack betrifft, ist hier wohl die Zeit stehen geblieben: Gespielt
werden fast ausschließlich Rocksongs aus den 1970-er Jahren.
Unser Hotel, das Fretheim-Hotel,
wurde übrigens auch bereits 1870 errichtet, von einem Bauern, der gemerkt
hat, dass er mit den englischen Lachs-Anglern mehr verdienen kann als mit der
Landwirtschaft. Und angeblich soll es, zumindest im alten Trakt des Hotels,
auch ein Gespenst geben. Etliche Angestellte, aber wohl auch einige Gäste
behaupten steif und fest, dort mitunter eine ältere Frau gesehen zu haben.
Das soll der Geist von Martha sein, einer Cousine des Hotelgründers. Sicher
ist jedenfalls, dass viele Norweger ja auch an die Existenz von Trollen
glauben, deren Figuren in keinem Andenkengeschäft fehlen.
Von unserer Gruppe allerdings
begegnet in dieser Nacht niemand dem Geist von Martha.
Sonntag, 7. Juni 2009: Flåm
– Myrdal – Bergen
Noch vor neun Uhr besteigen wir
die Flåm-Bahn, die uns innerhalb einer Stunde in das Bergdorf Myrdal bringen
soll. Dabei überwindet die Bahn auf einer Strecke von knapp über 20
Kilometern immerhin rund 850 Höhenmeter.
Der Bahnhof in Flåm liegt auf
einer Höhe von zwei Metern über dem Meeresspiegel, am ersten Bahnhof in
Kunden haben wir bereits die Marke von 16 Metern passiert. Mit Flåm und
Myrdal zählt die Strecke insgesamt übrigens 16 Bahnhöfe – wobei die
Bahnhofsgebäude nie mehr als gelbe oder rote Holzhäuschen sind, die dazu gehörigen
Dörfer immer nur wenige Häuser zählen.
In dem Fluss neben der
Bahnstrecke liegen gewaltige Felsbrocken, um die herum Laufstege gezimmert
wurden. Plattformen für die Lachs-Fischerei.
Auf ihrem Weg passiert die Bahn
– neben etlichen anderen – auch den Kjosfossen, einem mit viel Getöse 93
Meter tief vom Felsen stürzenden Wasserfall. Hier legt der Zug für seine
meist touristischen Gäste einen Foto-Stopp ein, einen Foto-Stopp, bei dem man
auch auf der hölzernen Plattform damit rechnen muss, nass zu werden. Bis
hierher sprüht die Gischt des schäumenden Wassers, über dem sich immer
wieder für einen kurzen Moment schimmernde Regenbogen bilden.
In Myrdal steigen wir dann auf
die „normale“ Bahn um, nehmen den Zug nach Bergen, das wir am späten
Vormittag erreichen.
Erstes Ziel in Bergen ist der Ulriken, der „Hausberg“ der Hafenstadt. Nach zweijährigen
Rekonstruktionsarbeiten hat seit Mai wieder die Seilbahn geöffnet –
ansonsten soll es etwa zwei Stunden dauern, bis man auf dem Hochplateau
angekommen ist. Die Seilbahn benötigt dafür keine Minuten.
Von hier oben sieht man, wie
sich das moderne ausufernde Bergen zwischen den Hügeln um die Meerarme drängt,
erkennt man aber auch genau die alte Stadt mit ihren Holzhäusern. Das felsige
Hochplateau selbst ist eine karge Landschaft, bewachsen zwar von einer
Grasnarbe, aber ohne Bäume oder auch Sträucher.
Wieder unten angelangt fahren
wir mit unserem Bus durch die Stadt, passieren dabei auch das alte
Krankenhaus, Norwegens größtes Holzhaus, steuern das einstige, außerhalb
der Stadt direkt am Meer gelegene Anwesen von Edvard
Grieg, für die Norweger
wohl mehr als nur ein bedeutender Komponist sondern fast schon ein
Nationalheld, an.
Man erreicht das Grieg-Anwesen
über die so genannte Troll-Allee. Die Bäume, die diesen Weg säumen, sind
tatsächlich so geschnitten, dass man sie für unheimliche Fabelwesen halten könnte.
Das Haus selbst ist ein eher bescheidenes Holzhaus, aber in einem überaus großzügigen
Anwesen mit fantastischem Blick auf die Bucht und einige kleinere Inseln.
Das von der UNESCO zum Welterbe
erklärte Bryggen, die alte Hanse-Niederlassung in Bergen, ist erstaunlich
klein. Scheinbar besteht der Stadtteil aus nicht viel mehr als etwas über
einem Dutzend weißen und roten Holzhäusern am Hafen – und Bryggen ist auch
wirklich klein. Zwischen diesen Holzhäusern führen zwar Gassen zu den
ehemaligen Handelshöfen, aber der vorherrschende Eindruck ist auch hier die
Enge. Kaum vorstellbar, dass in diesen Höfen, in denen der Boden überall mit
Holzbohlen ausgelegt ist, jeweils mindestens 70 Männer gelebt und gearbeitet
haben sollen.
Was man zu sehen bekommt, ist
allerdings nicht einmal das mittelalterliche Bryggen, sondern ein Nachbau nach
einem Stadtbrand im 18. Jahrhundert. Und da baute man dann im hinteren Teil
des Viertels auch die ersten Steinhäuser, nun dunkle Gemäuer, in denen man
die wertvollere Ware aufbewahrte.
Unser Hotel in Bergen ist das
Hotel Admiral, gelegen auf der anderen Seite des Hafens – so dass man von
unserem Hotel direkt auf die alten Hansehäuser schauen kann.
Montag, 8. Juni 2009:
Bergen
Am Hafen hat bereits der
traditionelle Fischmarkt geöffnet. In den einzelnen Buden und Zelten werden
zwar auch Fische und Meeresfrüchte, zum Beispiel riesige Langusten, dazu auch
Dörrfisch verkauft, vor allem aber Andenken und Textilien für die Touristen.
Wir
nutzen die verbleibende Zeit zum Besuch des Bryggen-Museums, eines der alten
Handelshäuser, das nun zur Dauerausstellung über die Zeit der Hanse in
Bergen wurde. Scheinbar wurde damals jeder Raum, alle verfügbare Fläche in
einem Haus auch als Warenlager genutzt – so dass der Stockfisch mitunter
auch gleich neben der „guten Stube“ hängen konnte.
Um
10.45 werden wir abgeholt für den Transfer zum Flughafen, treten die Rückreise
nach Deutschland an.
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