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| Budva - Kirche
und Hauptplatz gleich an der Stadtmauer |
In den Gassen
des mittelalterlichen Kotor |
Sveti Stefan -
ein Dorf, gebaut als Insel-Festung |
Im Kloster
Recevici wird die Gastfreundschaft gepflegt |
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| In der Bojana
haben die Fischer ihre Netze ausgelegt" |
Ländliches
Leben in den albanischen Dörfern |
In den Bergen
des Nationalparks Durmitor |
Dörfliche
Städte - hier am Rande von Gusinje |
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Moraca
zählte im Mittelalter zu den großen Klöstern |

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Vranjina am
Skutari-See - das Klein-Venedig Montenegros |
Zum Betrachten
der Fotos klicken Sie auf die Vorschaubilder
Die Reiseroute:
Tivat
- Budva
- Cetinje
- Njegusi
- Kotor
- Perast
- Sveti Stefan
- Rezevici
- Bar
- Stari Bar
- Ulcinj - Ada Bojana
- Ostros
- Virpazar
- Skutari-See - Kurac
-
Rijeka Cronojevic - Pivisko-Stausee
- Scepan Polje - Tara-Schlucht
- Nationalpark Durmitor
- Zabljak - Schwarzer See
- Durdevica Tara
(Tara-Brücke) - Plav
- Gusinje
- Kolasin
- Biograd-See
- Kloster Moraca
- Podgorcia
- Vranjina
- Petrovac
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Donnerstag, 6. Juni 2002: Tivat – Budva
Ruhiger kann ein
Flughafen kaum sein: Etwa gegen 6.30 Uhr morgens landen wir nach zwei
Stunden Flug von Leipzig aus auf dem Flughafen von Tivat, und unsere
Maschine ist die einzige, die weit und breit auf dem Rollfeld zu sehen
ist. Ein Rollfeld, eine Abfertigungshalle, umrahmt von grünen Bergen
– so heißt Montenegro seine Besucher willkommen.
Das Gepäck läuft über
ein altertümliches Förderband, die Passkontrollen sind eher lasch –
aber dafür wird das Gepäck noch einmal beim Verlassen des Flughafens
durch das Röntgengerät geschickt. Die ganze Einreiseprozedur dauert
keine halbe Stunde, und nachdem die Passagiere unseres Fluges
abgefertigt sind, kann der Flughafen von Tivat wieder in seinen Dornröschenschlaf
fallen.
Die Fahrt von Tivat nach
Budva dauert etwa 20 Minuten und führt über eine schmale, kurvenreiche
Straße, vorbei an einigen wenigen kleinen Dörfern, aber mitunter sieht
man minutenlang auch gar kein Haus, sondern nur die dichten Wälder auf
den Hügeln und Bergen. Dann folgt schließlich ein erster Blick auf die
Küste: Ein weißer Flecken Strand in einer Bucht, menschenleer,
scheinbar noch unberührt,
Das Avala, unser Hotel,
liegt unmittelbar, nur durch einen Platz getrennt, gegenüber der aus
dem 14. Jahrhundert stammenden Stadtmauer, die den wirklich kleinen
historischen Kern in Gänze umschließt. Das Avala dagegen stammt aus
titoistischer Zeit, seine Zimmer sind schon etwas verwohnt und der weiß-blaue
Speisesaal einfallslos gestaltet. Aber die Lage am Meer und in
unmittelbarer Nachbarschaft zur Altstadt macht es eben zu dem
Budva-Hotel schlechthin.
Vor
dem Mittagessen unternehmen wir einen kleinen Spaziergang durch die
Altstadt. Die Mauer umfasst ein Areal, das kaum größer als etwa eine
mittlere deutsche Burg ist, die vier Stadttore nicht wesentlich größer
als die Eingangstüren eines Kinosaales, in jedem Fall aber zu klein,
als dass jemals ein Pferdewagen hier hätte durchfahren können. Die
Gassen zwischen den hellgrauen Steinhäusern wären aber auch ohnehin zu
eng für jedes Gespann gewesen, und was hier Platz genannt wird, ist
kaum mehr als eine etwas verbreiterte Gasse. Budva, zumindest das
historische, war und bleibt die Stadt der Fußgänger.
Und die
Stadt der Boutiquen, der Pizzerien, Cafés oder Schmuckläden,
ausgerichtet auf Touristen, die aber seit dem Krieg, der Montenegro
selbst nicht erreichte, wegblieben – und nun nach dem Ende der
Sanktionen gegen Jugoslawien nur spärlich zurückkehren. So warten die
Verkäufer, meist die Verkäuferinnen in den teuren Läden auf Kunden,
die es noch nicht gibt.
Nach
wenigen Metern gegen wir durch eine Nebengasse hinaus aus dem ummauerten
Teil zum Kiesstrand, setzen uns in eines der Strandcafés, zahlen wir
einen Espresso 50, für ein Mineralwasser 80 Cent. Von hier blickt man
auf den Kirchturm in der Stadt und auf ein mächtiges Gebäude, das zur
Meerseite hin die Stadt abschließt und an dessen Mauern sich nun ständig
die Wellen brechen.
Gegen
16 Uhr brechen wir dann noch einmal zu unserer nun geführten
Stadtbesichtigung auf.
Budva,
so erzählt die Legende, soll etwa um 500 vor Christus von dem punischen
Prinzen Kadmos gegründet worden sein, sah in jedem Fall, so belegen die
Ausgrabungen, griechische, römische und byzantinische Besitzer – und
verdankt seine jetzige Gestalt den Baumeistern der Renaissance: Die
trotz ihrer bescheidenen Gesamtausmaße imposante Stadtmauer stammt aus
dem 15. Jahrhundert, wurde aber, wie die komplette Stadt, 1979 bei einem
Erdbeben zerstört und dann absolut originalgetreu wieder aufgebaut.
Vor der
Tür einer der zahlreichen Kleiderboutiquen macht uns unsere Stadtführerin
auf das zwei bis drei Meter unterhalb des Ladens befindliche frei
liegende Gewölbe mit den Resten antiker Säulen aufmerksam. Diese Überbleibsel,
beim Erdbeben frei gelegt, stehen
immer noch auf der ursprünglichen Höhe der Stadt, repräsentieren ihre
älteste Grabungsschicht.
Ein
winziger Platz, mehr ein Plätzchen, geschmückt mit einer modernen
Skulptur, ist Budvas Dichterplatz, dienst bei den vielen sommerlichen
Festivals als Kulisse für Lesungen
Budvas Hauptplatz liegt unmittelbar an der Stadtmauer: Hier
liegen sich die römisch-katholische und die serbisch-orthodoxe Kirche
unmittelbar gegenüber, befindet sich das nun mitunter als Konzertsaal
genutzte mittelalterliche Kloster, jenes Gebäude, dass wir als
wellenbrechenden „Außenposten der Stadt“ bereits vom Strand gesehen
hatten und erhebt sich schließlich ebenfalls mit der Mauer verbunden
die aus der Zeit der K.u.K.-Monarchie stammende Zitadelle. Zu Füßen
der Zitadelle finden sich – Folge des Erdbebebens – die Fundamente
eines alten Brunnens und die Grundmauern eines aus der Antike stammenden
Gebäudes.
Von
diesem Platz nun beginnt unser Spaziergang über die rundum erhaltene
– korrekter: rundum wieder hergestellte – Stadtmauer. Die ist
immerhin so breit, dass auch an der schmalsten Stelle zwei Fußgänger
bequem nebeneinander laufen können, verfügt an jeder ihrer vier Ecken,
die Stadt ist fast quadratisch angelegt, über einen kleinen „Platz“
und einen allerdings wahrlich winzigen Wehrturm.
Mitten
in der Bucht liegt die Insel St. Nicola, wobei es sich eigentlich sogar
um zwei Inseln handelt, weil an der der Stadt zugewandten Seite ein Teil
des Felsens vom Hauptstück abgebrochen ist und nun als steinerner Klotz
im Meer liegt, den jetzt wie eine bewaldete Rampe aussehende Hauptteil
allein zurück lassend. Früher, so unsere Stadtführerin, hatten die
Fischer auf diesem Eiland, immerhin die größte zu Montenegro gehörenden
Inseln, dort ihre Weinterrassen; heute ist das Stück im Privatbesitz
und beherbergt ein Restaurant, das gerade, alte Bausünden lassen grüßen,
zu einem überproportionierten hässlichen Betonklotz ausgebaut wird.
Der
alte Kern von Budva, so erfährt man beim Spaziergang auf der
Stadtmauer, ist von allen Seiten vom Wasser umgeben, nur durch eine
schmale Landzunge mit dem Festland verbunden Und: Trotz aller Enge
innerhalb der Mauern scheinen die Bewohner bemüht, jedes verfügbare Stück
Grün zu erhalten, halten sich die Hausbesitzer mit einem Grundstück im
Schatten der Stadtmauer ihre kleinen Gärten, wachsen hier Mistel- und
andere Bäume, hält sich einer der Gärtner sogar Puten.
Vor der
Rückkehr ins Hotel werfen wir noch einen Blick in den Supermarkt im
„modernen“ Teil von Budva: Etwas über hundert Euro soll das
monatliche Durchschnittseinkommen eines Montenegriners betragen: Die
Lebensmittel, die im Supermarkt angeboten werden, sind meist Importware,
zum teil teurer als in Deutschland. Eine lange Stange Weißbrot gibt es
allerdings schon für 35 Cent.
Freitag, 7. Juni 2002: Budva –
Cetinje – Njegusi – Kotor – Perast – Budva
Dass
Budva natürlich nicht nur aus Altstadt besteht, sehen wir bei
unserem Zwischenstopp auf dem Weg nach Cetinje: Rundblick auf die Bucht
von Budva. Die ummauerte Altstadt erscheint aus der Höhe als ein
winziger vorgelagerter Fleck des sich an allen Hängen der Berge
ausbreitenden Ortes. Von St. Nicola dagegen sieht man nun die ganzen
Umrisse, und die Insel beherrscht mit ihrer Größe tatsächlich die
ganze Bucht.
Unser
erstes Tagesziel ist das in Bergen nördlich von Budva gelegene Cetinje,
einst Residenz der montenegrinischen Fürsten und des einzigen Königs
des Landes, heute bei Montenegro-Besuchern vor allem wegen seiner Museen
bekannt.
Das
Kloster, ein lang gezogener grauer Bau, von dem die Gründung Cetinjes
als Fürstensitz ausging, stammt zwar bereits aus dem 15. Jahrhundert
– doch der Ort selbst entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert, so
dass sich hier keinerlei mittelalterliche Spuren finden. Bei der
Einfahrt in die Stadt macht uns Natascha, unsere heutige Begleiterin,
bei einer kleinen Kirche auf eine Besonderheit aufmerksam: Die Eisenstäbe,
die den Zaun um die Kirche herum bilden, sind Bajonette aus der Zeit der
Türkenkriege.
Vor
allem um die Türkenkriege geht es auch im Museum des Königs Nikola,
untergebracht in der alten königlichen Residenz, ein eher bescheidener
zweistöckiger roter Bau, auf den ersten Blick nicht einmal unbedingt
als herrschaftliches Schloss auszumachen. Seit 1926 dient dieses
einstige Königsschloss nun als Museum für die montenegrinische
Geschichte – insbesondere als Museum für die eher kurze Geschichte
des Königreiches.
Im
ersten Stock sind die Waffen des Königs ausgestellt, die diversen
Uniformen und die Trachten, in denen die Montenegriner in die Schlacht
zogen, dazu die von den Türken eroberten Fahnen, angeblich noch mit den
Originalblutflecken der gefallenen Feinde.
Im
oberen Stockwerk geht es etwas ziviler zu:
Schließlich war Nikola dank seiner neun Töchter mit den
wichtigsten Dynastien Europas verschwägert, und so hängen denn in den
diversen Salons des zweiten Stocks die „Familienbilder“ der
russischen Romanows, der Herrscher des Hauses Savoyen oder von
Mecklenburg-Strelitz, alles Verwandte des Königs eines
Balkan-Kleinstaates.
Cetinje
galt bereits im alten Jugoslawien als die führende Museumsstadt – und
ein Wegweiser vor dem Schlossplatz zeigt die Richtung zu den wichtigsten
Museen der Welt, jeweils mit Entfernungsangaben, vom rund 800 Kilometer
entfernten Vatikan bis zur Eremitage. Museal ist auch der Museumsführer,
den ich für fünf Euro an der Kasse kaufe: Gedruckt 1972, die
aktuellste Literatur, die gegenwärtig vorrätig ist.
Zum nächsten Museum sind
es nur wenige Schritte – und das Prachtstück des Kunstmuseums, das
erst seit wenigen Monaten hier in einem eigenen abgedunkelten Raum hängt,
ist in diesem Führer noch nicht verzeichnet: Eine mindestens aus dem
14. Jahrhundert stammende Ikone mit dem inzwischen total verdunkelten
Bild der heiligen Maria, die über den Umweg von Rhodos, Malta, St.
Petersburg schließlich in Cetinje landete. Die Weihrauchdämpfe haben
das mit Edelsteinen umrahmte Gesicht der Madonna im Lauf der
Jahrhunderte schwarz werden lassen, und nur von der Seite erkennt man
nach einigen Blicken, dass hier ein Gesicht abgebildet ist. Haben sich
die Augen aber erst einmal an den Anblick gewohnt, erkennt man nach und
nach die Konturen und glaubt schließlich der Museumsführerin auch
gern, dass es sich hier um eines der beeindruckendsten Zeugnisse der
Ikonenmalerei handelt.
Neben den Museen der
andere Stolz der Kleinstadt: die zwölf Botschaften, die sich hier in
der Zeit des Königs Nikola niederließen. Dabei handelt es sich
allerdings um kaum mehr als um einige herrschaftliche Villen, die heute
für Kultureinrichtungen und ähnliches genutzt werden. Im Vergleich zu
den Villen Österreichs oder Russlands mutet die deutsche Botschaft, ein
schlichtes gelbes Wohnhaus, äußerst bescheiden an. Die ehemalige
deutsche Botschaft steht allerdings auch als einzige leer.
Nach dieser kurzen
Stadtbesichtigung fahren wir in die Berge, in das Dorf Njegusi, berühmt
für seinen geräucherten Schinken und seinen Käse. Die kulinarischen
Berühmtheiten sind allerdings auch das einzige, was Njegusi seinen
Besuchern – und wohl auch seinen ständigen Bewohnern – noch zu
bieten hat. Das Magazin, der alte Dorfladen, hat geschlossen, und es
sieht nicht so aus, als wäre die Schließung nur vorübergehend. Auch
die Dorfpost ist offensichtlich nicht mehr in Betrieb, der zentrale
Dorfplatz mit dem Partisanendenkmal verwaist. Im trockenen Lauf des
Dorfbaches sprießt das Unkraut.
Der Schinken und der Käse,
der uns in dem urigen Gasthaus vorgesetzt wird, ist allerdings wirklich
hervorragend, würzig und nach Rauch schmeckend, und das Brot dazu hat
einen leicht süßlichen Beigeschmack.
Wir besuchen eine der
drei im Ort noch aktiven Räuchereien: Achttausend Schinken hängen vom
Dach des Gebäudes, die noch frischen ganz oben, die reiferen weiter
unten. Etwa drei Monate, so sagt der Besitzer der Räucherei, dauert die
Prozedur, der ständige Wechsel von Räuchern zu Lufttrocknen, bis der
Schinken eben den echten Njegusi-Geschmack erreicht hat. Merkwürdig
allerdings: Im Ort und auch in der Umgebung gibt es gar keine Schweine.
Der Räuchereibesitzer importiert die Schinkenkeulen aus Ungarn. Die
Umgebung von Njegusi ist landwirtschaftlich nicht gerade gesegnet –
und für den Anbau von Mastfutter fehlt schlicht und ergreifend der
Platz.
Auch um den Export ist es
momentan nicht zum besten bestellt. Lediglich nach Dubrovnik könne er
momentan seine Räucherware verkaufen, sagt der Besitzer – und das sei
eigentlich auch illegal.
Unser nächstes Ziel
liegt wieder an der Küste: Kotor, eine ummauerte Hafenstadt wie Budva,
aber um einiges größer, wobei die Mauern von Kotor nicht nur die Häuser
der Stadt, sondern auch einen großen Teil des hügeligen Umlandes
umfassen. Und auf diesen Hügeln sieht man nicht nur die Stadtmauer,
sondern beispielsweise auch die Ruine einer Kirche, Spuren einstiger
Wege, vereinzelte Gebäudereste.
Das der Seeseite
zugewandte Stadttor ist unser Eingang in die spätmittelalterliche
Stadt. Über dem Stadttor prangt aus jüngerer Zeit unter dem früheren
jugoslawischen Stern das Tito-Zitat „Wir beanspruchen kein fremdes
Land, werden aber auch keines von unserem hergeben“.
An dieser Seite der
Stadtmauer sind Kotors Gassen und Plätze um einiges breiter als die von
Budva, doch das Gesamtbild ist ähnlich. Mit dem Unterschied: Kotor ist
nicht so wie die kleinere Schwester auf Touristen angelegt, statt der
Boutiquen und Cafes dominieren hier kleine Lebensmittelgeschäfte, Läden,
die auf den Bedarf der Einheimischen ausgerichtet sind.
Zunächst
gelangt der Besucher zur Kathedrale und dem davor liegenden Hauptplatz
der Stadt, nicht weit entfernt liegt das Schifffahrtsmuseum. Spannender
ist allerdings das ziellose Schlendern durch die Gassen, vorbei an den
Hauseingängen mit ihren mittelalterlichen Ornamenten, das Schauen in
die Hinterhöfe, in denen sich der Bauschutt türmt. Und: Je weiter man
in die Stadt vordringt, desto schmaler werden diese Gassen, verwandeln
sich in Treppen, teilweise schon brüchig, nur umständlich zu besteigen
– aber immer noch voller Leben.
Von Kotor fahren wir in
das wenige Kilometer entfernt liegende Perast, heute eine kleine
Gemeinde, einst Sitz der ersten Seefahrerschule von Montenegro, angeblich
eine vom Barock geprägte Stadt, überragt von dem alles beherrschenden
Kirchturm, deren an der Meerespromenade liegende Bauten allerdings zur Hälfte
bereits zerfallen sind.
Von Perasts Hafen aus
sieht man die beiden dem Ort vorgelagerten Inseln, eine mit Pinien
bewachsen und mit einer Kirche bebaut, die „natürliche“ Insel, und
gleich daneben eine andere sich aus dem Meer erhebende Kirche, errichtet
auf einer „künstlichen“ Insel, Maria vom Felsen. Im 15. Jahrhundert
haben die Bewohner von Perast das Riff mit Steinen aufgefüllt, so erst
die Insel geschaffen, dann darauf die Kirche gebaut, die zur Pilgerstätte
der montenegrinischen Seefahrer wurde. Diese Kircheninsel ist unser
Ziel.
Schon bei der Überfahrt,
später dann noch intensiver von der Insel selbst, gewinnt man einen
Eindruck von der Gestalt der Bucht von Kotor: Das ist keine einfache
Bucht mit einer östlichen und einer westlichen Spitze, das sind
differenzierte Verästelungen des Meeres mit einer verhältnismäßigen
schmalen Einfahrt für die Schiffe, hinter der sich dann gleich mehrere
weit in das Land hinein ziehende Verästelungen verbergen.
Die Ikone der Maria ist
das eigentliche Heiligtum der Kirche, aber um dieses Heiligtum herum
wurde im Laufe der Jahrhunderte eine wahre Schatzkammer angehäuft.
Beeindruckend an den Wänden des ansonsten eher kleinen Kirchenschiffs:
Eine Sammlung von Silberplatten, jede dieser Platten mit einem anderen
Motiv versehen, etwa Schiffen in Seenot, Beinen, Armen oder Herzen,
alles Geschenke von heim gekehrten Seefahrern. Neben dem Altar aus
Marmor hängen die Brautschleier von Frauen, die hier ihren Seefahrer
heirateten – und im Obergeschoss des Wohngebäudes hat sich ein
regelrechtes Museum von Gebrauchsgegenständen der letzen Jahrhunderte
angesammelt, vom Porzellan bis zum Plastikgeschirr. Dazu finden sich Säulenreste
der antiken Siedlung, die in den Fluten der Bucht von Kotor versunken
ist, deren Reste man aber bei ruhiger See noch immer soll sehen können.
Das herausragendste Stück der eher wahllosen Sammlung ist aber
sicherlich jene Madonnen-Stickerei, die eine Seefahrerbraut aus ihrem
Kopfhaar anfertigte, in den 25 Jahren, in denen sie vergeblich auf ihren
Geliebten wartete. Der Mann, so erzählt die Legende, kehrte übrigens
nie zurück und die Frau ist über ihrer Kleinstarbeit, die nun bis zu
700 Stiche pro Quadratzentimeter zählt, erblindet.
Abends zurück in Budva:
Richtig zum Leben zu erwachen scheint Budvas Herz erst bei Einbruch der
Dunkelheit. Nun jedenfalls sind die Cafés und Restaurants gefüllt, drängen
sich die Menschen durch die Straßen. Die Boutiquen haben auch nach 22
Uhr noch immer geöffnet.
Samstag,
8. Juni
2002: Sveti Stefan – Kloster Rezevici – Bar – Stari Bar – Ulcinj
– Ada Bojana
Schon von den Hügeln von
Budva aus sieht man die kleine der Küste vorgelagerte Insel, auf der
dicht gedrängt die kleinen Häuschen stehen. Jetzt spazieren wir durch
den Park einer Sommerresidenz von König Nikola, heute als Hotelanlage
genutzt – und stehen schließlich vor der vielleicht hundert Meter
langen schmalen künstlichen Landzunge, links und rechts von einem weißen
Strand umgeben, die Sveti Stefan mit dem Festland verbindet.
Als
sei die Lage nicht schon Schutz genug, haben die Erbauer der Stadt einer
Mauer um ihre Felsensiedlung errichtet, ist ein dem Festland zugewandtes
Stadttor nun der einzige freie Zugang. Anfang der 50er Jahre wurden die
letzten Einwohner Sveti Stefans evakuiert, der Ort zu einem
Luxus-Hotel-Komplex umgewandelt, berichtet unsere Reiseleiterin
Natascha. Auszug der aus der Gästeliste: Sophia Loren, Claudia
Schiffer, Stars und Industrielle. Dabei sind die alten Wohnhäuser, alle
über Treppen, die hier die Gassen ersetzen,
miteinander verbinden,
eher klein, bieten nur wenig Platz. Was hier wohl mehr zählt: Die
exklusive Lage, die Sicherheit vor ungebetenen Besuchern. Außerhalb der
Saison, so Natascha, dürfen aber auch Nicht-Hotelgäste gegen
Eintrittsgeld die Anlage besichtigen.
Die Küstenstraße
entlang Richtung Süden liegt nur wenige Kilometer hinter Sveti Stefan
das serbisch-orthodoxe Kloster Rezevici, in dem nun neben dem
grauhaarigen Abt noch zwei Mönche mittleren Alters und einige weltliche
Helfer leben. Im Mittelalter, so Natasacha, hätte hier schon eine
Kirche gestanden, an der die Reisenden mit Essen und Trinken versorgt
worden seien. Und aus dieser Tradition heraus entstand das Kloster von
Recevici.
Die kleine alte Kapelle
darf allerdings nicht mehr betreten werden – und in der Hauptkirche
aus dem 19. Jahrhundert ist Filmen und Fotografieren verboten. Die
Fresken erinnern hier aber auch mehr an primitive Malerei, zeichnen sich
vor allem durch ihre knalligen Farben aus, sind mehr Ausdruck tiefer
Religiosität denn von Kunstsinn.
Faszinierender
als Kircheninnenraum ist jedenfalls die Lage der Klosteranlage über dem
Meer, auf einem Bergplateau mit Blick auf das Wasser, mit einem kleinen
Friedhof im Schatten der Klostermauer.
An der Tradition der
Bewirtung von Reisenden halten die Mönche – zumindest uns gegenüber
– auch heute noch fest: Es gibt Kaffee, Slivovitz und einen anderen
Schnaps, der nicht minder brennt als der Slivovitz.
Unsere nächste Station
ist der Küstenort Bar, eine moderne Stadt mit breiten Straßen und
Einkaufszentrum, in einst besseren Tagen dem Anschein nach eines der
Wirtschaftszentren der Küstenregion. Vor dem Mittagessen unternehmen
wir einen Spaziergang entlang der Strandpromenade, werfen dabei einen
Blick auf eine weitere Sommerresidenz von König Nikola: Helles Rot an
den Fassaden muss wohl die Lieblingsfarbe des Monarchen gewesen sein.
Interessanter als Bar ist
Stari Bar, auf einem sicheren Hügel in einiger Entfernung von der Küste
gelegen, lange Zeit türkische Festung, schließlich aber doch von den
Montenegrinern erobert und heute eine ummauerte Ruinenstadt.
Der Weg nach Stari Bar führt
durch die älteren Teile von Bar, geprägt durch steil aufsteigende Straßen
mit einstöckigen Häusern, viele davon verlassen. In den Straßencafés
sitzen fast nur junge Männer. Neben den Mauern von Stari Bar erhebt
sich ein Minarett: Obwohl die Stadt türkisch war, hatten die Osmanen in
ihren Mauern nie eine Moschee errichtet, sondern ihre eigene Bautätigkeit
auf das Umland konzentriert.
Obwohl viele der alten
Gebäude hinter dem mächtigen Stadttor noch fast intakt aussehen, ist
Stari Bar verlassen, wird das Eisengitter nur für Besucher geöffnet
und abends wieder versperrt. Die krummen Gassen und Wege sind mit Büschen
bewachsen, und auf einem der Wege entdecken wir eine Schlange, die sich
aber rasch davon macht. Eines der Gebäude, das noch mit am besten
erhalten ist, ist das einstige türkische Badehaus, das – der Grafitti
an den Wänden nach zu urteilen – auch heute noch regelmäßig
aufgesucht wird, wenn auch nicht unbedingt zum Saunen.
Zwischen Stari Bar und
Ulcinj werden Oliven angebaut – und hier soll auch der mit rund 2500
Jahren angeblich älteste noch immer Früchte tragende Olivenbaum der
Welt stehen. Ältere Olivenbäume entwickeln einen löchrigen Stamm, und
an der Zahl und auch der Größe der Löcher können die Experten das
Alter eines Baumes ablesen.
Unser Methusalem steht
auf einem umzäumten Dorfplatz, trägt eine gigantische Krone auf seinem
mehrere Meter Umfang messenden total durchlöcherten Stamm, aus dem
bereits ein anderer, ebenfalls wohl schon alter Sprössling heraus
gewachsen ist – und ist auf seiner Rückseite gezeichnet von den
schwarzen Spuren eines Brandes, der seinem Leben wohl fast einmal ein
Ende gesetzt hätte. Als besonders schutzwürdig sehen die Dorfbewohner
den Baum aber wohl nicht an: Die Kinder nutzen ihn munter als
Tummelplatz für ihre Kletterübungen.
Märkte, orientalisches
Flair in den Straßen – so präsentiert sich Ulcinj, die südlichste
Stadt der montenegrinischen Küste, seinen Besuchern. Über dem modernen
Ulcinj erheben sich die Mauern der mittelalterlichen Stadt, eine
Festung, von der aus die ganze Bucht fest im Griff gewesen war. Ulcinjs
alter Kern erwacht allmählich aus seinem Dämmerschlaf. Mühsam
bugsiert ein Mann seine Schubkarre die steile Anfahrt hoch durch das
Stadttor, schleppt Material für eine der gerade laufenden
Rekonstruktionen hoch. Es gibt hinter der Stadtmauer wieder Cafés und
Restaurants, und einige der weitgehend intakten Gebäude scheinen auch
wieder bewohnt.
Erster Besichtigungspunkt
unmittelbar hinter dem Stadttor: Das mit Gittern versperrten Kammern des
Arsenals, nun Lagerraum für steinerne Kanonenkugeln, Säulen und Stauen
aus der Zeit der Römer und Griechen.
Von dem Lokal, in dem wir
rasten, sieht man auf die moderne die Berghänge hoch wachsende Stadt
und den „Kleinen Strand“, an dem sich bereits etliche Badegäste
vergnügen. Im Mittelpunkt des Stadtbildes: Ein hässlicher Betonklotz,
einen vierzackigen Stern darstellend, ein Denkmal für die Partisanen.
Eine
Brücke führt über einen Flussarm des Bojana – wir befinden uns auf
der Insel Ada Bojana, dem südlichsten Punkt Montenegros, bereits an der
Grenze zu Albanien. Im Fluss selbst haben Fischer hölzerne Plattformen
auf Stelzen errichtet, mitunter sogar kleine Schuppen, spannen von hier
ihre Fangnetze aus. „Kalimera“, so sagt Milo, seit uns Natascha
verlassen hat unser alleiniger Reiseleiter, nenne man diese Art des
Fischens.
Ada Bojana ist die Insel
der Fischer, deren Hütten die holprige Straße zu unserem nächsten
Ziel, dem „Großen Strand“ von Ulcinj, säumen. Der „Große
Strand“, ein Kilometer langer Sandstrand, gehört zu einer – jetzt
fast leer stehenden – FKK-Anlage an der Mündung des Bojana.
Ein Flecken für
Naturliebhaber: Das Flussufer ist teilweise mit Schilf bewachsen, und
aus dem Schilf dringt nun zur Zeit des Sonnenunterganges ein Konzert
unterschiedlichster Vogelstimmen. Ab und an tuckert ein kleines
Fischerboot vom Meer kommend in die Flussmündung – doch ansonsten ist
der Strand menschenleer.
Die Nacht verbringen wir
im Hotel Otrant, das nach zwölfjähriger kriegsbedingter Unterbrechung
vor einer Woche seine ersten deutschen Gäste bekam. Beim Einchecken in
mein Zimmer bin ich auf meine Taschenlampe angewiesen: Die
Flurbeleuchtung funktioniert gerade nicht. „Landeskategorie A“ hatte
das Hotel vor dem Krieg – geblieben ist davon aber nicht viel mehr als
die Lage vor dem langen weißen Strand.
Beim Abendessen erzählen
Milo und der Chef der Touristik-Region von Ulcinj, ein katholischer
Albaner, wie ihn Milo vorgestellt hat, wie der Tourismus hier früher
floriert habe und wie es wieder einmal werden soll: Eine Insel mit neuen
Hotels bebaut, alles dank des europäischen Masterplans und der Unabhängigkeit,
die Montenegro in drei Jahren nach dem Referendum erlangen soll.
Sonntag,
9. Juni 2002: Ostros – Virpazar – Skutari-See – Karuc - Rijeka
Crnojevic – Cetinje
An der albanischen Grenze
entlang fahren wir nach Norden zum Skutari-See, dem größten See auf
dem Balkan.
Die Straße ist eng, würde
kaum Platz für ein Ausweichmanöver lassen, wenn uns hier jetzt ein
Lastwagen entgegenkäme – aber zum Glück gibt es keine
entgegenkommenden Fahrzeuge.
Vor Ostros schauen wir
von einer Hügelkette auf den Skutari-See – und über die albanische
Grenze. Ein Soldat, Wehrpflichtiger, Serbe, erzählt, dass hier regelmäßig
Schmuggler über die Grenze gingen, sich mitunter Feuergefechte mit den
Grenztruppen liefen. Neulich erst wäre die Grenze nacht überfallen
worden, seien mehrere jugoslawische Soldaten ums Leben gekommen. Auf
meine Frage, was denn die albanische Armee gegen die Schmuggler
unternehmen, antwortet er, das wären ja die Schmuggler.
Milo meint später übrigens,
die Erzählungen des serbischen Soldaten wären alle frei erfunden; in
der montenegrinischen Presse wäre jedenfalls nichts über solche Feuerüberfälle
erwähnt worden.
Die Dörfer auf der
albanischen Seite sehen verhältnismäßig gepflegt aus, das Land dort
wird weitflächig bebaut.
Die albanischen Dörfer
auf montenegrinischer Seite vermitteln das Bild von
Laubenpiepersiedlungen – kleine Gärten, winzige Katen, ab und an das
Minarett einer Moschee.
In
Ostros fotografieren wir Frauen auf einem Trecker: Die Frauen tragen
alle weiße Kopftücher, bei den Männern ist eine Baskenmütze als
Kopfbedeckung üblich.
In Virpazar, einem
anderen Albaner-Dorf, legen wir eine Rast ein: Eine Eselherde spaziert
über die über die Dorfstraße, auf der gegenüberliegenden Straßenseite
sitzen Männer im Cafe. Der Älteste von ihnen trägt einen roten Fes,
die traditionelle Kopfbedeckung für die islamischen Männer.
Nicht weit von
Virpazar
besteigen wir in einem nordwestlichen Seitenarm des Skutari-Sees unser
Boot. Nur wenige Häuser stehen hier am Ufer, ein Flugboot zerfällt
einsam vor sich hin. Und unser Bootsführer hat große Schwierigkeiten
mit dem Außenbordmotor. Bestimmt eine viertel Stunde lang versucht er
immer wieder, das widerspenstige Teil mit seinem Seil anzuwerfen, dann
gibt er auf, baut einen Ersatzmotor ein – und langsam und vor sich hin
spuckend bringt uns der Ersatzmotor dann tatsächlich vielleicht hundert
Meter auf dem Wasser voran. Dann gibt auch er seinen Geist auf. Also
baut er wieder den Ersatzmotor ein – und der springt diesmal auch
wirklich an.
An den Ufern des
Skutari-Sees wächst das Schilf, der See ist Refugium für Pelikane, von
denen wir zwar keine sehen, und andere Wasservögel, etwa
Haubentauchern, auf die wir auch immer wieder stoßen. Und der See muss
fischreich sein – jedenfalls sieht man auch immer wieder Angler am
Ufer stehen.
Wir sind in einem
Naturschutzgebiet, und da ist klar, dass auch unser Bootsführer einmal
von der Wasserschutzpolizei angehalten wird. Deren Boot ist kleiner als
unseres, und wohl auch nicht viel schneller. Die Raser, die nämlich mit
ihren hochgezüchteten Booten ebenfalls auf dem See sind, versucht es
erst gar nicht zu verfolgen.
Unser Ziel ist Kurac, ein
winziger Weiler in einer stillen Bucht, die aber auch den Besitzern der
schnellen Motorboote bekannt ist. Als wir an dem Restaurant anlegen,
sitzen die schon längst bei Tisch.
Nach dem Essen machen wir
uns mit dem Boot auf den Rückweg, fahren ein Stück mit dem Bus, legen
eine weitere Rast im neu errichteten Motel Gazivoda bei der Ortschaft
Rijeka Cronojevic ein. Vom Motel aus sieht man auf den See, der hier von
hohen Bergen umrahmt ist – andere Häuser sind weit und breit nicht zu
entdecken. Die Gäste des Hotels, so Milo, kämen zum großen Teil zur
Vogeljagd – die trotz Naturschutz nicht verboten ist, solange man
nicht gerade auf Pelikane schießt.
Rijeka Cronojevic selbst,
das wir kurz darauf passieren, ist ein lang gezogenes Städtchen in
einer kleinen Talsohle, ein unscheinbarer Ort, dessen ganze Bedeutung
daraus resultiert, dass in seiner Nachbarschaft, im Dorf Obod, 1494 das
erste Buch auf dem Balkan gedruckt wurde.
Wir übernachten im Grand
Hotel von Cetinje, ein überdimensionierter Bau, dessen Zimmer bereits
ziemlich schmuddelig sind, ein Hotel, in dem wir seit langem wieder die
ersten Gäste sein dürften. Das Essen ist dürftig – und auch die
Hotelbar, wo sich einige Männer aus der Stadt noch vor dem Fernseher
herum drücken, hat gegen 22 Uhr bereits geschlossen.
Durch den Regen
marschieren wir die dunklen Straßen ins Stadtzentrum, finden dort noch
eine Bar, die tatsächlich geöffnet hat. Das Publikum ist in der Regel
nur knapp über 20 Jahre alt – und wir dürften den Altersdurchschnitt
ganz gewaltig nach oben treiben. Als wir zurück ins Hotel wollen,
regnet es noch stärker als zuvor. Doch ein Taxi gibt es hier nicht.
Montag,
10. Juni 2002: Pivisko-Stausee – Scepan Polje – Grenze zu
Bosnien-Herzogowina (Republik Serbska) – Tara-Schlucht – Durmitor-National-Park – Zabljak
Über Damilovgrad und
Niksik fahren wir Richtung Nordwesten, der Grenze zu Bosnien-Herzogowina
entgegen, erreichen schließlich den Pivisko-Stausee, eine lange
spiegelblanke Wasserfläche in einer tiefen ausgefransten Schlucht.
Rund 150 Meter hoch ist
der Staudamm und unter uns, in den Felsen hineingebaut, liegt das
Elektrizitätswerk. Fotos sind verboten und eigentlich dürften wir
nicht einmal hier stehen, meint wohl einer der Wachmänner, dem Milo
dann – nicht ganz der Wahrheit entsprechend – erklärt, dass wir Gäste
des Ministers wären, und sehr wohl hier auch fotografieren dürften.
Bei Scepan Polje beginnt
unsere Rafting-Tour durch die Tara-Schlucht, deren Felsen bis 1300 Meter
hoch über den Grund des Canyon hinausragen. Vom Ort selbst bekommen
wir nicht viel zu sehen, außer dem Restaurant und der Rafting-Station,
einigen geschlossenen Kiosken mit dem hochtrabenden Schild „Duty
Free“, und eben einer schmalen Brücke über die Tara. Auf der gegenüberliegenden
Seite steht ein UN-Fahrzeug, eine Zollstation, wehen die Fahnen von
Bosnien-Herzogowina und der autonomen Republik Serbska. Die Tara wurde
hier zum Grenzfluss.
Wir steigen in unsere
Jeeps, fahren über die Brücke – Grenzformalitäten gibt es hier
nicht, auch wenn die Wagen, die von Bosnien-Herzogowina aus nach
Montenegro wollen, von den Grenzern der Republik Serbska kurz angehalten
werden, wie wir beobachten konnten.
Wir passieren die neue Staatsgrenze jedenfalls ohne jede
Kontrolle, fahren dann einen schmalen holprigen Waldweg entlang, bis wir
schließlich den Ausgangspunkt unserer Bootstour erreichen.
Die Tara ist nicht
sonderlich tief, für eingefleischte Rafter wohl auch ein eher ruhiges
Gewässer. Rasanter geht es auch wirklich nur an einigen Stromschnellen
zu. Der Bootsführer zieht dann die Kapuze seiner Regenjacke über, ein
untrügliches Zeichen, sich gut fest zu halten. Beim ersten mal verstehe
ich das Zeichen nicht – und das Schlingern des Schlauchbootes wirft
mich von meinem Sitz, zum Glück allerdings ins Innere unseres Bootes.
Doch die meiste Zeit über
verläuft unsere Passage der Tara in ruhigerem Gewässer, und in der
Regel müssen wir nicht einmal paddeln. Die Bootsführer haben
jedenfalls auch genug Gelegenheit, jeden Angler am Ufer zu begrüßen
und einige Worte zu wechseln.
Zwei Stunden dauert
unsere Bootsfahrt, dann legen wir unterhalb der Grenz-Brücke wieder an,
diesmal auf montenegrinischer Seite.
Nach dem Abliefern der Raftingausrüstung noch ein kurzer Besuch
an der Grenze, ein kurzer Schwatz mit dem serbischen Grenzposten. Es sei
ein ruhiger Job, sagt der Grenzbeamte. Eigentlich stehen wir wieder auf
der Seite von Bosnien-Herzogowina – aber nach unseren Papieren fragt
er nicht.
Der
Nationalpark Durmitor kündigt
sich mit weiten grünen Weideflächen an, mit Ziegenherden und den hölzernen,
teilweise windschiefen Katen der Schäfer. Das Land wird hügeliger, und
schließlich haben wir die Berge des Durmitor erreicht.
Zabljak soll angeblich
ein größerer Urlaubsort sein, aber die Ausschilderung auf den Straßen
– es ist auch kaum zu erkennen, was eine Hauptstraße ist und was
nicht – lässt mehr als zu wünschen übrig. Wir passieren kleinere
Ansammlungen von Gehöften, auch ein Schulhaus, und unser Führer meint,
das gehöre mit Sicherheit zu Zabljak. Also folgen wir der einspurigen
Asphaltstraße, die sich allmählich in eine Schotterpiste verwandelt
und schließlich auf freiem Gelände irgendwie ausläuft. Um uns herum
ist nur Natur: Felsen, karges Gras, auf den Höhenlagen vereinzelte
Schneeflächen – aber weit und breit kein Haus, kein Mensch und nicht
einmal eine Ziegenherde.
Also müssen wir
umkehren, beginnen unsere Suche nach Zabljak aufs neue – und erreichen
schließlich auch das 1400 Meter hoch gelegene kleine, stille von Bergen
umgebene Städtchen. Im Zentrum gibt es zwar eine ganze Reihe moderner
zwei- bis dreistöckiger Häuser – aber irgendwie macht alles einen
ausgestorbenen Eindruck, auch, wenn man überall auf angefangene
Neubauten trifft. Allerdings wird es allmählich auch dunkel.
Wir übernachten im Hotel
Jereza, einem der wenigen bereits in Betrieb befindlichen Privathotels
– obwohl es eigentlich kaum mehr als eine Pension ist. Der Besitzer
hat das Haus nach und nach errichtet, sein Kellner hat eine Weile in
Deutschland gearbeitet, spricht auch noch einige Brocken Deutsch, aber
dafür ist mit dem Vertreter des örtlichen Fremdenverkehrsamtes keine
Verständigung möglich. Aber immerhin: Das Abendessen, dass uns hier
serviert wird – es gibt Käse und Schinken – ist um Längen besser
als das, was wir in den staatlichen Hotels bekamen.
Dienstag,
11. Juni 2002: Schwarzer See – Durdevica Tara – Plav – Gusinje –
Kolasin
Bei Regen fahren wir zum
Schwarzen See, einem der
Ausflugsziele der Ferienregion Zabljak. Aufhalten können wir uns
allerdings nicht – schließlich haben wir heute eine ziemlich lange
Wegstrecke vor uns.
Und die erste Station ist
die Tara-Brücke, die Durdevica Tara, auch das einmal ein wichtiges
Ausflugsziel im titoistischen Jugoslawien, wovon heute noch das kleine
Hotel unmittelbar an der Brücke zeugt.
Bei diesen Ausflügen
ging es aber vermutlich weniger um die Landschaft und auch nicht so sehr
um die Brücke, nach dem Krieg ohne alle technischen Hilfsmittel in
Handarbeit hochgezogen, als vielmehr um die Heldenverehrung: Die jetzige
Brücke ist nämlich exakt der nachgebaut, die während des Krieges in
einer Schlacht von den Partisanen in die Luft gesprengt wurde, und zwar
mit Hilfe genau des Ingenieurs, der sie geplant hatte. Der Ingenieur
wurde von den Nazis gestellt, erschossen – und an ihn und einige
seiner Mitstreiter erinnert nun ein kleines heroisches Denkmal, wie man
sie immer wieder antrifft.
Heute scheinen sich aber
nur noch wenige für die Brücke zu interessieren: Wir sind die einzigen
Gäste im Restaurant, die einzigen, die einen Spaziergang über die Brücke
unternehmen, 130 Meter unter uns die Tara – und es kommt auch kein
einziges Auto während unserer Brückenexkursion vorbei.
Die schmalen Gebirgsstraßen
bergen ihre Gefahren: Immer wieder sieht man Holzkreuze, die an die
Opfer jüngerer Verkehrsunfälle erinnern. Und das die Gegend auch sonst
nicht ganz ungefährlich ist, spüren wir an einer scharf kontrollierten
Kreuzung in der Nähe von Bijelo Polje. Die Polizei hat hier eine eigene
feste Station errichtet, überprüft jeden Lastwagen; Wir sind an der
Straße nach Belgrad. Einer aus unserer Gruppe fotografiert die Szene
– und schon hat unser Reiseleiter eine heftige Diskussion mit den
Beamten, die dann allerdings im Sande zu verlaufen scheint. Jedenfalls
unternehmen die Polizisten nichts, um den Film zu bekommen.
Am späten Vormittag sind
wir in Plav, nicht weit von der Grenze zum Kosovo, ein Ort, der wegen
des Plaver Sees vor dem Bürgerkrieg eine gewisse touristische Bedeutung
hatte. Unmittelbar am See, einem Überbleibsel der Eiszeit,
liegt das Hotel von Plav – momentan ein tristes Flüchtlingsheim
mit zerfallener Terrasse und beschmierten Fassaden.
Südlich
von Plav liegt Gusinje, ein Landstädtchen mit einigen umliegenden
Bauerndörfern, die von der Welt vergessen worden sein müssen. Das
Dorf, in dem wir zu Mittag essen, besteht aus wenigen Gehöften und
einem Wirtshaus unmittelbar an einem kleinen Fluss. Der Boden am
Flussufer ist morastig, ein wackeliger Holzsteg verbindet
die beiden Ufer – und an einem der schmucklosen Steinhäuser
sieht man, was hier bis vor kurzem als Toilette mit Wasserspülung
verstanden wurde: Ein offener Donnerbalken über dem Wasser. Würden
nicht auch hier auf den Dorfstraßen manche Mercedesse parken, könnte
dies wohl auch ein Bild aus dem 19. Jahrhundert sein.
Nach dem Essen fahren wir
in die Stadt, unternehmen einen Spaziergang durch das islamisch gefärbte
Gusinje. Die Moschee ist mit Abstand das beeindruckendste Gebäude der
Stadt, es gibt ein altes, angeblich original erhaltenes türkisches
Wohnhaus und einen islamischen Friedhof. Ansonsten ist Gusinje ein
absolut ruhiges Kleinstädtchen mit einigen Cafés, in die sich aber nur
wenige Gäste hinein verirren.
Unser nächstes Ziel ist
Kolasin, ein anderer Wintersportort Montenegros, südlich des
Biograd-Sees und des Biograd-Nationalparks. Auf dem Weg dorthin
passieren wir Dörfer, die – so unser Reiseleiter – Hochburgen der
serbischen Cetniks sein sollen.
Wir übernachten im Hotel
Bjelasica, unmittelbar neben dem ehemaligen Freizeitzentrum der
Kriegsveteranen. Das Freizeitzentrum ist ein hässlicher Klotz aus
Beton, erinnert mehr an einen nur minimal „gestylten“ Atombunker
denn an eine Freizeitanlage. Auch unser Hotel ist ein Musterbeispiel von
versuchter Moderne – angelegt im Stil eines Bienenhauses mit lauter
Waben.
Wir sind zwar die
einzigen Gäste in dem großflächigen Restaurant – aber der
Hoteldirektor erzählt uns trotzdem unbekümmert, dass das Hotel fast
ausgelastet wäre. In den letzten Jahren hätte man allerdings nur Gäste
aus Serbien gehabt, von denen momentan aber auch niemand hier zu sein
scheint.
Mittwoch,
12. Juni 2002:
Biograd-See – Kloster Moraca -
Podgorcia – Vranjina - Petrovac
Der Biograd-See liegt
inmitten des ältesten Naturschutzgebietes von Montenegro, fast ein
richtiger Urwald mit angeblich 250 verschiedenen Baumarten. Unser
Spaziergang durch den Nationalpark wird jedenfalls durch den Regen stark
behindert – dennoch sieht man zumindest eine ganze Reihe von großen,
grauen Eichhörnchen.
Um den See herum gibt es
einige Hütten, auch ein Restaurant; doch außer uns interessiert sich
momentan nur eine Gruppe tschechischer Biologiestudenten auf
Studienfahrt für den Nationalpark.
Das
Kloster Moraca gehörte seiner Größe nach wohl früher zu den
bedeutenderen Klöstern des Landes – obwohl heute auch hier nur noch
zwei oder drei Mönche leben. Um das Kirchenschiff herum liegen jedoch
verhältnismäßig große Wirtschaftsgebäude mit Gästezimmern für
Pilger – von denen sich heute allerdings auch kaum welche sehen
lassen.
Doch durch seine
landschaftlich schöne Lage scheint das Kloster für die Einheimischen
ein beliebtes Ausflugsziel zu sein. Es gibt Picknickbänke vor den
Klostermauern, man hört das Rauschen eines Wasserfalls – und schließlich
beherbergt die Klosterkirche einige der wertvollsten Ikonen der
serbischen Orthodoxie. Trotzdem, so der Abt, das Kloster zum Übernachten
für Touristen frei geben werde man auf keinen Fall.
Gegen Mittag sind wir in
Podgorcia, der modernen Hauptstadt Montenegros, mit belebten,
verstopften Hauptstraßen, einer überschaubaren Fußgängerzone, in der
sich die ersten Boutiquen und einige Cafés etabliert haben.
Podgorcias Supermärkte
und die kleineren Kaufhäuser bieten überwiegend westeuropäische
Artikel – zu Preisen, die nach der offiziellen Statistik über die
Durchschnittsverdienste für die Einheimischen eigentlich nicht
bezahlbar sein dürften. Aber es dürften eigentlich auch nicht so viele
große und neue Wagen auf den Straßen zu sehen sein. Doch unser
Reiseleiter Milo hat dafür eine ganz einfache Erklärung: 80 Prozent
der Neuwagen stammen aus Deutschland – und sind weit billiger als in
Deutschland, weil nämlich die deutschen Eigentümer sie hierher bringen
lassen würden, um dann die Versicherungssumme zu kassieren. Ob dieser
Autotransfer wirklich so regelmäßig auf Initiative der offiziellen
Alteigentümer funktioniert, ist allerdings wohl eine andere Frage.
Touristisch hat Podgorcia
nur wenig zu bieten – wobei uns für einen Besuch der Altstadt
allerdings keine Zeit bleibt.
Bei
Vranjina – die Montenegriner nennen den Fischerort auch Klein-Venedig
– haben wir wieder den Skutarisee erreicht. Das Örtchen liegt an
einem schmalen Seitenarm des Sees, und bei Hochwasser sollen die Häuser
am Ufer regelmäßig unter Wasser stehen. Jetzt dümpeln die
Fischerboote an dem mit Seerosen bewachsenen Ufer. In der Nähe von
Vranjina stehen noch die Mauern einer alten Festung, die im Kampf gegen
die Türken eine entscheidende Rolle gehabt hat. Jedenfalls, so Milo,
war Vranjina regelmäßig umkämpft.
Unsere Montenegro-Tour
endet im Badeort Petrovac. Der Kiesstrand hier ist tatsächlich schon
wieder von vielen Badegästen besucht, das Hotel am Strand ist von
seiner Ausstattung her das beste, was wir auf unserer Tour gehabt
hatten. Und weil auch das Wetter mitspielt, können wir nun die letzten
Stunden am Strand verbringen.
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