Lettland, Riga: Jüdisches Riga, Seite 3

Auf den Spuren der Jüdischen Gemeinde von Riga - und ein Besuch von Rumbula und Bikernieku, den Gedenkstätten für die Opfer des Holocaust



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Jüdische Biographien in Riga

Edith, meine Stadtführerin durch das „Jüdische Riga“, kommt aus einer jüdischen Familie, die nun, seit der Unabhängigkeit Lettlands, weit verstreut zwischen Kanada und Israel lebt. Ihr Großvater jedenfalls gehörte zu wohlhabenderen Juden von Riga, konnte mit seiner Familie die Stadt noch rechtzeitig vor der Besetzung durch die Nationalsozialisten verlasen, ist aber dann als Angehöriger der Roten Armee gefallen.
Ediths Vater konnte dann zwar in einer der großen Rigaer Fabriken Karriere machen, aber besondere Privilegien scheint ihnen das nicht eingebracht zu haben. Die Wohnung, die den Großeltern gehört hatte, blieb jedenfalls verloren – und so lebte die Familie die ganze sowjetische Zeit in der Wohnung einer anderen Angehörigen, zusammen allerdings mit anderen Familien, weil es eben so eine große Wohnung war..

Das Ghetto-Museum an der Daugava

Klicke auf das BildDie erste Station unserer Tour ist das an der Daugava, in der Nähe der Markthallen gelegene Ghetto-Museum. Das wurde im halb zerfallenen Gebäude eines ehemaligen Handelskontors eröffnet, erzählt nun die Geschichte der bis zu 40000 Menschen zählenden jüdischen Gemeinde von Riga.
Die Schautafeln vor dem Museum mit den alten Fotos sind frei zugänglich. Gezeigt werden Bilder einstiger jüdischer Wohnhäuser, klein, ärmlich und meist aus Holz, die bescheiden zu nennenden Hütten früherer Rabbis, aber auch Familienfotos von wohlhabenderen Juden.
Riga war immerhin die erste Stadt im zaristischen Russland, die auch eine Höhere Schule nur für jüdische Kinder hatte, und so sieht man Fotos von den Schülern, von Lehrern, von anderen Persönlichkeiten, die im Gemeindeleben eine Rolle spielten, darunter auch David Ben-Gurion, der sich eine Zeit lang in Riga aufhielt.
Neben dem Museumsgebäude wurde eine Kopfsteinstraße so umgebaut, wie in Zeit der nationalsozialistischen Okkupation die Straßen zum Ghetto aussahen: mit Stacheldrahtverhau links und rechts, und dazu stehen nun auf der linken Seite dieses Weges Schautafeln mit der von den Plakaten und Flugblättern der damaligen antisemitischen Propaganda, zum großen Teil Karikaturen, die die Juden als Erfüllungsgehilfen von Stalin zeigen, während auf den Tafeln rechts die Namen der 70000 ermordeten lettischen Juden verzeichnet sind. Wirkungslos blieb die NS-Propaganda übrigens nicht – und zahlreiche Letten haben sich, wie Edith erzählt, an den von den Nationalsozialisten betriebenen Verfolgungsmaßnahmen und den Massenmorden aktiv und willig beteiligt.

Von den Resten der Synagoge zum einstigen Jüdischen Friedhof

Klicke auf das BildVom Ghetto-Museum aus fahren wir zu den Resten der „Großen Choral-Synagoge“. Neben deren Ruine steht nun ein Denkmal, bestehend aus weißen Stelen, mit den Namen der Letten, die während der NS-Okkupation verfolgte Juden gerettet hatten. Es sind doch einige hundert Namen, die hier auf den Säulen verzeichnet sind.
Von der Synagoge selbst sind außer den Fundamenten und links und rechts einigen Außenmauern keine größeren Reste erhalten geblieben. Zu Beginn der Judenverfolgung hatten sich 300 Menschen in die Synagoge geflüchtet, die dann von den Nationalsozialisten angezündet wurde. Aber der Bau war damals nicht völlig abgebrannt: Weiter abgerissen – was man nun von den Außenmauern sieht, sind Rekonstruktionen – wurde er in der folgenden Stalin-Ära!
Klicke auf das BildDurch die Hauptstraße des einstigen Ghettos, vorbei am Jüdischen Krankenhaus, einem unscheinbaren weißen Gebäude, bei dem der Putz abblättert, sowie an halb zerfallenen, wohl auch leer stehenden Mietshäusern fahren wir nun zu dem Park, der einst der Jüdische Friedhof Rigas war.
Daran erinnern allerdings nun nicht viel mehr als der Gedenkstein mit dem Davidstern am Eingang des Parkes sowie die verstreuten Fundamenten einiger Grabstellen. Zerstört wurde der Friedhof , wie Edith berichtet, erst in sowjetischer Zeit, weil die Stadtverwaltung hier einen weiteren Park errichten wollte. Geworden ist daraus allerdings nur ein kleiner, unscheinbares Parkgelände - während die Grabsteine wohl für den Straßenbau verwendet wurden.



Rumbula und Bikernieku – Mahnmale des Holocaust

Klicke auf das BildUnsere nächste Station ist die Gedenkstätte von Rumbula, ein Wald, der während der NS-Okkupation noch außerhalb des Stadtgebietes von Riga lag, begrenzt von einem Bahndamm und einem kleinen Flüsschen, der nun allerdings fest vollständig versandet und zugewachsen ist, so, wie auch das Wäldchen nicht mehr außerhalb der Stadt liegt, sondern zum Stadtwald wurde, von den Einwohnern Rigas auch gern als Ausflugs- und Picknickziel genutzt wird.
Dabei soll er doch eigentlich als Gedenkstätte und Mahnmal für 40000 Rigaer und lettischen Juden dienen, die hier von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Ein Mahnmal weist den Weg, den die Verfolgten zunächst entlang getrieben wurden, dann markieren Hügel mit Gedenksteinen die Stellen, an denen die Opfer in mehreren Lagen übereinander liegend verscharrt wurden.
Lediglich von einer jungen Frau ist verbürgt, dass sie das Massaker überlebt hat. Wegen ihrer blonden Haare und ihres „nordischen“ Aussehens konnte sie den Nazi-Schergen weis machen, sie wäre nur wegen eines Irrtums im Todestransport. Die verunsicherten Wachen ließen sie gehen, die Frau fand Unterschlupf bei einem Freund – und wurde dann in der Sowjetzeit nach Sibirien deportiert, weil sie angeblich eine Kollaborateurin gewesen sein soll. Später durfte die Überlebende nach Israel ausreisen, wo sie dann ein Buch über ihr Leben schrieb.
Dazu berichtet Edith von einer weiteren vermeintlichen Rettung aus dem Wald von Rumbula, eine Geschichte, an der sie aber ihre Zweifel äußert. Eine der von ihr betreuten Riga-Besucher habe erzählt, auch sie sei hier als Kind zur Erschießung hergetrieben worden, wäre aber nicht getroffen, sondern noch lebend zusammen mit den Toten verscharrt worden und hätte sich Stunden später befreien und aus dem Wald fliehen können. Die Frau, so Edith, habe, wie sie herausfand, tatsächlich in Riga gelebt, sei aber in der Zeit der NS-Okkupation eher eine junge Frau als ein Kind gewesen.
Der zentrale Hügel von Rumbula, gekennzeichnet von der Nachbildung einer Menora, ist nun bedeckt von kleinen Feldsteinen, alle in der Form von Tränen. Dazu tragen die Feldsteine die Namen der hier Ermordeten – und die davor in die Erde eingelassenen Pflastersteine die Straßennahmen des Rigaer Ghettos.
Ein kleinerer schwarzer Granitstein zeigt unterdessen, wie zu Sowjetzeiten mit dem Gedenken an den Holocaust Klicke auf das Bildumgegangen wurde. Der Stein zeigt Hammer und Sichel, dazu in mehreren Sprachen die Inschrift „Den Opfern des Faschismus“. Dass in Rumbula allerdings alle Ermordeten Juden waren, kommt auf diesem Gedenkstein nicht vor, sollte damals wohl auch vergessen gemacht werden.
Etwas weiter entfernt, fast schon außerhalb der Stadt, liegt die andere große Gedenkstätte Rigas, im Wald von Bikernieku, dem Wald, wo während der NS-Okkupation rund 20000 Juden aus ganz Europa ermordet wurden. Die Anlage der Gedenkstätte ist ähnlich der von Rumbula, nur dass hier im Zentrum keine Menora, sondern die Skulptur eines in zwei Teile gebrochenen Davidsternes steht, die Gedenksteine dazu zu Gruppen zusammengestellt sind, bei jeder Gruppe dazu eine schwarze Granitplatte liegt mit dem Namen einer der Städte, aus denen die Opfer des Massenmordes kamen, auch aus deutschen Städten wie Coburg, Hamburg, Köln und Berlin.


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