Lettland, Riga: Vorstadt und Jugendstil, Seite 2

Unterwegs in Rigas Vorstadt mit ihren Jugendstilbauten und in den Markthallen an der Daugava



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Bau-Boom nach Abriss der Stadtmauern

Jugendstil-Bauten prägen das Bild von Rigas Vorstadt. Der Begriff „Vorstadt“ bezieht sich übrigens darauf, dass die Stadtmauer mit Erlaubnis des Zaren erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerissen werden durfte – und Riga daraufhin regelrecht explodierte, die Vorstadt, bis dahin eine Ansammlung kleiner Holzhäuser, zum neuen urbanen Zentrum wurde.
Die wenigen Holzhäuser die diesen Bauboom des 19. Jahrhunderts überstanden, sind nun zwar auch denkmalgeschützt, aber dass Riga zu weiten Teilen auch zum Unseco-Weltkulturerbe erhoben wurde, verdankt es nicht so sehr seiner mittelalterlich rekonstruierten Altstadt, sondern vor allem der Vorstadt mit ihren fast vollständig und original erhaltenen Jugendstilbauten aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Vom Park der Jugendstil-Ausstellung zu den Bauten von Michael Eisenstein

Klicke auf das BildGleich neben dem Bürogebäude, in dem sich das Kulturbüro befindet, liegt der Park, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts Schauplatz einer Jugendstil-Ausstellung war, eine Ausstellung, von dem nun noch der Pavillon steht, in dem man damals die Eintrittskarten kaufen musste.
Klicke auf das BildBis in das Jugendstil-Viertel sind es von nur wenige Gehminuten, und gleich als erstes kann ich zwei direkt nebeneinander stehende luxuriöse Bauten bewundern, eines in gelb gehalten, das andere bläulich, beide mit Löwenköpfen und allegorischen Frauenfiguren verziert, Mietshäuser für die oberen 10 000, zu Sowjetzeiten dann eine Dienststelle des KGB. Das blaue Gebäude dient heute als Akademie. Das gelbliche Eckhaus daneben, dessen Fassaden an den beiden Straßen, an denen es steht, übrigens ganz unterschiedlich gestaltet sind, beherbergt nun die irische und die belgische Botschaft.
Entworfen hat diese beiden Prunkbauten der Ingenieur Michael Eisenstein, ein zum Christentum übergetretener Jude, der aus Russland zugezogen war, Vater des Filmregisseurs Sergej Eisenstein. Michael Eisenstein, von dem wir noch einige weitere Häuser sehen, hat insgesamt 24 Jugendstil-Bauten dieser Art in der Rigaer Vorstadt errichten lassen. Nach dem ersten Weltkrieg siedelte er übrigens nach Berlin über, wo er in den 1920-er Jahren starb.

Eine Wohnung im Jugendstil

Gleich neben dem jetzigen Botschaftsgebäude, auf der anderen Seite der Straße befindet sich etwas Klicke auf das Bildeinfachere Haus eines anderen Jugendstil-Architekten, ebenfalls in Gelbtönen, das Haus, in dessen erstem Stockwerk nun das Jugendstil-Museum zu finden ist. Fantastisch: Der Blick in das mit Jugendstil-Ornamenten bemalte Treppenhaus, in dem eine Wendeltreppe schwungvoll nach oben führt, scheinbar wie in eine Kuppel.
Und von solchen Wohnungen haben die meisten Menschen damals wohl nicht einmal zu träumen gewagt! Das Appartement für die vornehme Familie zählt etliche Räume, ein repräsentatives Wohnzimmer, eine Ess-Ecke, einen Empfangsraum, mehrere kleinere Schlafzimmer, alle mit Jugendstil-Möbeln bestückt, eine Küche, neben der sich dann auch der winzige Raum für das Dienstmädchen befindet, ein Badezimmer mit gusseiserner Wanne und einen Toilettenraum mit Wasserspülung. Die Toilette ist allerdings auch das einzige Originalstück, das sich schon damals hier an Ort und Stelle befand. Während der Sowjetzeit dienten die jetzigen Museumsräume nämlich als so genannte kommunale Wohnung – in der natürlich mehrere Familien leben mussten.

Der Markt an der Daugava

An der Daugava liegen die Hallen des Zentralmarktes. Am Zentralmarkt herrscht dichtes Gedränge – und Juris, mein Stadtführer, steckt seine Brieftasche in eine vermeintlich sichere Innentasche seiner Jacke. Der Zentralmarkt, der täglich einige zehntausend Kunden anlockt, sei auch der Treffpunkt der Taschendiebe, warnt er mich.
Klicke auf das BildErrichtet wurden die fünf Hallen des Zentralmarktes, relativ modern erscheinende Stahlkonstruktionen, in den 20-er Jahren des 20. Jahrhundert. Die waren damals aber auch kein wirklicher Neubau. Vielmehr hatte die Stadtverwaltung die Hallen, die die deutschen Truppen im während des ersten Weltkrieges von ihnen besetzten Kurlandes für den Bau von Zeppelinen errichtet hatten, hierher bringen lassen und zu Markthallen umfunktioniert. Entsprechend hoch und geräumig sind die Hallen nun also auch, weswegen das Gedränge an den Ständen außerhalb der Hallen auch etwas größer als in den Hallen selber ist.
Wir scheuen in die Halle mit dem Fischmarkt. Hier gibt es nicht nur frischen Fisch, sondern teilweise auch lebende Fische in kleinen Becken, Unmengen von Heringen, Krabben, Meerestiere aller Art. Der Fischgeruch ist allerdings auch sehr eindringlich!xxxx Bei den Einwohnern von Riga, so Juris, sei der Markt nicht nur so beliebt, weil hier täglich alles frisch sei, sondern vor allem deshalb, weil die Lebensmittel hier trotzdem billiger als im Supermarkt wären.

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