Lettland, Riga : In der Altstadt, Seite 1

Unterwegs in der Altstadt von Riga, zwischen Dom, Schwarzhäupterhaus und der Nationaloper



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Gassen mit romantisch-mittelalterlichem Ambiente

Klicke auf das BildImpressionen aus Rigas Altstadt: In einer kleinen Gasse wird ein in prächtiger Jugendstil-Bau als Hotel genutzt, ansonsten beherrschen kleine Häuser von romantisch-mittelalterlichem Aussehen das Bild.. Eines dieser Häuschen, schmal und blau angetüncht mit leicht kitschigen Fassadenmalereien, nun ein Restaurant, trägt die Jahreszahl 1221. Das Haus selbst ist natürlich kaum aus dem 13. Jahrhundert – aber vielleicht soll die Jahreszahl ausdrücken, dass an dieser Stelle schon 1221 ein Gasthaus stand. Möglich wäre das jedenfalls.
Ein erster Spaziergang durch die Altstadt: Wir passieren einen größeren Altstadtplatz, belegt mit den insgesamt 1200 Plätzen eines Straßencafés, daneben, wieder hergerichtet, der Jugendstil-Palast des Russischen Theaters. Allerdings würde man hier nicht unbedingt sofort auf ein Theater tippen. Mit seinen großen Fenstern hätte dieser Bau auch ein mondänes klassisches Kaufhaus sein können.

Erinnerungen an die Schweden-Zeit

Klicke auf das BildVorbei am roten Pulver-Turm aus der Zeit der schwedischen Herrschaft über Riga, nun Sitz des Kriegsmuseums, geht es zur Stadtmauer aus rotem Backstein, auch die nicht wirklich aus dem Mittelalter, sondern ein rekonstruiertes Überbleibsel aus der Schweden-Zeit. Dieser Mauer gegenüber befindet sich eine Zeile ehemaliger Offiziershäuser, nun meist in Andenkenläden umgewandelt, Häuser aus der Zeit von Zarin Katharina, errichtet anstelle der Holzhäuser der schwedischen Armee, die ursprünglich hier standen.
Durch das „Schweden-Tor“, eigentlich nicht viel mehr als der Durchbruch durch ein grauen Wohnhaus, in dem früher der Henker von Riga gelebt haben soll, gehen wir zurück in die Gassen der Altstadt, vorbei an alten Bäckerei oder einem Kontor, wo an der Außenmauer noch die Kran- und Hebeanlagen zu sehen sind.

Bernstein – Ursprung von Rigas Reichtum

In einer der Nebengassen der „mittelalterlichen“ Altstadt sind vor dem grauen Eingang eines Restaurants etliche mittelalterlich anmutende Wimpel über die Straße gespannt, stehen dazu mittelalterliche Karren vor den Häusern. „Rosengral“ heißt das Lokal, ist Rigas einziges Lokal mit „authentisch“ mittelalterlicher Küche, liegt dazu an der „Rosen-Gasse“, benannt nach einer mittelalterlichen Adelsfamilie, die wohl eine der reichsten Familien der Stadt war.
Jedenfalls, so berichtet mein Stadtführer Juris, rankte sich um den Reichtum der Rosens die Legende, dass die Tempelritter nach dem Verbot ihres Ordens durch den Papst einen Teil ihrer Schätze in Riga bei den Rosens versteckt hätten, darunter auch den Heiligen Gral.
Klicke auf das BildEine andere, wahrscheinlichere Quelle des Reichtums der ehemaligen Hansestadt an der Ostseeküste ist in fast jedem Schaufenster auch des kleinsten Andenkenladens in der Altstadt zu bewundern: Bernstein, Klumpen unterschiedlicher Grüße, verarbeitet zu Broschen, Anhängern, Ketten und kleinen Bäumchen. Und Bernstein gibt es natürlich auch in den Geschäften der unterirdischen Ladenpassage, die man unter dem neuen Anbau des Rathauses eingerichtet hat.
Eines der Geschäfte hier bietet dazu auch noch handgestrickte Fäustlinge an, Handschuhe, die die Finger aber frei lassen, eine der großen Strick-Traditionen des Landes. Früher hätten die Mädchen auf den Dörfern fast ihre ganze freie Zeit mit dem Stricken solcher Handschuhe verbracht, berichtet Juris, weil es nämlich üblich war, dass die Braut bei ihrer Hochzeit jedem Gast ein Paar solcher Handschuhe schenkt. Und dabei seien die Muster und Farben je nach Region oder Dorf völlig unterschiedlich, gebe es diesen Teil der lettischen Nationaltracht in einigen hundert Variationen.
Ebenfalls in der Rathauspassage zu sehen: Die schwarzen Reste des Stammes einer alten Eiche, die hier bei den Schachtarbeiten ausgegraben wurde.

Schwarzhäupterhaus und Hanse-Museum

Vom Rathaus geht es zum gegenüberliegenden Schwarzhäupterhaus, dem einstigen Haus der Gilde der unverheirateten Kaufleute, einem roten, auf mittelalterlich nachempfundenen Backsteinbau, auch der erst vor wenigen Jahren wieder rekonstruiert. vorbei an der Rolandsfigur, die in der Mitte des Platzes steht. Auch wenn das Schwarzhäupterhaus vielfach auch als das herausragende Mittelalter-Denkmal Rigas schlechthin gilt – errichtet wurde es in dieser Form erstmals im 17. Jahrhundert, ist also, wie die meisten anderen „Mittelalter-Denkmäler“ Rigas, ein Barock-Bau. Und das, was die Besucher heute sehen, ist auch nur eine nach Fotos erstellte Rekonstruktion.
Klicke auf das BildDenn das barocke Schwarzhäupterhaus war im Krieg zerstört worden, wurde in der Sowjetzeit auch noch nicht wieder aufgebaut. Überhaupt, so Juris, hätten die Sowjets an der Altstadt kein wirkliches Interesse gehabt, ließen sie weitgehend verkommen, planten eine Straße quer durch die Altstadt, die Errichtung weiterer Plattenbauten. Aber das nach der Unabhängigkeit wieder errichtete Schwarzhäupterhaus kommt dem Original wohl ziemlich nahe, einschließlich der alten Uhr an der Spitze der Vorderfront. Diese Uhr muss im 17. Jahrhundert wirklich als Meisterwerk der Technik gegolten haben, zeigte sie doch nicht nur die Stunden und Minuten, sondern auch den jeweiligen Tag an, ein damals hochmodernes Fabrikat aus Nürnberg, das an dieser prominenten Stelle den Reichtum und die Bedeutung Rigas betonte.
Klicke auf das BildDie Kellergewölbe des Schwarzhäupterhauses beherbergen nun das Hanse-Museum der Stadt, in dem alte Waagen und Handels-Utensilien gezeigt werden, aber auch Originalstücke von der ursprünglichen Fassade. Unter den Ausstellungsstücken: Der Gipsabdruck einer Figur des Drachentöters St. Georg, die einst auch die Fassade zierte.
In den oberen Stockwerken unterdessen hat den alten Reichtum der Gilde wieder voll herausgestellt. An den Wänden der repräsentativen Räume hängen nun die Rekonstruktionen alter Stadt-Gemälde, insbesondere von Lübeck, der Stadt, der Riga wohl besonders verbunden war, die Vitrinen sind voll von massiven Silberarbeiten, von Modellschiffen, Pokalen und anderem mehr alles aus schwerem Silber.

Kirche, Kathedrale, Dom

Vom Schwarzhäupterhaus sind es nur wenige Schritte – innerhalb der Altstadt liegen eigentlich alle wichtigen Orte nur wenige Schritte voneinander entfernt – zur St. Peter Kathedrale, deren 124 Meter hoher Turm nun alle anderen Gebäude weit überragt. Von hier wenden wir uns dem Schwertbrüderhaus zu. Der weiße Bau ist eher unscheinbar, zeichnet sich allenfalls durch seine drei großen, nun mit Holzläden verschlossenen Fenster aus, zeigt weder Fachwerk noch Verzierungen, ist aber, aus dem 14. Jahrhundert stammend, der älteste in Riga noch erhaltene weltliche Steinbau.
Klicke auf das BildSchnell werfen wir noch einen Blick in die nun evangelische St. Johann-Kirche mit ihrer spätgotischen Rückfront, kommen an einem kleine Stück der alten Stadtmauer vorbei und an einem Haus, an dem eine Gedenktafel an den Aufenthalt von Richard Wagner erinnert, passieren ein recht hübsches Jugendstilhaus, besuchen dann das Gebäude der Handwerkergilde, innen nicht weniger prächtig als das Schwarzhäupterhaus eingerichtet, stehen schließlich am mittelalterlichen Dom.
Für 5000 Plätze war dieser älteste Bau, der eigentlich am Anfang der Rigaer Geschichte steht, angelegt gewesen – was man ihm von außen nicht einmal unbedingt ansieht. Verglichen mit den mittelalterlichen Sakralbauten anderer Städte wirkt eher ohnehin eher unscheinbar, wuchtig in seiner Umgebung, aber nicht besonders prächtig oder kunstvoll. Und doch war dies eben für mehrere Jahrhunderte das gewaltigste Gebäude der Stadt.

Ein Besuch in der Oper

Klicke auf das BildDas klassizistische Gebäude der Nationaloper stammt eigentlich aus dem Jahr 1863, brannte 1885 ab, wurde dann bis 1888 wieder aufgebaut. Hier in der Nationaloper legte man wirklich wert auf die Originalstücke – und selbst die Kleiderbügel in den Garderoben sollen noch die ursprünglichen sein. Jedenfalls sehen sie wirklich sehr altertümlich aus.
Der Zuschauerraum mit dem Parkett und den drei Rängen sowie den Logen, nun die Logen des Präsidenten und der Minister, war ursprünglich auf stolze 1600, nun wegen der Brandschutzbestimmungen „nur“ noch 1400 Plätze ausgelegt. Und über der Bühne prangen die Porträts von Wagner, Schiller und anderen deutschen Dichtern und Komponisten. Der einige Nicht-Deutsche in dieser Galerie ist Shakespeare. Denn: Die Lettische Nationaloper war ursprünglich als Opernhaus für die deutsche Oberschicht von Riga gebaut worden – und bis zur ersten Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg gab es hier auch nur deutsche Stücke zu sehen.
Wie auch immer: Beeindruckend ist jedenfalls vom Balkon der „Belle Ètage“ der Ausblick auf den unter uns liegenden Park, eine überaus gepflegte Anlage, wie es sie viele entlang der Kanäle von Riga gibt.

Freiheitsstatue und Reklame-Säule

Nach dem Opernbesuch schlendern wir an der Freiheitsstatue vorbei, ein eher typisches Nationaldenkmal im heroischen Stil mit kriegerischen Darstellungen, dann einer allegorischen Frauenfigur an der Spitze, die in Klicke auf das Bildihren empor gehobenen Händen einen Ährenkrank mit drei Sternen hält. Errichtet wurde dieser Bau mit Spendengeldern aus der Bevölkerung während der ersten Unabhängigkeit in den Jahren von 1931 bis 1935, genau an der Schnittstelle von Rigaer Altstadt und ehemaliger Vorstadt, und zwar auf dem Platz, an dem bis zu diesem Zeitpunkt eine Zarenstatue stand.
Die drei Sterne, so die ursprüngliche Bedeutung, stehen übrigens für die drei Provinzen Lettlands, doch zu Sowjetzeiten habe man versucht, die Geschichte umzudeuten. Da hieß es dann, die Frauenfigur stelle die Sowjetunion dar, die schützend die „befreiten“ baltischen Staaten in ihren Händen halte. Aber glücklich, so Juris, wurde die sowjetische Stadtverwaltung mit der Freiheitsstatue nicht – und setzte wohl darauf, dass ihr der Verkehr, den man damals gnadenlos an ihr passieren ließ, eines Tages den Rest geben würde. Erst nach der Unabhängigkeit wurde die Straße mit der Freiheitsstatue dann wieder für den Autoverkehr gesperrt.
In unmittelbarer Nachbarschaft zur Freiheitsstatue steht übrigens eine andere Säule, die der beliebteste Punkt für Verabredungen in er Stadt ist: Die Laima-Säule, eine Reklame-Säule für die in Riga seit dem 19. Jahrhundert hergestellte Laima-Schokolade – und ihrem Aussehen nach zu urteilen dürfte auch diese Säule noch aus der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert stammen, eine nostalgische Erinnerung an Zeiten, als Reklame noch etwas Besonderes im Stadtbild war.


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