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beschriebene Orte:
Istanbul -
Erzerum - Teheran -
Meshed - Herat -
Kabul - Bamyan -
Band-I-Amir - Bamyan -
Kabul - Herat - Erzerum - Ankara -
Istanbul
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Einige nötige Anmerkungen:
"Der billigste Trip nach
Kathmandu" war in den mittsiebziger Jahren der Titel eines Buches, das in der
deutschsprachigen Traveller-Bewegung dieser Zeit zum Bestseller wurde. Auch uns war es ein
meist zuverlässiger Reisebegleiter. Ob es uns damals aber wirklich vor allem darum ging,
andere Länder und Kulturen kennen zu lernen, ist aus heutiger Sicht stark anzuzweifeln. In
erster Linie ging es wohl ums "anders sein als die anderen", um das Austesten
eigener Grenzen. Für einige, auch von denen ist hier die Rede, wurde dies zu einer Reise
ohne Wiederkehr. Aber die meisten haben ihre "Jugendabenteuer" unbeschadet
überstanden und stehen heute mehr oder weniger aktiv mit beiden Beinen im "realen
Leben". Die Länder, durch die wir damals zogen, hatten weniger Glück. Wir
dürften mit zu den letzten gehört haben, die im Spätsommer 1977 auf dieser Route ihren
großen Trip unternahmen: Afghanistan versank kurz darauf in einem blutigen Bürgerkrieg,
im Iran übernahmen die Ajatollahs die Macht. Ich will nicht ausschließen,
dass auch die
Konfrontation mit den als dekadent und amoralisch erscheinenden Westeuropäern und
Amerikanern für viele Menschen in diesen streng islamischen Ländern ein Grund mehr war,
im religiösen Fundamentalismus eine vermeintliche Alternative zu suchen. Es hätte auch
anders kommen können. Pattaya und Bali beispielsweise, auch das "Entdeckungen"
der Traveller-Bewegung jener Zeit, sind heute Hochburgen des westlichen Massentourismus
inmitten einer fernöstlichen Kultur. In jedem Fall hat mich meine Reise nach Afghanistan
- wenn auch mit einiger Zeitverzögerung - eines gelehrt: Der Reisende, egal was er tut
oder läßt, wird immer auch zum Bestandteil des Kulturraumes, den er bereist - und sollte
sein Verhalten darauf einstellen.
Dienstag, 30. August 1977: Berlin -
Sofia - Istanbul
Die Nacht vom Montag zum Dienstag verbringen Hajü und ich
wahnsinniger weise auf dem Kurfürstendamm - nur, um rechtzeitig den Transitbus zum
Flughafen Schönefeld zu bekommen. Gegen 2 Uhr früh schlafen wir im Kino fast ein, gehen
um 3 Uhr ins "Athener" zum frühstücken, fahren um 6 Uhr zum Flughafen
Schönefeld, fluchen und warten.
Wären wir erst um neun
Uhr auf dem Flughafen gewesen, hätten wir den Flieger immer noch bekommen.
Dann warten wir noch
einmal sieben Stunden in Sofia auf den Anschlussflug, spüren in den Knochen nur noch
Blei.
Unser Hotel in Istanbul:
Eine Katastrophe!
Jedenfalls: Es kann
endlich losgehen.
Mittwoch, 31. August 1977:
Istanbul
Die Nacht war kurz;
wahrscheinlich lags am Bett. Um sechs Uhr wachen wir zum ersten mal auf, schlafen
aber dann doch bis 7.30 Uhr weiter.
Frühstück gibt es erst
nach einer Reihe von Mißverständnissen. Dennoch: es schmeckte und wir sind fürs erste
satt.
Dann holen wir für 210
DM zwei Fahrkarten für den Albarak-Bus nach Kabul. Vier Tage soll die Fahrt dauern, was
auch unserer Zeitkalkulation entspricht.
Bis zur Abfahrt haben wir
noch den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag Zeit für Istanbul. Also ist
Sightseeing angesagt.
Als erstes
gehen wir
natürlich zur Hagia Sophia, bleiben aber nur draußen, weil wir noch weiter ins
Topkapi-Museum wollen. Dort stoßen wir auf eine deutsche Reisegruppe aus Bulgarien, der
wir uns einfach anschließen. Zum Museum: Viel Schmuck, äußerst wertvoll - und
entsprechend gesichert.
Im Pudding Shop, dem
Globetrotter-Treff schlechthin, trinken wir noch etwas und gehen noch einmal auf die
Toilette. Das wird wohl für lange Zeit das letzte mal gewesen sein.
Dann geht es ab in den
Bus.
Donnerstag, 1. September
1977/Freitag, 2. September 1977: Erzerum - türkisch/iranische Grenze - Teheran
Nach Istanbul beginnt der
Abstieg. Die Dörfer sind verfallen, das Essen wird ungenießbar - und die Toiletten sind
nicht mehr zu benutzen.
Hajü versucht, mit
Rainer Schach zu spielen. Das klappt natürlich nicht: Die Figuren kippen andauernd um.
Die anderen Reisenden:
ein deutsches Pärchen, ein Amerikaner, jede Menge Franzosen. Die Franzosen wollen weiter
nach Nepal. Uns flattert zum ersten mal der Gedanke ins Hirn, weiter nach Goa zu fahren.
Die erste Nacht im Bus
ist kalt und unbequem. Am Donnerstagmorgen nehmen zum "Frühstück" einen Tee
und eine Zigarette im Bus. Die Toilette an der Haltestelle suche ich gar nicht erst auf -
sie ist wahrscheinlich ohnehin nicht zu benutzen.
Die Idee, nach Goa
weiterzureisen, nistet sich immer fester in unseren Köpfen ein. Eine andere Idee ist
realistischer: Reiner und ich bauen uns aus Pappe ein kleines Schachbrett. Es strengt an,
damit zu spielen, wir müssen alles immer wieder neu aufbauen, aber irgendwie geht es.
Das Problem, daß es
keine benutzbaren Toiletten mehr gibt, macht sich langsam bemerkbar.
Der Stop in Erzerum ist
ein glatter Reinfall. Wir stehen an einer Tankstelle, es gibt noch einen Kaffee, die Leute
sind unfreundlich - jedenfalls kommt es uns so vor. Einen besonderen Grund, zu uns
freundlich zu sein, haben sie allerdings auch nicht: Wir essen nichts, trinken nichts,
sind auf der Durchreise und bringen kein Geld.
Fünf Minuten vor
Toresschluß kommen wir endlich an der iranischen Grenze an. Das ganze Gepäck wird aus
dem Bus geholt und wir sollen alle unsere Taschen öffnen.
Hajü und ich finden die
Sache äußerst komisch. Die Witzbolde suchen Haschisch - bei Leuten, die aus der Türkei
kommen und nach Afghanistan wollen. Wir fangen erst an zu kichern, lachen dann lauthals
los und blödeln herum. Einem der Polizisten ist die Sache offensichtlich peinlich und er
zeigt uns an, daß wir gefälligst ehrfurchtsvoll zu schweigen hätten: allerdings ohne
Erfolg. Nun kommt er sich - durchaus begründet - veralbert vor und meint, wir sollten
jetzt im Zollgebäude unser Gepäck vorzeigen. Offensichtlich hat es ihm nicht gepaßt,
daß ich auf seine Frage, warum wir lachen würden, mit der Gegenfrage geantwortet habe,
ob lachen im Iran verboten sei. Im Zollgebäude dreht er dann völlig durch und
verschwindet, bevor wir unsere Sachen ausgepackt haben.
Auf diese Weise waren wir
wohl diejenigen, deren Gepäck am wenigsten kontrolliert wurde.
Im Iran gibt es wieder
die ersten sauberen Toiletten und genießbares Essen. Intelligenterweise haben wir an der
Grenze allerdings kein Geld getauscht - und müssen uns nun durchschnorren und borgen.
Samstag, 3. September 1977/
Sonntag. 4. September 1977: Teheran
Teheran beginnt für uns
mit einem schlechten Witz.
Der Bus soll erst am
nächsten Tag weitergehen, meinen die Fahrer. Von der Busgesellschaft bekommen wir ein
Papier ausgestellt, auf dem steht, daß wir bis Kabul gebucht und bezahlt haben. Mit
diesem Papier sollen wir nun zum Amil-Kabir-Hotel und von da aus weitersehen.
Zum Hotel zu kommen, ist
aber gar nicht so einfach. Der Lastwagenfahrer, der vom Busbahnhof zum Hotel fahren
würde, verlangt 100 Rial pro Person: Also satteln wir das Gepäck auf und die ganze
Mannschaft marschiert zu Fuß. Dabei wird bei dem Wahnsinnsverkehr, der hier herrscht,
jede Straßenüberquerung zum versuchten Selbstmord, und der Weg ist weiter, als wir
gedacht haben.
Im Amil Kabir erfahren
wir dann, daß der nächste Bus nach Kabul sogar erst am Montag gehen soll. Zum Glück
finde ich einen Aushang, auf dem steht, daß am Samstag ein deutscher Bus abgehen soll.
Der Vertreter der Busgesellschaft - Ali nennt sich der Knabe - verspricht also, uns auf
diesen Bus umzubuchen.
Nun wollen wir noch
einmal hinuntergehen. Vor dem Hotel sitzt ein ziemlich zerlumpter Typ und fragt uns, ob
wir Deutsch sprechen würden. Er erzählt, daß er von einem Taxi angefahren worden sei,
eine Infektion bekommen habe, er aber kein Geld für Medikamente besäße und die
Botschaft nicht helfen würde. Wir geben ihm 20 Mark und bringen ihn in das Loch, in das
er sich einquartiert hat - ein völlig verdrecktes Abrißhaus.
Die Geschichte, die D.
uns erzählt, ist alles andere als amüsant. Mit 3000 Mark, eigenem Wagen,
Kassettenrecorder und allem drum und dran sei er aus Deutschland abgereist, hätte sich
dann im Hotel in Kabul eine Gelbsucht eingefangen. Also sei er zurück nach Teheran
gefahren, weil seine Frau in Deutschland hätte operiert werden müssen. Von der Botschaft
hätten sie zwei Flugtickets bekommen, eines davon leichtsinnigerweise verkauft, dann das
Geld auf den Kopf gehauen - und schließlich sei er auch noch beraubt worden, hätte den
Unfall gehabt und so seinen Abstieg begonnen.
Die Infektion ist schon
am Knie; am nächsten Tag will er ins Krankenhaus gehen. Für den Fall, daß das nicht
klappt, verabreden wir uns für zwölf Uhr vor dem Amil Kabir.
Am nächsten Morgen
fahren wir zur afghanischen Botschaft. Unser beantragtes Visum sollen wir aber erst am
nächsten Tag bekommen. Zum Glück treffen wir die Österreicherin, die mit uns das
Hotelzimmer teilt, in der Botschaft wieder, und die erzählt uns nun treuherzig, daß sie
ihr Visum noch am gleichen Tag bekommen würde. Wir gehen also zurück, schlagen gewaltig
Krach wegen dieser Ungleichbehandlung, die Österreicherin warnt, wir sollten doch lieber
höflich bitten - aber zum Schluß bekommen wir unser Visum sofort ausgehändigt.
Um 14 Uhr soll der Bus
abfahren; es ist schon ziemlich spät - und D. ist natürlich nicht im Krankenhaus.
Zusammen mit Reiner und seiner Freundin verfrachten wir ihn dann doch noch in ein Auto via
Hospital. Unser Bus ist noch nicht zu sehen.
Auf der Straße treffen
wir einen der deutschen Fahrer. Der Wagen hat einen kleinen Unfall gehabt, fährt erst
morgen ab, aber die Nacht könnten wir auf dem Campingplatz verbringen. Eine
ausgezeichnete Idee: Endlich raus aus Teheran!
Der Abend wird
tatsächlich gemütlich - und urkomisch. Wir stoßen auf einen Frankfurter, der in Indien
zum Guru geworden ist. Nach den ersten Gesprächsfetzen mit uns will er gleich wieder
zurück nach Indien, weil die Deutschen - siehe uns - alle so schrecklich realistisch
sind. Außerdem müsse er sich sowieso bald verbrennen lassen, ist er doch immerhin schon
32 Jahre alt. Christus wurde ja auch mit 33 gekreuzigt und Hare Krishna mit 32 erschossen.
So ein Religionsstifter hat es schon schwer, aber der Prophet gilt ja bekanntermaßen
nichts im eigenen Land.
Die Nacht über habe ich
schrecklich gefroren. Wir Idioten haben nämlich unsere Schlafsäcke im Bus einschließen
lassen.
Den Vormittag verbringen
wir mit Herumquatschen, lästern über den selbsternannten Guru, und sind mittags wieder
im Amil Kabir.
Der Bus ist vollgestopft
mit Passagieren und Gepäck - aber endlich geht es weiter.
Sonntag, 4. September 1977/ Montag, 5.
September 1977/ Dienstag, 6. September 1977: Teheran - Meshed - iranisch/afghanische
Grenze - Herat - Kabul
Der Bus ist in Ordnung, und das gilt vor allem für die beiden deutschen
Fahrer Rudi und Walter sowie die anderen Mitreisenden.
Die erste Nacht wird zwar besonders unbequem, weil sich die Sitze nicht zurückklappen
lassen und ich nicht an meinen Schlafsack herankomme, aber es geht dennoch besser als im
Albarak-Bus: Wahrscheinlich liegt es an der angenehmeren Gesellschaft.
Von Albarak sind wir hereingelegt worden: Rudi und Walter wußten jedenfalls nichts davon,
daß wir umgebucht worden wären. Da die beiden Fahrer genau so hereingelegt wurden, geben
wir ihnen in Kabul zusammen 40 Mark und teilen uns so den Verlust.
In Meshed besorgen sich die anderen ihr Visum; wir haben Zeit und wollen irgendwo
frühstücken gehen. Was passiert? Wir werden von einem Teppichhändler abgeschleppt,
bewirtet - nicht einmal sehr reichlich - und bekommen "alles" über Teppiche
erzählt, vor allem, daß wir sie in Deutschland mit drei- bis vierfachem Gewinn verkaufen
könnten. Wir fangen schon an zu rechnen, wieviel Geld wir entbehren könnten, wollen eine
Woche früher als geplant zurückfahren, überlegen andere Varianten. Im Bus hören wir
dann von den anderen, daß sie ganz ähnliche Erlebnisse hatten. Die Teppiche nach
Deutschland zu bringen wäre das erste Problem, und wer garantiert uns, daß wir sie
wirklich zu einem guten Preis verkaufen könnten? Jedenfalls haben wir auf diese Weise
umsonst gefrühstückt.
Die Fahrt bis zur Grenze verläuft ohne Zwischenfälle. Die Gegend wird immer mehr zur
Wüste, Ansiedlungen sind spärlich gesät.
Am späten Nachmittag überqueren wir die iranische Grenze, fahren eine Strecke durchs
Niemandsland, erreichen dann die afghanische Seite. Was für eine Grenzstation!
Vier uralte Häuser, reichlich zerfallen - eine Polizeistation, Zoll, Bank und ein Office,
in dem die Gesundheitspässe kontrolliert werden; dazu eine Toilette, die ihren Geruch
über das ganze Grenzgebiet verbreitet und wohl die schlechteste in ganz Afghanistan ist.
Wir sind zu spät gekommen und sollen erst am nächsten Tag abgefertigt werden. Die Fahrer
haben zwar Bakschisch gegeben, aber wohl den falschen Beamten geschmiert. Ein Grenzsoldat,
wenn es hochkommt vielleicht 18 Jahre alt, meint, wir sollten den Bus woanders hinfahren.
Wir bleiben stehen; er versucht, grimmig auszusehen, was aber schief geht, und
schließlich muß er über sich selber lachen.
Am Abend gehen wir in eines der Teehäuser hinter der Grenze. Jetzt erst sind wir richtig
in Afghanistan!
Wir essen von unseren Vorräten, trinken Tee und rauchen mit den Einheimischen Charras. Es
wirkt nicht schlecht - ein gutes Gefühl. Die Nacht verbringen wir im Bus.
Die Grenzformalitäten am Morgen nehmen etwa drei Stunden in Anspruch, dann kann es
weitergehen. Vorher kaufen wir noch etwas Charras von einem kleinen Jungen, ein
teufelsgutes Zug, und danach zieht die ganze Reisegesellschaft außer den beiden Fahrern
an der Pfeife. Es ist, als würden wir gerade ins Weltall starten.
In Herat machen wir eine kurze Rast, haben leider zu wenig Zeit, uns die Stadt anzusehen.
Das wollen wir auf dem Rückweg nachholen. Die Franzosen bleiben hier. Sie wollen später
nach Kabul weiterreisen.
Die Straße nach Kabul ist gut, durchgehend gepflastert, aber sie als Autobahn bezeichnen
zu wollen, ist eine leichte Übertreibung.
Am Abend machen wir in einem Dorf Station, erreichen am nächsten Vormittag Kabul..
Dienstag, 6. September 1977/ Mittwoch, 7. September
1977/ Donnerstag, 8. September 1977/ Freitag, 9. September 1977/ Samstag, 10. September
1977: Kabul
Die übrigen Reisenden aus unserem Bus
steigen im Peace-Hotel ab, aber das gefällt uns nicht, weil wir im Freien schlafen
müßten, es auch nicht besonders sauber ist. Also suchen wir zunächst eine andere
Bleibe.
Das Beshad-Hotel ist in etwa das, was uns vorschwebte. Als erstes nehmen wir eine warme
Dusche, herrlich nach dieser Tour!
Kabul - das ist für uns vor allem die Chicken-Street, das Einkaufszentrum. Dabei muß um
alles gehandelt werden; die Preise sind mindestens um 100 Prozent zu hoch angegeben. Hajü
kauft eine ganze Menge ein, Jacken, Taschen, Ringe usw., mich begeistert eigentlich nur
ein Schachspiel aus Onyx. 300 DM verlangt der Händler als Einstiegspreis, ich will meinen
gelben Anzug eintauschen. Leider mag der Bazari die Farbe nicht, lehnt sie wie die meisten
Afghanen wohl aus religiösen Gründen ab; Geld will ich nicht zahlen, also wird aus dem
Geschäft vorerst nichts.
Von deutschen Einkäufern erfahren wir, daß Onyx in Istanbul sowieso billiger sein soll.
Aber dort kann man kaum Tauschgeschäfte machen.
Am Samstag will ich auf der Post Briefmarken kaufen. Ich stehe eine gute halbe Stunde in
der Schlange und gebe dann auf, weil das Warten kein Ende nimmt.
Ich will zurück, lande aber auf der falschen Seite vom Kabul-Fluß. An den Berghängen
beginnt das Wohnviertel für die meisten Einheimischen. Ich komme nicht direkt dorthin,
aber was ich aus einiger Entfernung sehe, reicht durchaus.
Straßen sind nicht erkennbar, Stromleitungen oder ähnliches sowieso nicht. Die meisten
Häuser sind fensterlos, haben höchstens ein Tuch vor einer Maueröffnung. Die
Sanierungsviertel in Berlin-Kreuzberg und selbst die ärmeren Gebiete, die wir in Istanbul
gesehen haben, sind die reinsten Luxusbezirke im Vergleich hierzu.
Wenn wir einmal unseren hiesigen Lebensstil mit dem der meisten Afghanen vergleichen,
residieren wir trotz aller Primitivität immer noch fast wie Feudalfürsten.
Zum Essen gehen wir zum Beispiel in ein deutsches Restaurant, schlemmen mit Würstchen und
Sauerkraut, was für hiesige Verhältnisse natürlich wahnsinnig teuer ist - aber
Hepatites würde uns teurer kommen.
Sonntag, 11. September 1977/ Montag, 12.
September 1977: Bamyan
Morgens um sieben Uhr verlassen wir Kabul mit einem afghanischen Bus Richtung Bamyan. Die
Stadt liegt in den Bergen, mitten in der Wüste, ein Nest ohne Stromanschluß, aber mit
den größten Buddha-Statuen der Welt, der Touristenattraktion Afghanistans schlechthin.
Für die knapp 300 Kilometer benötigen wir rund sieben Stunden, wobei wir zwei
Gebirgspässe zu passieren haben.
Außerhalb Kabuls hört die "Zivilisation" auf. Die Häuser sind einfach
aufgeschichtete Lehmbauten, haben lediglich eine Öffnung für den Eingang, manchmal noch
zwei weitere, die als Fenster dienen.
In einem Tal entdecken wir ein Reisfeld, was mich einigermaßen erstaunt, weil ich bisher
immer davon ausging, daß Reis tropisches Klima benötigen würde.
Wir treffen auf die ersten Nomaden. Immer wieder fallen uns die uralten, buntbemalten
Trucks auf.
Gegen 14 Uhr kommen wir in Bamyan an und steigen im Hindukusch-Hotel ab. Das Hotel
übertrifft alle meine Erwartungen; sogar duschen kann man hier, worauf ich allerdings
verzichte, weil mir das Wasser zu kalt ist.
Unser Zimmer teilen wir uns mit Otto, der seit fünf Wochen unterwegs nach Nepal ist.
Warum haben wir nur so wenig Zeit?!
Wir mieten uns erst einmal Pferde und reiten aus. Zunächst geht es in eine waldige
Gegend, wo ich beim Galopp meine Sonnenbrille verliere, dann vorbei den der Buddha-Statue
und dann hinein in eine Höhlensiedlung in der Wüste.
Nach zwei Stunden können wir nicht mehr sitzen und geben die Pferde wieder ab.
Unser "Nachtleben" von Bamyan besteht darin, im letzten offenen Geschäft Kuchen
zu essen.
Am Morgen reiten wir dann wieder aus. Diesmal sind die Pferde besser, und eigentlich geht
es jetzt ganz gut.
Vom sogenannten Flughafen, einer besseren Sandpiste und einer Lehmhütte, hält uns ein
Soldat fern. Wir reiten also zurück, wollen ohnehin noch einen Truck nach Band-I-Amir
bekommen. Otto ist der Ausritt überhaupt nicht bekommen; er hat Durchfall.
Einen Truck bekommen wir natürlich nicht mehr, wir richten uns also auf eine weitere
Nacht in Bamyan ein und schreiben Postkarten. Auf der Poststation gibt es nicht mehr
genügend Briefmarken und die Post vor unseren Augen abstempeln - die einzige Garantie,
daß die Briefmarken nicht noch einmal verkauft werden - will der Beamte sowieso nicht.
Einige Karten bleiben also unabgeschickt.
Dienstag, 13. September 1977: Band-I-Amir
Morgens um sieben Uhr steigen wir auf den Truck, mit uns noch zwei andere Deutsche,
ansonsten nur Afghanen. Die Fahrt wird staubig, so staubig, daß meine Armbanduhr ihren
Geist aufgibt.
Die Afghanen sind absolut fasziniert von unseren Kameras, wollen sogar fotografiert
werden. Solche Apparate haben sie wohl noch nie gesehen!
Gegen Mittag sind wir in Band-I-Amir: Sieben Seen, 3000 Meter hoch mitten in der Wüste.
Unser Hotel ist nur leidlich, aber dafür sind die Leute hier besonders freundlich.
Wir laufen zu einem der Seen hinunter, Otto springt einmal kurz hinein, aber es doch ganz
schön kalt zum Baden. Trotzdem: Ein beeindruckendes Schauspiel. Das Wasser reflektiert
das Sonnenlicht in ganz unterschiedlichen Farben.
Am Nachmittag wollen wir am See etwas Charras rauchen. Kaum haben wir die ersten Züge
genommen, taucht hinter uns der Dorfpolizist, meint, es wäre Ramadan, will unsere Pässe,
droht mit dem Gouverneur. So ganz ernst scheint er die Sache aber nicht zu nehmen. Wir
sollten mit ihm mitkommen, sagt er, zeigt uns während unserer "Festnahme" wie
ein Touristenführer die Umgebung. Schließlich kommt noch ein älterer Afghane,
vermutlich der Bürgermeister, dazu, erklärt, jeder von uns solle 100 Afs Bakschisch
zahlen. Damit ist die Angelegenheit erledigt.
Mittwoch, 14. September 1977: Band-I-Amir
Nach dem Mittagessen wandern wir zum großen See. Zwischen dem großen und dem kleinen See
entdecke ich fast so etwas wie ein Wäldchen, mache noch einige Fotos.
Anschließend finden wir ein schönes Plätzchen, wo wir noch etwas Charras rauchen und
die Felsen anschauen.
Den Nachmittag verbringen wir im Teeraum unseres Hotels. Meine Lippen sind völlig
ausgetrocknet, fangen an zu brennen.
Morgen fahren wir zurück nach Bamyan.
Donnerstag, 15. September 1977: Bamyan
Wir schlafen aus, frühstücken in aller Ruhe, lassen uns Zeit. Dann buchen wir einen Bus
nach Bamyan, weil wir von Trucks für die nächste Zeit genug haben.
Doch die Busfahrt wird schrecklich. Es fehlt der Reiz des Neuen, es ist voll - und wir
sitzen unbequem. Meine Lippen platzen langsam auf, und es tut höllisch weh.
Hinter Band-I-Amir gibt es nur Staub und Moosgewächse, später, nachdem wir einen kleinen
Fluß überquert haben, sehen wir noch ein paar Ansiedlungen und auch etwas Ackerbau. Ab
und zu tauchen Nomadenzelte auf, aber es sind nicht mehr als zwei oder drei richtige
Lager, die wir zu Gesicht bekommen.
Gegen 14 Uhr erreichen wir
Bamyan, gehen etwas essen - und erfahren, daß es keine direkte
Verbindung nach Kabul mehr gibt. Also kehren wir wieder im Hindukusch-Hotel, reden mit dem
Manager und gehen die Buddha-Statuen besichtigen.
Vor den Statuen zahlen Otto und ich je 50 Afs für die Fotoerlaubnis und Eintritt, dazu
noch an einen Polizisten ohne ersichtlichen Grund 10 Afs Bakschisch. Hajü kommt ohne zu
zahlen durch: Er macht einfach ein Foto von dem Polizisten und sagt ihm, daß er es ihm
zuschicken würde, wenn er wieder in Deutschland ist.
Wir krabbeln durch die Höhlen auf den Kopf des Buddha - und genießen von dort den
fantastischen Ausblick auf das Tal.
Freitag, 16. September 1977: Bamyan
Wir wollen zurück nach Kabul. Am Vormittag versuchen wir, einen Truck zu bekommen - aber
keine müde Pferdekutsche geht in unsere Richtung.
Wir hängen den ganzen Tag in der Bäckerei herum, unsere Stimmung hat einen Tiefpunkt
erreicht. Wir haben genug von Bamyan, von Afghanistan, von ganz Asien.
Hajü fängt auch noch an, krank zu werden, hat Sodbrennen und Durchfall; meine Lippen
sind total ruiniert und schmerzen wahnsinnig.
Leider erfahren wir zur spät, daß es in der Nähe heiße Quellen gibt, in denen wir
hätten baden können.
Ich tausche noch 50 DM, bekomme dafür aber nur 750 Afs.
Samstag, 17. September 1977: Kabul
Um sechs Uhr früh geht
es los. Der Bus ist bis auf den letzten Platz voll, und wir wissen, daß noch eine ganze
Reihe von Reisenden, die auch zurückwollten, einen weiteren Tag in Bamyan warten müssen.
Wir sind froh, endlich wegzukommen.
Die Gegend - Wüste, aber
immer mehr bebaute Felder, je mehr uns der Hauptstraße nähern - interessiert nicht mehr.
Gegen 14 Uhr kommen wir
ausgehungert in Kabul an, gehen ins Beshed-Hotel und besorgen anschließend die
Rückfahrkarten nach Istanbul Bis zum 20. September werden wir noch in Kabul bleiben,
wollen anschließend noch einige Tage Badeurlaub in Izmir machen.
Sonntag, 18. September
1977: Kabul
Der Tag wird fast zu
einem Arbeitstag.
Am Vormittag bin ich auf
der Post, will Karten abschicken. Aber die Post hat zu - um 14 Uhr muß ich zurückkommen.
Ich bin zwar mit Hajü im
Friends-Hotel verabredet, gehe aber erst einmal zur Chicken-Street, mit dem gelben Anzug,
den ich endlich eintauschen will und dem Geld, das ich eingetauscht habe.
Bei einem Teppichhändler
bleibe ich dann hängen. Für einen Teppich will er 250 US-$, dazu die Sachen, die ich zum
Tauschen habe. Wir verhandeln vielleicht eine Stunde, ich sage, ich sei ein armer Mann,
arbeitslos, der Teppich soll ein Geschenk für meine Mutter sein, er meint, der Preis sei
nur gut für mich, nicht für ihn. Ergebnis: Er bekommt den Anzug und 3850 Afs, ich den
Teppich. Noch weiter wäre er wohl nicht mehr mit dem Preis heruntergegangen.
Vor dem Istanbul-Hotel
treffe ich Reiner mit seiner Freundin wieder. Zusammen gehen wir in das Restaurant der
Berlinerin, in dem wir schon bei unserem ersten Aufenthalt in Kabul immer gewesen sind,
und ich lasse mir Neuigkeiten von D. berichten: Der Junge war doch ein Fixer, blieb zwei
Tage in Teheran im Krankenhaus, ist dann aber dort verschwunden. Sein "Freund"
Roland hat sich mit dem Geld, das wir für die Medikamente gegeben hatten, aus dem Staub
gemacht, und D. sitzt nun wieder regelmäßig vor dem Amil Kabir. Wenn wir ihn
wiedersehen, werde ich ihm nichts mehr geben.
Mit Reiner, seiner
Freundin, Hajü und Otto gehe ich dann in die Altstadt auf den Basar der Einheimischen.
Dreck, Armut, stinkendes Fleisch und Fliegen, dazu Altkleider aus den entsprechenden
Rot-Kreuz-Sammlungen zu Horror-Preisen. So geht das hier!
Die Häuser haben sogar
Löcher in den Außenmauern. Die Berlinerin hat erzählt, daß ab und zu mal eines davon
einfach einstürzt.
Auf dem Rückweg kaufe
ich noch in einem kleinen Geschäft einen Lapsus-Anhänger, gehe dann noch in der
Chicken-Street in den Laden, in dem ich am Vormittag ein Schachspiel aus Sandelholz
entdeckt habe. 250 DM wollte der Händler am Vormittag haben, nun liegt sein Preis bei 160
DM. Der Händler behauptet, einige Jahre in Berlin gelebt zu haben - aber von seinen 160
DM geht er nun nicht mehr herunter. Also schlage ich nun zu, habe aber für die Figuren
nun kein passendes Brett.
Ich bleibe auch noch in
einem weiteren Laden hängen, trinke Tee und plaudere gut zwei Stunden mit dem
Ladenbesitzer. Schließlich kommt ein Freund des Händlers dazu. Der führt meist
französische Touristen in der Gegend herum, verdient damit 300 Afs am Tag. Er schätzt
sich zwar selbst als Spitzenverdiener ein, sagt aber, daß er sich trotzdem "keine
Frau leisten könne". Dafür müsse er nämlich einen Brautpreis zwischen 60.000 und
100.000 Afs zahlen.
Ich verabrede mich für
den nächsten Tag, um noch ein Schachbrett zu kaufen.
Montag, 19. September 1977:
Kabul
Es ist praktisch unser
letzter Tag in Kabul. Hajü will noch Stiefel kaufen, ich bin auf der Suche nach einem
brauchbaren Schachbrett.
Gegen 14 Uhr bin ich
wieder in dem Geschäft vom Abend zuvor, kaufe einige alte Münzen - aber der
Touristenführer ist nicht da. Ein Schachbrett bekomme ich nicht.
Dienstag, 20. September
1977/ Mittwoch, 21. September 1977/ Donnerstag, 22. September 1977/ Freitag, 23. September
1977/ Samstag, 24. September 1977: Kabul - Herat - afghanisch/iranische Grenze -
iranisch/türkische Grenze -Erzerum - Ankara - Istanbul
Um vier Uhr nachmittags
sollte der Bus losfahren. Das tut er aber nicht - denn irgendwelche Bustickets sind
doppelt verkauft worden. Die übliche Geschichte! Außerdem sitzen wir wieder gegen alle
Erwartungen in einem Albarak-Bus und sehen uns schon wieder für zwei Tage im Amil-Kabir
in Teheran festhängen.
Mit uns im Bus: Steffen,
offensichtlich ein Drogenhändler, der freimütig erzählt, er hätte in Afghanistan
"Geschäftsfreunde" besucht, zwei Engländerinnen, die aus Nepal zurückkommen
und Günther, der "Waldmensch". Der ist in Afghanistan durch die Dörfer gereist
und erzählt nun seinem Sitznachbarn, wie schädlich doch Landmaschinen und Dünger seien
und welches Glück die afghanischen Bauern hätten, mit diesem Teufelszeug nicht umgehen
zu müssen. Sein Sitznachbar ist pikanterweise ein afghanischer Landwirtschaftsstudent,
der uns vorher berichtete, welche Anstrengungen Regierung und andere Organisationen
unternehmen, um die afghanische Landwirtschaft zu modernisieren und so die allgemeine
Armut zu überwinden.
Am Morgen des 21.
September sind wir wieder in Herat - bekommen aber wieder nichts mit von der Stadt.
Lediglich von dem Hotel aus, in dem wir frühstücken, können wir einen Blick auf eine
Moschee werfen, wohl die Sehenswürdigkeit der Stadt.
Die afghanisch/iranische
Grenze kostet uns einen halben Tag. Zunächst erleben wir ein Zwischenspiel auf der
afghanischen Seite. Im Zollhaus lehnt sich Hajü an die Fensterscheibe an - und auf einmal
bricht die in 1000 Scherben auseinander. Nun schnappt sich einer der Männer in der
Zollstation Hajüs Reisepaß aus dem Stapel und will damit verschwinden. Wir jagen dem
Kerl hinterher, wollen nun mit ihm zur Polizeistation, auf dem Weg dorthin wird er immer
kleinlauter - und die Polizisten geben uns schließlich anstandslos den Paß zurück. Für
die Scheibe zahlen wir natürlich nichts - wahrscheinlich war sie als Touristenfalle
ohnehin schon angeknackst.
Die iranische Grenze
erweist sich besser als ihr Ruf. Die Kontrollen sind zwar gründlich, laufen aber
verhältnismäßig zügig ab. Wer allerdings wird wieder zur Leibesvisitation
herausgegriffen? Natürlich ich. Vermutlich mache ich an Grenzen immer einen entsprechend
schuldbewußten Eindruck.
Als der Zöllner sich
dann auch noch an meiner Unterhose zu schaffen machen will, frage ich ihn, ob er denn
wisse, wer der größte Rauschgifthändler der Welt sei, schaue dabei demonstrativ auf das
Bild von Schah Reza Pahlewi. Von dieser Frage ist er nun so peinlich berührt, daß er auf
einmal kein Wort Englisch mehr spricht und die Durchsuchung kommentarlos abbricht.
Nach den Erfahrungen von
Afghanistan erscheint der Iran diesmal in einem ganz anderen Licht: fast eine blühende
Vegetation und zivilisiert. Das Gebirge sieht an manchen Stellen so aus, als stünde es in
Europa.
Im Bus gehts
unterdessen rund. Von den Reisenden hatte ein Italiener versucht, Opium über die
iranische Grenze zu bringen. Die Fahrer fanden das Zeug aber noch vor
dem Zoll, brachten es woanders unter,
nämlich unter dem Sitz von Günther. Als der Italiener nach den Grenzkontrollen sein
Opium zurückholen wollte, haben sie ihn natürlich gleich erwischt. Erst gab es eine
Schlägerei, dann forderten die Fahrer 150 US-$. Soviel hätten sie angeblich zahlen
müssen, um den iranischen Zoll zu bestechen. Wenn sie das Geld in Istanbul nicht
bekämen, wollten sie gleich zur Polizei gehen.
Der afghanische Student
hat einige andere Beobachtungen gemacht - und von Günther erfahren wir später, wie die
Sache tatsächlich ablief. Hinter der Grenze haben die Fahrer das Opium an irgendwelche
Leute verkauft, die in einem Privatwagen die ganze Zeit unserem Bus hinterherfuhren.
Solche Geschichten sollen andauern passieren: Die Fahrer waren darauf vorbereitet und
verdienen bei solchen Gelegenheiten gleich doppelt: einmal durch den Verkauf des Opiums
und dann durch die Erpressung.
Am Donnerstag erreichen
wir gegen Mittag Teheran, gehen mit Günther, Sheila und Margerite, den beiden
Engländerinnen, ins Amil Kabir, warten darauf, daß der Bus um sechs Uhr weiterfährt.
Der Bus hat natürlich eine Verspätung - aber die Nacht sind wir trotzdem unterwegs nach
Istanbul.
Es wird eine schlimme
Nacht: Hajüs Durchfall wird zum Problem, und nun hat er auch noch Krämpfe, weil er nicht
auf die Toilette kann.
Am Freitag passieren wir
die iranisch-türkische Grenze: Keine Durchsuchungen, kein Warten - einen Stempel in den
Paß, das wars. Auf der türkischen Seite bekommt allerdings jeder Reisende eine
Tablette: In der Gegend, durch die wir nun kommen, ist die Cholera ausgebrochen.
Selbst die Osttürkei
erscheint - alles im Vergleich mit Afghanistan - freundlicher als bei der Hinfahrt:
Ackerbau und Viehzucht, zerklüftete Berge wie in einem Karl-May-Film, dazu das letzte
nomadenähnliche Zeltlager, das wir zu sehen bekommen, Dörfer, ein Stausee...
Am Abend essen wir in
Erzerum; die letzte Nacht im Bus beginnt: Ich weiß nicht mehr, wie ich sitzen, geschweige
denn liegen soll.
Am Samstag Nachmittag
erreichen wir Ankara. Hinter Ankara ist die Straße durchgehend asphaltiert - wir sind auf
der E 5.
Um 23.30 Uhr erreichen
wir Istanbul. Günther und die beiden Engländerinnen wollen gleich morgen mit dem
Albarak-Bus nach München weiterfahren, steigen für die Nacht in der Jugendherberge ab.
Hajü und ich checken in im Hotel neben dem Pudding-Shop ein, schlafen für 25 Türkische
Lira im Gemeinschaftssaal. Das Hotel hat heiße Duschen - und uns haftet der Geruch der
viertägigen Bustour an.
Sonntag, 25. September
1977: Istanbul
Als allererstes wird
geduscht, endlich! Dann versuchen wir, ein anderes Hotel zu finden - aber weil es keines
mit heißen Duschen gibt, nehmen wir in unserem alten Hotel nun ein Doppelzimmer für 40
Türkische Lira pro Nase.
Wir beginnen unseren Tag
im Pudding-Shop: Die Engländerinnen wollen nun doch am Abend den Zug nehmen, Günter
sitzt auf seinem Ticket der Noori-Busgesellschaft, die aber niemand zu kennen scheint.
Albarak ist so "gnädig", das Ticket - gegen Aufpreis - zu akzeptieren.
Wir feiern Abschied von
den Engländerinnen; das Bier fließt in Strömen - und wir sind alle leicht angegangen.
Am Abend bringen wir die beiden zum Bahnhof.
Montag, 26. September 1997:
Istanbul
Mittags essen wir ganz
ausgezeichnet in einem Fischlokal - aber meine Portion kostet auch stolze 15 TL.
Am Nachmittag bummeln wir
durch das Bordellviertel von Istanbul. Es gibt feste Eintrittspreise, je nach
"Qualität" des Hauses 50 oder 100 TL. Die Frauen sitzen hinter Glasscheiben,
die Freier können in aller Ruhe aussuchen.
Ein Türke, der in
Deutschland gearbeitet hat, zeigt uns die "besseren" Häuser - Einheitspreis 150
TL. Doch wir bleiben bei unseren Prinzipien - wir haben kein Geld und Angst vor
Geschlechtskrankheiten.
Dienstag, 27. September
1977: Istanbul
Wir verbringen den Tag
auf dem Basar: Onyx, Teppiche, Schmuck und wieder Onyx. Hajü erweist sich als regelrecht
schmucksüchtig, kauft sich Ringe für fünf TL und ähnlichen Plunder. Ich kaufe ein
Onyx-Ei für 20 und einen Anhänger für 40 TL.
Wir werden zwar andauernd
auf Deutsch angesprochen, aber die Händler sind hier nicht so aufdringlich wie in Kabul.
Nach Bakschisch fragt niemand. Der Istanbuler Basar ist um etliches interessanter als die
Kabuler Chicken-Street.
Am Abend gehen wir in ein
einheimisches Restaurant essen, lernen einige Worte türkisch. "Arcadas" heißt
"Freund".
Mittwoch, 28. Februar 1997:
Istanbul
Ein regnerischer Tag; es
ist kalt und windig. Beim Frühstück treffen wir Bernd und Willi im Pudding-Shop, wollen
anschließend Sightseeing machen.
Zunächst geht es auf den
Gewürzbasar, dann in die Seitenstraßen. Ständig werden wir angesprochen, Lederjacken zu
kaufen. Die verlangten Preise sind allerdings eine Unverschämtheit.
Den Abend verbringen wir
wieder im Pudding-Shop.
Donnerstag, 29. September
1997: Istanbul
Das Wetter ist so schlimm
wie gestern, am Vormittag allerdings mit einigen Aufheiterungen zwischendurch.
Wir besuchen die Blaue
Moschee - die allerdings gerade renoviert wird. Ich will einige Fotos machen, doch das
Wetter erweist sich als störend.
In der Hagia Sophia
müßten wir Eintritt bezahlen. Wir verzichten auf einen Besuch.
Freitag, 30. September
1977: Istanbul
Es ist der letzte Tag in
Istanbul, der letzte Tag unserer Reise.
Vor dem Pudding-Shop
treffen wir Reiner und Theresia, ein Pärchen, das wir bei unserer ersten Ankunft in
Istanbul kennen lernten. Man trifft immer wieder die gleichen Leute. Die beiden sind einen
Tag später als wir nach Kabul abgereist, haben aber auch noch Kandahar und Herat
angesehen.
Wir wollen alle zusammen
auf der Galata-Brücke Fisch essen gehen - stellen dann aber vor Ort fest, daß unser Geld
nicht mehr reicht. In zwei billigeren Restaurants sind Touristen unerwünscht, aber
schließlich finden wir doch noch etwas passendes.
Nach dem Essen gehen wir
zum letzten mal auf den Basar; Hajü kauft noch einen Ring.
Istanbul endet für uns
im Pudding-Shop: Wir treffen noch einen Deutschen, der gerade angekommen ist, nun nach
Nepal will. Für ihn fängt Asien im Pudding-Shop an.
Um 22.30 Uhr sind wir am
Flughafen, unsere Maschine nach Berlin geht um 7.30 Uhr. Die letzte Nacht des Wartens
beginnt.
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