Donnerstag, 10. April 1997: Berlin - Cabarete
Um 14.25 Uhr landet unsere Maschine in Puerto Plata. Nach
mitteleuropäischer Zeit ist es allerdings bereits 20.25 Uhr, und wir haben seit unserem
Start in Schönefeld um 8.10 Uhr MEZ einschließlich der Stunde Aufenthalt in Manchester
mittlerweile zehn Stunden an Bord der Britannia-Maschine verbracht.
Der Flug verlief ruhig und einwandfrei: Keine Turbulenzen, ein
akzeptabler Service, einwandfreies Bordprogramm mit zwei Spielfilmen ("Mission
impossible" und "Twister"), wenn man einmal davon absieht, dass auf den
hinteren Monitore lange Zeit nur ein Flimmern zeigten.
Doch dafür verläuft die Einreise in die Dominikanische
Republik absolut chaotisch: Zunächst stürzen sämtliche Passagiere unserer Maschine zu
einem Schalter, an dem es die auszufüllenden Formulare für die Einreise gibt. Jedes
Formular kostet allerdings 10 US-$ - was natürlich vorher kein Mensch gewusst hat. Nach
dem Ausfüllen der Formulare geht es dann zu dem Immigrationsschalter - wo sich nun
natürlich kein Beamter für das interessiert, was die Passagiere inzwischen ausgefüllt
haben. Hauptsache, die 10 US-$ sind bezahlt!
In der Zwischenzeit fährt unser Gepäck auf dem Rollband
spazieren, und es ist eigentlich ein Wunder, dass es nicht schon gestohlen wurde.
Die nächste Überraschung: Der örtliche Veranstalter, der
Vertragspartner von "Paul-Günther-Tours", hat unsere Namen gar nicht auf seiner
Liste zu stehen. Doch das stört die Mitarbeiter der hiesigen Agentur kaum. Angeblich
kommt das öfter vor.
An Zuckerrohrfeldern vorbei fährt unser Bus nun nach Cabarete.
Von Sosua sehen wir ein Stück Strand, ansonsten Restaurants - und erleben einen Stau,
weil gerade die Straße repariert wird.
Schließlich erreichen wir Cabarete. Auch hier: Restaurants,
Restaurants, Restaurants - und Verleihstationen für Surfbretter.
Im Hotel "Isla Verde" müssen wir als letzte
einchecken - denn auch hier fehlen unsere Namen auf der Liste. So werden wir
schlussendlich in einem - allerdings absolut gleichwertigen - Nachbarhaus untergebracht.
Dieser Teil am westlichen Rand von Cabarete scheint jedenfalls
fest in deutscher Hand zu sein. Nicht nur unser Hotel gehört Deutschen; die Restaurants
hier heißen "Leipzig" oder "Biergarten" oder tragen ähnliche Namen.
Lediglich an den letzten hundert Metern vor dem Strand haben Einheimische ihre Holzbuden
errichtet.
Freitag, 11. April
1997: Puerto Plata - Sosua
Gegen 11 Uhr besteigen wir an der Hauptstraße vor unserem
Hotel das "Guagua" nach Puerto Plata. Guaguas sind eine Mischung zwischen Taxi
und Linienbus - und sie werden mit Fahrgästen vollgestopft, bis wirklich jeder
verfügbare Quadratzentimeter besetzt ist.
Dass auf der vorderen Bank ein Fahrgast dem Fahrer zwar nicht
direkt auf dem Schoß, dafür aber zumindest über der Kuppelung sitzt, ist in diesen
Minibussen jedenfalls eher die Regel als die Ausnahme. 40 Pesos verlangt der Fahrer für
jeden von uns für die Strecke bis Puerto Plata - wir zahlen zusammen 20, was dem echten
Preis zumindest näher kommt.
Am "Parque Central" - mehr ein reizvoller Platz mit
einem Pavillon in der Mitte - verlassen wir das Guagua: Endstation im Zentrum der Stadt.
Gleich gegenüber vom "Parque Central" liegt die
mächtige weiße Iglesia San Felipe, deren drei Türme die ganze Stadt überragen und uns
während unseres Stadtbummels durch Puerto Plata immer wieder als Orientierung dienen.
Denn außer dieser einen Kirche scheint Puerto Plata aus
allerdings sauberen und ordentlichen ein- bis zweistöckigen Holzhäusern zu bestehen,
deren bevorzugte Farben blau und grün sind.
100 bis 200 Meter vom Parque Central entfernt finden wir das
Bernsteinmuseum, das "Amber National". 25 Pesos beträgt der Eintritt in die
elegante Villa mit Dachterrasse - und das eigentliche Museum beschränkt sich auf drei
Räume im oberen Stockwerk.
Herausragend die Exponate: Am Eingang befindet sich gleich ein
Bernsteinstück, größer als zwei Männerfäuste, das größte Stück, das jemals im
karibischen Raum gefunden wurde. Dazu gibt es Bernsteinstücke in allen Farbschattierungen
von gelb bis schwarz, mit Einsprengseln, die von Wurzeln, Blüten oder über 50 Millionen
Jahre alten Insekten stammen. Der Stolz der Sammlung ist ein Bernsteinstück mit einem
komplett erhaltenen eingeschlossenen Mini-Salamander, ebenfalls gut 50 Millionen Jahre
alt.
Vom Bernsteinmuseum aus halten wir auf den Malecon, die
Strandpromenade zu, die sich allerdings ziemlich eintönig darstellt. Zudem dient der
Strand hier auch noch als Müllabladeplatz.
Schließlich erreichen wir am Ende des Malecon die Festung San
Felipe, die alte Trutzburg gegen die Piratenüberfälle. In dem Museum sind verrostete
Musketenläufe ausgestellt, auf der Plattform stehen noch einige alte Kanonen. Von den
Zinnen aus gibt es aber einen guten Überblick über die Bucht.
Wir machen noch einen Abstecher zum Zentralmarkt, entdecken
dort aber nur überteuerte Touristensouvenirs, fahren dann nach Sosua.
Dieser Ort scheint nun ausschließlich aus Hotelanlagen und
Restaurants zu bestehen und Deutsch, so kommt es mir jedenfalls vor, ist hier die
verbreitetste Sprache. In zwei Agenturbüros erkundigen wir uns nach Touren - und fahren
dann nach Cabarete zurück.
Samstag, 12. April
1997: Cabarete
Wir wollen mit dem Guagua nach Sosua zum Schnorcheln - und der
Wagen, den wir erwischen, ist der, den wir gestern in Puerto Plata schließlich verlassen
hatten, weil er ewig stand und nicht wie wir wollten nach Sosua losfuhr. Danach hatte der
Beifahrer dann trotzdem zehn Pesos haben wollen, sie natürlich nicht bekommen - und nun
treffen wir uns wieder. Übel scheint er es uns nicht mehr zu nehmen, dass ihm gestern
sein Trinkgeld entgangen ist. Jedenfalls lacht er uns trotzdem freundlich an.
Trotzdem: In Cabarete ist Endstation. Das Guagua hat seinen
Geist aufgegeben, und alle Fahrgäste müssen aussteigen, bekommen sogar, wie wir sehen,
ihr Geld zurück. Weil wir bisher noch nichts gezahlt haben, gebe ich dem Fahrer nun zehn
Pesos.
Cabarete ist ein Straßendorf: Links und rechts der Straße
sind Hotels, Restaurants und Souvenirshops, überall deutsche Hinweisschilder, dazu
schließlich das wichtigste: Der Strand.
Für zwei Strandliegen zahlen wir 60 Pesos. Sich einfach so in
den Sand zu legen, wäre bei dem ewigen Wind und der Hitze des Sandes auf Dauer wohl doch
sehr ungemütlich.
Zum Schwimmen oder sogar zum Schnorcheln ist die Brandung zu
heftig. Cabarete ist nun einmal der Strand für Surfer. Aber nicht nur das: Wir beobachten
einen "Schwimmer", der sich von einem Flugdrachen durch die Wellen ziehen
lässt.
Gegen 14.30 Uhr verlassen wir den Strand, laufen die Straße
Richtung Puerto Plata hoch und biegen schließlich am Ortsausgang von Cabarete die Straße
ins Landesinnere ein. Wir wollen die Tropfsteinhöhlen besuchen, die sich in dem hier
ausgewiesenen Nationalpark befinden. Die ungepflasterte Straße führt uns am
"Cabarete der Einheimischen" vorbei. Einige Bewohner haben es zu einigem
Wohlstand gebracht, zumindest ihren Häusern nach zu urteilen. Doch die meisten Menschen
hier leben in einfachen Steinhäusern mit kleinen Gärten davor.
Lautstark geht es zu - denn irgendwie scheint hier aus jedem
Haus die Merenge-Musik aus den Lautsprechern zu dröhnen.
Vor dem Nationalpark fließt ein kleines Bächlein, und dann
ist unser Ausflug auch schon beendet. 195 Pesos pro Person beträgt der Eintritt in die
sieben Tropfsteinhöhlen - und soviel Geld haben wir nicht mehr bei uns.
Auf dem Rückweg lasse ich mir die Haare schneiden, begehe aber
einen grundlegenden Fehler. Weil ich mich vorher nicht erkundigt habe, verlangt die
Friseuse am Ende 50 Pesos - und ohne zu handeln muss ich nun diesen Preis auch bezahlen.
Ich nehme mir vor, dass mir dies nicht noch einmal passieren wird.
Sonntag, 13. April
1997: Sabaneta
Kurz vor 10.00 Uhr fahren wir mit dem Guagua nach
Sabaneta, dem
Nachbarort von Cabarete. Vom Massentourismus ist hier noch äußerst wenig zu spüren. Die
Kneipe mit dem Billardtisch an der Straßenkreuzung ist schon die bedeutendste
gastronomische Einrichtung des Ortes. Ansonsten besteht das Dorf aus einfachen
Holzhäusern, teilweise mit prächtigen Orleanderbüschen davor, einigen nobler wirkenden
Steinhäusern und auch aus einfachsten Hütten aus Palmenblättern.
Für 500 Pesos pro Person hatten wir gestern einen Reitausflug
in die Berge gebucht, und Sabaneta ist nun der Startpunkt unserer Tour. Unsere Begleiter:
Lutz, 32 Jahre alt, ein Thüringer, der seit ein ein halb Jahren hier lebt und sich mit den
Pferden selbständig gemacht hat, sowie Renato, sein dominikanischer Kompagnon.
Sabaneta ist ein Bauerndorf, und als erstes passieren wir die
Felder des Ortes, meist Zuckerrohrfelder, aber auch Kaffee und Kakao werden hier angebaut.
Obwohl schon kurz nach dem Ortsende das Land links und rechts des Weges Dschungel zu sein
scheint, stehen dennoch überall Stacheldrahtzäune. Das, was wie Dschungel aussieht, ist
Fincaland - und wird als Weidefläche genutzt. Die winzigen Fincas, die wir zu Gesicht
bekommen, sind allerdings nur ärmliche Hütten aus Holz und Palmenblättern.
Schmetterlinge, ab und zu ein Kolibri, kreuzen unseren Weg.
Kleinere Rinderherden, selten mehr als ein Dutzend Kühe und ein Büffel, weiden am
Wegesrand. Die Tiere erinnern an afrikanische Rinder, kommen mir aber wesentlich kleiner
vor.
Immer wieder durchqueren wir einen
Fluss. Er ist seicht, das
Wasser klar. Schließlich erreichen wir an einem großen Stein eine Stelle, die von den
Einheimischen als Badestelle genutzt wird.
An diesem Fluss gedeiht der Bambus, und stellenweise nimmt der
Weg die Form einer aus Bambus gehauenen Grotte an.
Hinter einer Flussbiegung traben unsere Pferde eine
Geröllpiste den steilen Hügel hinauf. Schon von unten haben wir die ersten Palmenhütten
des Dorfes gesehen - nun haben wir von oben einen wunderbaren Blick über das weitläufige
Flusstal, umgeben von Palmen und dichtem Dschungel, während gerade eine Rinderherde durch
den Fluss getrieben wird.
Vor der Dorfkneipe sitzen Männer mit zwei Kampfhähnen. Doch
weil niemand von uns sich auf eine Wette einlassen will, kommt es nicht zu dem
Hahnenkampf, der hier sonst als Nationalsport betrieben wird. Dafür verteilen wir dann
aber Kaugummis an die Kinder.
In einem zweiten Dorf kurz vor Sabaneta nehmen wir dann unser
Mittagessen ein: Es gibt Schwein mit gebackenen Bananen. Gegen 16 Uhr machen wir uns
wieder auf den Heimweg zu unserem Hotel in Cabarete.
Montag, 14. April
1997: Cabarete
Gegen Mittag sind wir an den Höhlen von Cabarete, am Eingang
zum Nationalpark, zahlen pro Nase 200 Pesos Eintritt für die Besichtigung der sieben
Höhlen.
Angelo, unser Führer, ist ein weißer Halbamerikaner. Sein
Vater kam mit dem Roten Kreuz in die Dominikanische Republik; Angelo selbst wuchs in den
USA auf.
Zwar hat jede Höhle ihren eigenen Charakter, aber dennoch gibt
es etwas Verbindendes: Nämlich das unterirdische Flusssystem, das in den Höhlen kleine
Seen gebildet hat, die nun von unten mit Wasser gespeist und von oben mit Kalkstaub
berieselt werden.
Sieben Millionen Jahre, so erzählt uns Angelo, ist das Alter
des Höhlensystems und auch der Höhle, die wir als erste besichtigen - wobei die jüngste
Höhle dann allerdings nur zwei Millionen Jahre zählt. Berechnen kann man das Alter einer
Höhle an der Länge der Stalagmiten und Stalagtiten, gebildet von dem Wasser, das von der
Höhlendecke herabtropft. Alle zehn Stunden fällt ein Tropfen. An einigen Stellen sind
Stalagtiten und Stalagmiten zusammengewachsen, bilden nun mächtige Stalagmaten.
Von manchen Stalagmiten sind allerdings die Zapfen abgebrochen
worden. Die Zapfen verstauben nun irgendwo als Souvenirs ignoranter Touristen.
Dabei geben nur die ganzen Stalagtiten, die von der
Höhlendecke herabhängen, den Klang eines Glockenspiels, wenn man mit den Fingern gegen
sie schnippt. Ein Höhlenraum wird deswegen auch als "Musikzimmer" bezeichnet.
Das Wasser auf dem Höhlengrund ist so klar, das man es erst
entdeckt, wenn man einen Stein hineinwirft und es dann Wellen schlägt. In einer der
Höhlen, so berichtet die Legende, die uns Angelo erzählt, sei das Wasser ein
Jungbrunnen, garantiere dem Badenden eine Lebensspanne von 600 Jahren.
Ein mystischer Ort waren die Höhlen in jedem Fall für die
Indianer: In dem Wasser der einen Grotte haben sie ihre Toten begraben, und eine andere
Höhle, in der sich nun afrikanische Skulpturen befinden, war ein Versteck entflohener
schwarzer Sklaven.
Von den Fledermäusen ist zwar nichts zu sehen,
eben so wenig von
den blinden Spinnen, die unser Licht fürchten, dafür entdecken wir aber die Spinnweben,
die wie Seidenfäden von den Höhlenwänden herabhängen.
Überall ziehen sich Wurzeln durch den Kalkstein. In der
letzten Höhle, die wir besichtigen, der "Voodoo-Höhle", hat sich eine armdicke
Wurzel von dem oberen Felsen wie ein Seil herabgeschlängelt, dann unten fortgepflanzt und
soll in eine Tiefe von 60 Meter unter dem Felsboden fortgewachsen sein.
Nach gut zwei Stunden ist unsere Höhlentour beendet. Zum
Abschluss nehmen wir in dem benachbarten Restaurant - Eigentümer ist ein Paar aus
Deutschland - einen Kaffee.
Dienstag, 15. April
1977: Cabarete
Cabarete-Tours hat uns bitter enttäuscht:
Ein ein halb Tage
haben wir uns um eine Tour zum Lago Enriquillo bemüht - und nun kommt die Auskunft,
dass
die Tour, die morgen beginnen sollte, noch immer nicht bestätigt werden kann, weil nicht
genügend Interessenten zusammengekommen sind.
Sämtliche Tourenveranstalter in Cabarete sind offensichtlich
Deutsche, Schweizer oder Österreicher, aber trotzdem - oder vielleicht sogar deswegen -
scheint es nicht zu klappen: Wenn nicht eine Mindestteilnehmerzahl einen genügenden
Gewinn garantiert, findet eben nichts statt. Und alle Tourenveranstalter jammern,
dass die
Leute keine Ausflüge buchen würden. Recht geschieht ihnen! Und irgendwie ist es auch
gut, dass die All-Inclusive-Urlauber in ihren Hotels bleiben und ihre deutsche
Bierseligkeit nicht über das ganze Land tragen.
Also arrangieren wir mit Raffael, einem der Guides aus den
Cabarete-Höhlen, daß er uns ab morgen drei Tage lang durch Santo Domingo und zum Lago de
Enriquillo führen wird. Dafür soll er pro Tag 400 Pesos erhalten.
Den Nachmittag verbringen wir faul am Strand.
Mittwoch, 16. April
1997: Cabarete - La Descubierta
Kurz nach sieben Uhr, erstaunlich pünktlich, holt uns Raffael
ab, und wir nehmen das Guagua nach Sosua, wo wir noch vor acht Uhr eintreffen. Um acht Uhr
sitzen wir dann schon im klimatisierten Bus nach Santo Domingo.
Wir fahren über Santiago, eine "normale" Großstadt
mit Vororten aus eintönigen Sozialbauten, durchqueren dann die Kordilleren von
Hispaniola. Die Berge sind sattgrün, überwachsen mit Palmen und Bäumen.
Schließlich erreichen wir gegen 14 Uhr Santo Domingo. Die
Stadt macht einen gesichtslosen Eindruck, keine Spur davon, dass es sich hier um die
älteste Stadt der Neuen Welt handelt. Wir kommen an einigen Denkmälern vorbei; der
Verkehr an den Plätzen verläuft chaotisch.
Am Busbahnhof steigen wir zunächst in den falschen Bus:
Raffael hat in Erinnerung, dass der Bus nach La Descubierta von Neiba aus an der
haitianischen Grenze Richtung Norden fahren würde - doch am Stadtrand bemerkt er dann
seinen Irrtum. Also setzen wir uns in ein Taxi, bei dem der Rost bereits den Boden
angefressen hat, und lassen uns zum Startplatz der Guaguas bringen.
Hinter Santo Domingo, besser gesagt im Süden der Insel,
wechselt die Landschaft abrupt ihr Gesicht. Die Berge sind karg, das üppige Grün ist
verschwunden.
Die Dörfer machen einen ärmlicheren Eindruck als im Norden:
viele einfache Holzhütten, unverziert, windschief, ohne Fenster, mit Dächern aus
Palmenwedeln - Behausungen der haitianischen Wanderarbeiter. Nur einige wenige Hütten
sind weiß verputzt.
Über die Bauweise berichtet Raffael: Die Häuser bestehen aus
Holzbohlen, die mit nassem Sand verfugt werden. Das soll dann angeblich für Jahrzehnte
halten.
Neiba, die Provinzhauptstadt, ist ein hübscher, aber völlig
verschlafener Ort aus rosaroten Stein- und vielen grünen und blauen Holzhäusern. Wie bei
scheinbar allen dominikanischen Städten befindet sich auch hier in der Mitte der
"Parque Central" mit einem schattenspendenden Pavillon.
Gegen 20 Uhr erreichen wir La
Descubierta. Der
Baedeker-Reiseführer sagt von diesem Ort, dass er das "touristische Zentrum"
der Region sei. Immerhin verfügt der Ort über ein Hotel - und gegenüber dem
"Parque Central" auch über ein Restaurant, wo man sich vom Buffett die
gebratenen Hühner mit Reis oder Kartoffeln aussuchen kann.
Aber momentan scheinen wir hier die einzigen Europäer zu sein.
Donnerstag, 17.
April 1997: La Descubierta
Das Frühstückscafé, das wir aufsuchen, besteht aus einigen
im Freien aufgestellten Holzbänken gegenüber dem Parque Central. Auf offenem Feuer
werden unsere Frühstückseier gebraten.
Gegen acht Uhr fahren wir mit dem Taxi zur Bootsstation, dem
Eingang zum Nationalpark Lago Enriquillo. 500 Pesos müssen wir für das Boot zahlen, dazu
noch einmal 50 Pesos Eintritt pro Person für die Parkverwaltung.
Ein mit einem Gewehr bewaffneter Parkwächter bringt uns zum
Bootssteg. Eine halbe Stunde dauert die Überfahrt zur sieben Kilometer entfernten Isla
Cabritos. Immer wieder spritzt uns bei dieser Überfahrt das Salzwasser ins Gesicht.
Obwohl es gerade einmal zehn Uhr vormittags ist, herrscht auf
der Insel eine brütende Hitze. Kakteen und kakteenartig anmutende Bäume, deren Rinde von
einer undurchdringlichen Stachelhaut umgeben ist, säumen unseren zwei ein
halb Kilometer
langen Weg zum gegenüberliegenden Inselufer. Die "Stachelbäume", sagt Raffael,
bieten den Vogelnestern sicheren Schutz vor Raubtieren.
Solche Raubtiere sehen wir zwar nicht, aber einer der
einheimischen Führer zeigt uns in einem Plastikeimer, was er gefangen hat: einen
Skorpion, etwa einen Zeigefinger lang, mit gefährlich aussehenden Greifzangen.
Auf dem Weg begegnen wir einer Reihe von Leguanen, scheue
Tiere, die, wenn ich sie filmen will, ins Gebüsch verschwinden. Die Tiere sind grün und
grau, mit unterschiedlich gescheckten Schwänzen: Auf der Isla Cabritos gibt es gleich
mehrere Leguanarten.
Endlich erreichen wir die andere Seite der Insel, das Ufer der
Krokodile. Ein knappes Dutzend der mächtigen Echsen, einige von ihnen schätze ich auf
drei Meter Länge, lässt träge das Maul aus dem Wasser ragen. Beim Schwimmen rudern sie
mit den gigantischen Schwänzen - und die hohen dreizackigen Schuppen geben ihnen das
Aussehen des Ungeheuers von Loch Ness.
Unbeeindruckt von diesem furchterregenden Anblick tummeln sich
Schwärme von Schwarzen Witwen, schwarzweiß gefiederte langbeinige Vögel, zwischen
diesen Ungetümen.
Dabei versuchen die Krokodile mitunter sehr erfolgreich, wie
uns die Führer berichten, nach den Vögeln zu schnappen. Doch jetzt ist es den Krokodilen
für ein Jagdunternehmen über der Wasseroberfläche offenkundig zu heiß.
Wir wandern nun zurück, warten auf der anderen Seite auf das
Boot. Unweit der Anlegestelle befand sich einmal eine Toilette für die Insel-Besucher:
Die Leguane haben den Steinbau untergraben und zum Einsturz gebracht.
An einem Baum hängen Vogelnester, perfekt zusammengeflochten
wie Körbe und überaus stabil. Doch von den Erbauern ist nichts zu sehen: Die Vögel sind
offenbar schon vor längerer Zeit ausgeflogen, die Nester sind leer.
Wieder zurück auf dem "Festland" besuchen wir eine
Wasserstelle mit schwefelhaltigem Wasser. Die ganze Umgebung riecht nach faulen Eiern.
Gegen 13 Uhr sind wir wieder im Hotel, fahren nun zurück auf
der Ladefläche eines Kleinlastwagens Richtung Santo Domingo. Zwei Holzbänke links und
rechts des Laderaums werden bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Passagieren besetzt
- und der Fahrer ist maximal 17 Jahre alt.
Fünf bis zehn Kilometer von La Descubierta entfernt
lässt
Raffael den Wagen halten. Oben im Fels befindet sich eine Höhle. Der Eingang der Höhle
ist mit Ornamenten - ich entdecke eine Sonne mit Gesicht - geschmückt.
Die lebensfeindliche Umgebung des Lago Enriquillo war die
letzte Zufluchtsstätte der karibischen Indianer vor den spanischen Eroberern.
In Neiba verlassen wir den Lastwagen, steigen um in einen
normalen Linienbus, mit dem wir gegen acht Uhr abends in Santo Domingo ankommen.
Freitag, 18. April
1997: Santo Domingo
Nach dem Frühstück führt unser erster Weg vom Hotel aus
über den Markt: Ein überdachtes Gebäude voller Gassen und Gässchen, die meisten Läden
mit Holzfiguren, Lederwaren, Kassetten - ein Markt vor allem für die Touristen. Ein
Großteil der Geschäfte gibt sich als "Galerie": Die knallbunten Gemälde der
naiven Einheimischen-Malerei sind hier zu Hunderten gestapelt, bedecken jeden Zentimeter
der zur Verfügung stehenden Wände.
Auch das härteste Feilschen bewahrt hier nicht vor einem
Fehlkauf. Für ein Set dominikanischer Umlaufmünzen - außer einem Pesos bekommt man als
Tourist normalerweise kein Kleingeld zu sehen - verlangt ein Händler 400 Pesos, auf 280
Pesos handle ich den Preis für das Etui herunter. Wenig später wird mir das gleiche Set
für 75 Pesos angeboten - und in einem Straßencafé gegenüber der alten Kathedrale
bekomme ich die ganzen Münzen als Wechselgeld heraus.
Hier an der Kathedrale kann man sich schon vorstellen, in er
ältesten Stadt Amerikas zu sein. Das Gebäude ist zwar wuchtig, macht aber im Vergleich
zu anderen, europäischen Kathedralen des früher 16. Jahrhunderts einen eher bescheidenen
Eindruck. In der Kathedrale selbst fehlen, abgesehen vom Altarraum, die sonst üblichen
Ornamente. Die Kreuzbögen unter der gewölbten Decke sind fast der einzige Schmuck.
Von der Kathedrale aus geht es in Richtung Hafen. Der koloniale
Teil von Santo Domingo ist geprägt von den wehrhaften Feldsteinmauern seiner ersten
Häuser: Streng und abweisend - so der Eindruck, den sie beim Besucher hinterlassen. Eine
winzige Kapelle, daneben einige alte Kanonen und eine fast intakte Stadtmauer,
kennzeichnen die Hafengegend. Immerhin war Santo Domingo regelmäßiges Angriffsziel der
Piraten.
Nach dem Altstadtbummel - unsere letzte Station ist an den
Ruinen des alten Hospitals, heute das Zentrum der Tauben - checken wir aus dem Hotel aus,
nehmen uns dann ein Taxi zunächst zur "Faro el Colon", ein Betonprotzwerk,
errichtet zum 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas. In seiner Gigantonomie erinnert es
an einen altägyptischen Tempel, aber immerhin hat man hier einen unvergleichbaren
Rundblick über die Stadt.
Danach unternehmen wir einen Abstecher ins Aquarium, beliebtes
Ausflugsziel vor allem der Kinder, die zu Hunderten lärmend um die Bassins
herumschwärmen. Am beeindruckendsten: Muränen, bei denen der Kopf die Dicke einen
menschlichen Oberkörpers erreicht.
Unsere letzte Station sind die "Drei Augen", ein
Höhlensystem außerhalb von Santo Domingo. Über eine Steintreppe geht es hinab in die
"Unterwelt", wo drei mächtige Korallengrotten warten. In der zweiten dieser
Grotten besteigen wir ein Floß, fahren ans andere "Ufer", wo sich ein
versteckter Tümpel befindet, der wie von einem Dschungel umgeben erscheint.
Gegen 16 Uhr verlassen wir mit dem Bus Santo Domingo und sind
gegen neun Uhr abends in Sosua, von wo aus wir dann wieder ins Hotel in Cabarete
zurückfahren.
Samstag, 19. April
1997: Sosua
Gegen Mittag, der Himmel ist bewölkt und immer wieder regnet
es einige Tropfen, fahren wir mit dem Guagua nach Sosua.
Der Ort zerfällt in zwei Teile: Den Hotel-Teil und den
Einheimischen-Teil. Verbunden sind diese beiden Ortsteile durch die Strandpromenade. Kommt
man von der östlichen, also der Hotelseite, beginnt diese Strandpromenade mit einer
"Gemäldegalerie aus wohl einigen tausend an die Mauer gelehnten Bildern. Die
kleinsten, so der uns genannte Einstiegspreis für den Handel, würden 200 Pesos kosten,
sind also sicherlich noch um einiges billiger zu bekommen.
Der Strand ist hier nicht so breit wie in Cabarete, und in
seinem oberen Teil drängt sich Bar an Bar, Souvenirshop an Souvenirshop. Viele Bars
tragen gleich deutsche Namen, die Speisekarten sind ohnehin auf deutsch - einen größeren
Touristenrummel kann es wohl selbst auf Mallorca kaum geben.
Sosuas "Altstadt" besteht aus einigen verwinkelten
Straßen, einstöckigen Holz- und Steinbauten. Der Ort selbst bietet nichts besonderes.
Auch die Kirche, immerhin der größte Bau, wirkt völlig schmucklos.
Sosuas Neustadt, heute der Hotelbereich, geht zwar auf eine
Gründung deutscher Juden zurück, aber das einzige Überbleibsel, was wir nach einiger
Suche entdecken, ist die Synagoge, ein bescheidener Holzbau, der nur durch den Davidstern
an der Eingangstür auf sich aufmerksam macht.
Allerdings befindet sich keine hundert Meter von der Synagoge
entfernt ein Aussichtspunkt, der den Rundblick über die gesamt Bucht von Sosua gestattet:
eine weitläufige Bucht mit Sandstrand, eingeschlossen von den steil aus dem Meer
emporragenden Korallenfelsen.
Sonntag, 20. April
1997: Rio San Juan
Unsere Fahrt zum Rio San Juan wird zum Musterbeispiel für das
Abzocken von Fremden: Weil am Sonntag kaum Guaguas fahren, steigen wir in ein gerade
vorbeikommendes Uralt-Taxi, einigen uns auf einen Preis von 100 Pesos. Das hindert den
Fahrer natürlich nicht daran, weitere Passagiere mitzunehmen. Wie auch immer: An einer
Tankstelle meint der Fahrer, dass ich die 50-Pesos-Rechnung bezahlen solle. Ich gebe dem
Tankwart die 50 Pesos - und am Ziel angekommen fordert unser Fahrer immer noch 100 Pesos
für die Fahrt. Natürlich gebe ich ihm jetzt nur noch 50, er versucht, noch einige Pesos
herauszuschlagen, ich bleibe hart, und schließlich gibt er es auch auf, verabschiedet
sich sogar freundlich mit einem Handschlag.
Die Preise für die Boote - sie liegen in einem Tümpel, bei
dem ich mir nicht sicher bin, ob er natürlichen Ursprungs oder künstlich angelegt ist -
stehen dagegen fest: 400 Pesos für die rund einstündige Fahrt in die Lagune Gri-Gri.
Gleich hinter dem Tümpel, also dem Hafen, liegt ein
Flussarm,
der ganz von hochgewachsenen Mangrovenbäumen umgeben ist. Wir fahren mit dem Boot wie
durch einen Tunnel von Mangroven, und das Ufer besteht aus den aus dem Wasser ragenden
ineinander verknüpften mächtigen Wurzeln.
Auf einigen dieser Wurzeln haben sich Angler niedergelassen.
Vom Fischreichtum des Flussarmes zeugen auch die zahllosen weißen Reiher, die in ihren
Nestern in den Baumkronen sitzen oder über das Wasser streifen.
Schließlich, nachdem wir eine vielleicht 20 bis 30
Quadratmeter große Korallenfels-"Insel" passiert haben, kreuzen wir auf dem
Meer, immer den mächtigen Wellen ausweichend. Die aus Korallen bestehenden Klippen der
Lagune sind von der gewaltigen Brandung geborsten - und an einer Stelle entdecken wir eine
Höhle, in die die Einfahrt allerdings schon durch die Brandung verwehrt wird.
Rio San Juan selbst ist ein unscheinbarer Ort, in dem sich
mittlerweile Restaurants und Andenkenläden breit machen. Hotels stehen hier allerdings
noch nicht.
Für die Rückfahrt nach Cabarete bekommen wir diesmal ein
richtiges Guagua. Der Fahrer verlangt auch hier erst 200 Pesos von uns, doch endlich
treten wir die Rückfahrt für 25 Pesos pro Person an.
Montag, 21. April
1997: Sosua
Eigentlich wollten wir nach Sosua zum Schnorcheln - doch es
wird ein ereignisloser Tag am Strand. Mein einziger Schnorchelgang in Ufernähe bleibt
völlig uninteressant - zum einen wirbelt die Brandung den Sand auf, so dass die Sicht
sehr schlecht ist, und zum anderen gibt es hier wirklich nichts zu sehen.
Die Bootsführer nehmen für einen halbstündigen Ausflug zu
den Riffs, wo das Schnorcheln interessanter sein soll, 200 Pesos - ein Preis, der nicht
einmal mehr als unverschämt zu bezeichnen ist.
Dienstag, 22. April
1997: Cabarete - Las Terrenas - Santa Barbara de Samana
Das Land um Cabarete ist eigentlich Bauernland, bestimmt für
die Viehaufzucht. Um 6.30 Uhr fahren wir endlich mit einer halben Stunde Verspätung los
und haben schon bald unseren ersten, allerdings unfreiwilligen Zwischenstop. Eine große
Viehherde zieht unbeeindruckt von dem Autoverkehr über die Straße. Die menschlichen
Begleiter sitzen hoch zu Roß, echte Cowboys im wahrsten Sinn des Wortes. Vor Beginn des
Massentourismus war das hier wahrscheinlich ein alltäglicher Anblick.
An der Grenze zur Halbinsel Samana legen wir einen diesmal
freiwilligen Stop ein. Auf der gegenüberliegenden Seite vom Wasser sehen wir hinüber auf
den Nationalpark Los Haitises - und unmittelbar vor uns erstreckt sich ein riesiger Hain
von Kokosnusspalmen.
An unserem Haltepunkt befindet sich eine einfache Palmenhütte,
von der aus die hier ansässige Familie - 18 Kinder soll sie haben, hat uns unser Guide
Johnny erzählt - Kokosnüsse verkauft. 10 Pesos kostet das Stück - doch das Angebot
dürfte an dieser Stelle die Nachfrage weit übersteigen.
Wir fahren nun durch die Palmenhaine von Samana, legen einen
weiteren Fotostop ein und steuern schließlich unser erstes Etappenziel Las Terrenas an.
Vor einiger Zeit dürfte Las Terrenas noch ein richtiges
Bauerndorf gewesen sein. Zwischen den Palmen suhlen sich Schweine, es gibt Esel und Mulis
- und natürlich jede Menge Rinder. Doch heute, sagt Johnny, leben in Las Terrenas mehr
Ausländer, vor allem Franzosen, Kanadier und Österreicher, als Einheimische.
Der Grund ist klar: der Strand. Die Palmen wachsen bis
unmittelbar ans Wasser, die Strände sind nicht sonderlich breit, aber noch weitgehend
unberührt, bestehen aus sauberem weißen Sand. Und das Wasser in der Bucht ist so ruhig,
daß ich hier erstmals einen Schnorchelgang unternehmen kann.
Das Problem beim Schnorcheln ist allerdings: An diesem
Palmenstrand von Las Terrenas geht es extrem seicht ins Wasser - und schon nach wenigen
Metern beginnt das Seegras zu sprießen., in diesem Seegras, wie auch in den Nischen und
Einbuchtungen der Korallenbänke, leben Hunderte von roten Seeigeln. Mitunter habe ich nur
wenige Zentimeter Wasser unter mir. Für einen Schwimmer wäre es hier ein gewagtes
Unterfangen, zu Fuß in tieferes Gewässer gelangen zu wollen.
Nach der Mittagspause an einem anderen Strand bleiben wir noch
eine Stunde am Wasser, fahren dann über eine Schotterpiste durch die Berge nach St.
Barbara de Samana.
Schon als wir die Halbinsel erreicht hatten, erzählte Johnny,
dass hier viele Dörfer kein Wasser haben, das Wasser dann aus entfernten Flüssen geholt
werden müsse. Die Dörfer an diesem Teil der Wegstrecke machen aber einen noch weit
ärmlicheren Eindruck. Die Hütten sind aus Holz, ohne Anstrich, oder aber aus
Palmenwedeln. Steinhäuser sind hier die absolute Ausnahme.
Am frühen Abend erreichen wir St. Barbara de
Samana, eine
moderne Stadt mit großzügigen Straßen, viel Grün. und alles außerordentlich sauber.
Unser Hotel liegt auf einem Berg am Rand der Bucht von Samana -
und wir haben Blick auf den Hafen, wo große Yachten vor Anker liegen. Von der
Hafeneinfahrt aus zieht sich eine Brücke zu zwei vorgelagerten Inseln.
Unser Hotel - drei Sterne - steht zur Zeit allerdings fast
leer: Bei der abendlichen Disco gibt es jedenfalls mehr einheimische Musiker und
Animateure als Gäste, die dafür dann mit um so größeren Nachdruck zum Merenge-Tanz
aufgefordert werden.
Mittwoch, 23. April
1997: St. Barbara de Samana - Cayo Levantado - Cabarete
Gegen 9.30 Uhr machen wir uns wieder mit dem Bus auf den Weg.
Wir verlassen St. Barbara, kommen noch einmal am Hafen vorbei, wo jetzt die
Whale-Watching-Boote arbeitslos an der Mole liegen und die Samana-typischen Guaguas -
Mofas mit einem Anhänger, in dem bis zu sieben Fahrgäste Platz finden sollen -
vergeblich auf Passagiere warten.
20 Minuten brauchen wir bis zu der Bootsanlegestelle, von wo
aus uns ein Außenborder zur Cayo Levantado bringt.
Die aus Korallengestein bestehende Insel gilt als
"Bacardi-Insel" - weil die allerdings nie ausgestrahlte Urfassung des
Bacardi-Spots gedreht wurde.. Vor allem aber ist die Cayo Levantado ein Ausflugsziel für
Touristen mit Bootshafen und Palmenstränden, die jedoch alles andere als einsam sind.
Tatsächlich befinden sich am Hauptpunkt der Insel diverse Restaurants, Verkaufsstände -
und auch an den anderen Stränden vergehen keine zehn Minuten, in denen man nicht von
einem Getränke- oder Souvenirverkäufer angesprochen wird.
Einer dieser Souvenirverkäufer will uns eine Kette aus
angeblichen Süßwasserperlen verkaufen. 1300 Pesos sei der Preis für Amerikaner, aber
als Deutsche bräuchten wir nur 800 Pesos zu bezahlen. Dann geht er auf 400 Pesos
herunter, und weil wir ihm zeigen, daß wir nur 100 Pesos dabei haben, begnügt er sich
schließlich jedoch mit denen. Ein anderer Souvenirverkäufer, er bietet aus Palmenwedeln
oder grünem Bast geflochtene Sonnenhüte an, will nun sogar tauschen: Meine
Schwimmflossen gegen einen Hut. Darauf lassen wir uns aber nicht ein.
Denn schließlich will ich ja noch schnorcheln: Mein Ziel ist
ein winziges Eiland, das vielleicht 70 oder 80 Meter vor unserem Strand liegt. Das Wasser
bis dorthin ist extrem flach, nur selten findet sich eine Mulde aus reinem Sandboden, in
der ein Erwachsener aber immer noch stehen kann. Ansonsten gilt auch hier wie vor Las
Terrenas: Hochgewachsenes Seegras, in dem sich die Seeigel verstecken, dazu vor allem
rötlich schimmernde Korallen, an einigen Stellen auch blaue, noch jung und wohl im
Wachstum. Ihre Stränge - oder Arme - vollziehen jede Bewegung des Wassers nach.
Neben den Seeigeln gibt es aber auch jede Menge Fische, einige
von der Größe zweier Hände, andere, in Schwärmen auftretend, von der Größe eines
abgeknipsten Fingernagels.
Kurz vor unserem Aufbruch vom Strand beobachten wir einen
Fischreiher, der mit seinen ausgebreiteten Flügeln regelrecht ins Wasser schießt.
Der Fußweg, der zurück zum "Hauptplatz" und zur
Bootsanlegestelle führt, geht durch dichtes Grün, das den Eindruck eines
"gepflegten Dschungels" erweckt - jedoch von etlichen Bungalows durchbrochen
wird.
Auf dem Rückweg nach Cabarete machen wir in den Bergen von
Samana noch einmal Station an einer Flussquelle, bei der das Wasser direkt aus dem Fels
springt - und das von den Einheimischen in einem Becken aufgefangen wird. Dieses Becken
ist nun ein öffentliches Bad, wo der Eintritt 10 Pesos kostet.
Die Wassertemperatur in dem Becken misst wohl 20 Grad - die mir
beim ersten Eintauchen aber unheimlich kalt vorkommen. Auf der gegenüberliegenden Seite
des Beckens fließt das Wasser wieder in seinen natürlichen Flusslauf ab.
Nach diesem erholsamen Bad brechen wir auf und sind gegen 18
Uhr in Cabarete.
Donnerstag, 24.
April 1997: Cabarete - Berlin
Den Vormittag verbringen wir am Swimmingpool des Hotels. Das
"Isla Verde", eine vom Bau her einwandfreie Anlage aus mehreren Gebäuden, die
über ein größeres Areal verteilt sind, wird von deutschen "Residenten"
geführt, ebenso wie die "Moskito"-Bar, in der wir den letzten Abend verbracht
hatten, ebenso wie "Sun Tours", mit denen wir für 95 US-$ pro Person den
Ausflug nach Samana unternommen hatten. Alles, was in Cabarete oder Sosua mit Tourismus zu
tun hat und über den einfachen Andenkenverkauf hinausgeht, scheint fest in deutscher oder
österreichischer Hand. Schließlich gibt es hier sogar eine deutsche
"Tageszeitung", ein kostenloses Anzeigenblatt, eine Wochen- und eine
Monatszeitung.
Aus Deutschland mitgebracht haben diese Unternehmer vor allem
die Fähigkeit des Jammerns, hier vor allem über rückläufige Touristenzahlen, und eine
gewisse Portion Neid und Missgunst untereinander. Unsere Wirtin warnte uns beispielsweise
vor "Cabarete-Tours" und überhaupt allen Aktivitäten außerhalb des Hotels.
Dabei steht das Hotelbesitzer-Paar selbst in dem Ruf, seinen einstigen Partner ausgebootet
zu haben.
An vielen Grundstücken auch am Strand steht das Angebot
"Zu verkaufen" - doch eine deutsche Maklerin, die hier vor allem gewerbliche
Mietobjekte vermittelt, daß hier Leute Land "verkaufen", das nicht ihnen,
sondern dem Staat gehört - und dass es aus Naturschutzgründen ohnehin nie
Baugenehmigungen geben wird.
Weit verbreitet scheint auch "Time-Sharing" -
betrieben von Hotels, die auf normale Weise keine Gäste mehr bekommen. "Paradies zu
verkaufen" - doch nur wenige, die sich darauf einlassen.
Immerhin: Außerhalb der Tourismusgebiete - etwas am Lago
Enriquillo - hat sich die Residenten-Mafia noch nicht breit gemacht.
Um 12 Uhr werden wir vom Bus abgeholt, verbringen dann noch
drei Stunden am Flughafen, bis die Britannia-Maschine etwas verspätet nach 16 Uhr wieder
nach Berlin zurückfliegt.
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