Gegen 16 Uhr landen wir auf dem
Flughafen Tunis-Karthago, fahren dann in unser Hotel, das Abou Nawas Tunis,
ausgewiesen als ein Fünf-Sterne-Hotel, besucht überwiegend von
Geschäftsleuten. Die unmittelbare Hotel-Umgebung an der Avenue Mohamed V ist
allerdings auch nicht das, was Touristen suchen: Eine Auffahrt zur
Stadtautobahn, der Neubau eines Kongresszentrums, einige Bürozentren.
Aber es sind nur wenige hundert
Meter die Avenue Mohamed V in südlicher Richtung, und man ist an dem Platz mit
Uhrturm, von dem aus es über die Avenue Habib
Bourgiba, nach einiger Zeit die Avenue de France, vorbei am Französischen
Tor in die Medina, in die Altstadt geht. Etwa eine halbe Stunde dauert dieser
Weg, gemütlich geschlendert, bis man die Medina erreicht hat.
Die Avenue Habib Bourgiba ist mit
ihren Straßencafés, die sich dicht an dicht breit gemacht haben, allerdings
auch nur zum Schlendern: Schnell vorankommen ist bei dem Gedränge am frühen
Abend kaum möglich. In den Cafés selbst sitzen überwiegend Männer - aber auf
der Straße sieht man auch viele junge Frauen, meist auch ohne Kopftuch,
westlich gekleidet, viele junge Paare Hand in Hand.
Die Straße selbst ist
französisch geprägt, die Häuser mit ihren verspielten Balkonen, etwa in Form
von Muscheln, erwecken den Eindruck von fin de siècle.
In einem der Straßencafés am
"Französischen Tor", dem Tor zur Medina, nehme ich einen Cappucono.
1,20 Dinar kostet der, etwa 0,80 Euro. Es ist inzwischen kurz nach 19 Uhr - und
die Geschäfte des Souks schließen allmählich.
Samstag, 2. Februar 2008:
Tunis mit Bardo-Museum und Medina
Unsere Route in den Stadtteil
Bardo ist eine Route durch die "besseren Viertel" von Tunis. Die
- allesamt weißen - Häuser erscheinen durchweg gutbürgerlich, in einigen
Vierteln mit Ein-Familien-Häusern macht Tunis einen geradezu ländlichen
Eindruck. Das ist Vorstadt-Idylle.
Unter anderem passieren wir das
weitläufige Universitätsgelände, umgeben von Parkanlagen, ein Campus im
Grünen. 52 Prozent der Studenten, so unser Begleiter vom tunesischen
Fremdenverkehrsamt, seien weiblich. Allerdings: Es gibt wohl auch eine hohe
Akademikerarbeitslosigkeit - weswegen viele junge Männer nun lieber statt auf
die Universität auf eine der neuen Berufsschulen gingen.
Ankunft am Bardo-Museum,
einem Palast des ehemaligen Bey von Tunis: Neben dem Museumsbau befindet sich -
auf der anderen Seite des kleinen Platzes - eine hübsche, kleine Moschee, die
beinahe mehr ins Auge springt als der unscheinbare Museumsbau. Und
unmittelbar neben dem Museum, in einem Gebäudetrakt, der ebenfalls zum Palast
des Beys, ist das Gebäude des tunesischen Parlaments, beflaggt und bewacht von
einigen wenigen Polizisten. Nur fotografieren und filmen darf man die nicht. Den
Eingang des Bardo-Museums darf man natürlich schon fotografieren - aber vom
optischen Eindruck her ist der aber gerade am wenigsten spannend.
Auch mit dem ersten
Ausstellungsraum könnte der Laie ohne kundige Erklärung wenig anfangen. Hinter
Glas befindet sich ein unscheinbarer Steinhaufen, darin einige Knochen. Um die
40.000 Jahre alt soll dieser unscheinbare Steinhaufen sein - und so, wie er in
sieben Meter Tiefe gefunden wurde - damit die älteste religiöse Kultstätte
Nordafrikas sein.
Mit den folgenden Ausstellungsstücken
kann dann auch der Laie etwas mehr anfangen: Götterstatuen aus der Zeit der
Punier, also Karthagos, Grabstelen aus der Zeit der Punier, meist versehen mit
dem Zeichen der Göttin Tanith, der Göttin der Fruchtbarkeit, ähnlich dem
ägyptischen Sonnenkreuz - und dem späteren christlich-koptischen Kreuz. Eine
andere Statue zeigt einen Löwenkopf, soll wohl Gott Baal darstellen.
Die Statuen aus römischer Zeit
erscheinen durchgehend etwas kunstvoller - was aber auch am verarbeiteten
Material, vor allem Marmor, liegen dürfte. Und mit dem gingen die Römer
durchaus sparsam um, wie einige der "kopflosen" Figuren belegen. Die
sind nämlich nicht kaputt - sondern so konstruiert, dass die Köpfe bei Bedarf
ausgewechselt werden können. Ein überaus praktisches Verfahren für die
Errichtung von Denkmälern! Beeindruckend: Die - allerdings spärlichen -
Überreste einer Kolossal-Figur: Von der sind zwar nur die beiden, knapp zwei
Meter langen Füße ausgestellt, aber da kann man sich schon vorstellen, wie
gewaltig diese Figur einst gewesen sein muss.
Doch im Mittelpunkt des Museums
steht natürlich die Mosaiken-Sammlung. Diese Mosaiken gibt es in allen
Größen, als kleine Miniaturen, wie ein winziges Wandgemälde, als gewaltige
Boden- bzw. Deckenmosaiken. Vielfältig ist die Bandbreite der behandelten
Themen: Am berühmtsten unter den Ausstellungsstücken ist sicherlich das
Mosaik-Porträt des Vergil, aber die Darstellungen der Zentauren aus der
Mythologie sind nicht weniger faszinierend oder etwa die allegorischen
Darstellungen zur Seefahrt. Etliche Mosaiken beschäftigen sich mit dem
"Alltagsleben", zeigen Szenen von der Jagd, teilweise mit namentlicher
Nennung der beteiligten Hunde, vom Leben auf einem Gutshof, und die kleinsten
der Mosaiken befassen sich mit Ring- und Boxkämpfen.
In einigen Räumen des
Bardo-Museums, etwa im "Hof" oder dem Musikraum, fällt die
andalusische Prägung des ehemaligen Bey-Palastes auf: Ein hölzerner Balkon mit
filigranen Säulen - die gesamte tunesische Bauweise ist beeinflusst von den
nach der Reconquista aus Andalusien vertriebenen Mauren.
Ein Ausstellungsraum, der letzte,
den wir besichtigen, widmet sich einer längst vergessenen Schiffskatastrophe,
dem Untergang eines griechischen Frachtschiffes ca. zwischen den Jahren 80 oder
70 vor Christus vor dem heutigen Küstenort Mahdia. An Bord hatte der Segler
neben den üblichen Amphoren auch zahlreiche Geschenke, Bronzefiguren, zum
Beispiel, die nun hier die Vitrinen schmücken.
Nach dem Bardo-Museum steuern wir
nun die Medina von Tunis an. Die betreten wir über den
"Platz der Regierung" mit dem Sitz des Premierministers. Dass
dieser Platz eine besondere politische Funktion hat, erkennt man am ehesten noch
an den vielen Polizisten, die vor dem - ansonsten nicht sonderlich auffälligen
- Gebäude des Premierministers Wache stehen. Da ist der repräsentative weiße
Bau auf der gegenüberliegenden Seite, einem französischen Rathaus nicht
unähnlich, um einiges beeindruckender.
Vom "Platz der
Regierung" mit seinen Wasserspielen und der - bescheidenen - Grünanlage in
der Mitte geht es nun in die Medina - wobei die engen Gassen etwas bergab
führen. Die vorherrschenden, eigentlich die einzigen Farben in diesem Teil der
Medina: Weiß für die Fassaden der Häuser, Blau für die hölzernen
Fensterrahmen.
Mittagessen im Restaurant
"Dar el Kheirat": Unsere Gruppe stellt momentan die einzigen Gäste -
obwohl das Restaurant, ja ganz in der Nähe des Regierungssitzes gelegen,
normalerweise regelmäßig von höheren Beamten frequentiert wird.
Das Haus, in dem sich das
Restaurant befindet, wurde vor rund 20 Jahren von einer jungen Tunesierin
gekauft - und die führt das Restaurant noch heute. Und nicht nur das: Nach
ihrer Visitenkarte hat sich Madame Ben Mustapha Kheiria - Kheiria ist allerdings
der Vorname - zu einer recht erfolgreichen Geschäftsfrau entwickelt. Die
inzwischen wohl rund 40-Jährige betreibt nämlich nur dieses Restaurant,
sondern auch noch einen Club und eine Kunstgalerie.
Das Haus, in dem sich das
Restaurant befindet (19, rue Dar El Jeld, La Kasbah) ist jedenfalls ein rund 200
Jahre alter Bau, zweistöckig, nach außen unscheinbar, innen mit einem großen
Hof ausgestattet, der nach der Renovierung mit einem Glasdach versehen wurde und
der nun als größter Gastraum dient. Bei den Renovierungsarbeiten war man auf
die alten Zisternen gestoßen, große Backsteingewölbe - in denen nun die
Hausbar untergebracht ist. Wie auch immer: Solche Zisternen dürften sich noch
unter etlichen anderen Häusern der tunesischen Altstadt befinden - denn die
wurde, als einer der weinigen Städte überhaupt, niemals zerstört.
Nach dem kurzen Besuch einer
Galerie für moderne Kunst - in der Medina sollen sich eine ganze Reihe von
Künstlern auch aus Europa niedergelassen haben - geht es in die Souks, in die
überdachten Verkaufsstraßen.
Unsere erste Station: Die beiden
Souks der "Chechia", der traditionellen roten Mütze, die zumindest
die älteren tunesischen Männer noch sehr häufig tragen. In den kleinen
offenen Läden schauen wir zu, wie diese Mützen gefertigt - und hier dann für
rund 20 Euro das Stück auch gleich angeboten werden.
Das "Rohexemplar" der
Chechia ist jedenfalls einer Pudelmütze ähnlich, allerdings aus Schafs- oder
Ziegenwolle. Diese überdimensionierte "Pudelmütze" wird dann
gekocht, dabei gesäubert und auch durch Einlaufen in die richtige Größe
gebracht. Auf ein Gestell, dass ihnen auch die richtige Form geben soll, werden
die Chechias dann stück für Stück per Hand gefärbt. Und um ihnen noch den
notwendigen Knick zu verpassen, werden sie zusammengefaltet zwischen zwei
Brettern gelegt, auf denen der Chechia-Macher während seiner Arbeit sitzt.
Von den eher wenigen Touristen,
die sich hierher verirren, müssen die Produzenten der Chechias nicht leben: Sie
verkaufen ihre Ware an die Einheimischen, geben sie in den Export. Denn die
gleichen Chechias werden in Libyen wie auch in Algerien getragen, in Libyen
allerdings in Schwarz, in Algerien in Weiß - wobei die Handelsbeziehungen
dieser Souk-Handwerker bis nach Nigeria reichen sollen.
Die "Große Moschee",
die "Ölbaum-Moschee" im Zentrum der Medina hat wie jeden Nachmittag
geschlossen - also stöbern wir ohne weitere Besichtigungen durch die Souks.
Fast in jeder Gasse gibt es auch ein oder zwei Cafés. In den meisten dieser
Cafés gibt es - abgesehen von Touristinnen - nur männliche Gäste. Doch auch
hier in den Souks gibt es wie auf der Avenue Habib Bourgiba bereits einige
Cafés, wo männliche und weibliche Gäste ganz öffentlich zusammen sitzen.
Sonntag, 3. Februar 2008:
Karthago - Sidi Bou Said - La Marsa
Wir verlassen Tunis Richtung
Karthago, passieren dabei zunächst La Goulette, ein
bei der Durchfahrt eher langweilig wirkendes Provinzstädtchen in Weiß,
das aber eben direkt am Meer liegt und sich bei den Einwohnern von Tunis, die es
sich leisten können, ein beliebtes Ausflugsziel sein soll, wenn man einmal
Fisch essen möchte.
Die einzige Sehenswürdigkeit von
La Goulette scheint unterdessen die graue Festung zu sein - die allerdings auch
gut ein Rest der alten Stadtmauer sein könnte.
Das moderne Karthago
ist vor allem ein vornehmer Villenvorort am Meer, ein äußerst beschaulicher
Ort ohne Auffälligkeiten - bis eben auf jenen Platz in einer kleinen Straße,
in der wir nun halten: Tophet, der "Heilige
Ort", der phönizische Friedhof des alten Karthago.
Das Grabungsfeld zwischen den
Villen ist ein Gräberfeld - wobei die Stelen hier nun zu Dutzenden ordentlich
in Reihe und Glied zusammen gestellt worden sind, alle Stelen mit
unterschiedlichen Darstellungen in verschiedenen Größen, aber praktisch alle
mit den gleichen Grundmustern, vor allem mit der Darstellung der Tanith.
Abseits des Stelenfeldes finden
sich die Reste eines alten Kultplatzes - und am anderen Ende des Grabungsfeldes,
unmittelbar an eines der neu bebauten Grundstücke grenzend, ein Gewölbe, in
dem weitere Stelen stehen. Allerdings scheint mir dieses Gewölbe doch eher aus
neuerer Zeit - und da drängt sich natürlich die Frage auf, wie viele dieser
phönizischen Fundstücke nun in den benachbarten privaten Villen zu finden sein
dürften.
Nächster Stop: Der phönizische
Kriegshafen. Vom einstigen Kriegshafen Karthagos ist an diesem absolut ruhigen
Meeresarm, um den herum natürlich die vornehmsten Villen stehen, kaum etwas zu
erkennen. Lediglich aus den schriftlichen Quellen weiß man wohl auch, dass die
Insel in dieser Lagune der Sitz der karthagischen Admiralität war. Aber hier am
alten Hafen bekommt man auch einen guten Eindruck von der Ausdehnung des antiken
Karthago: Der Hügel El Birsa, das Zentrum des antiken Karthago, nun überragt
von einer französischen Kathedrale aus dem 19. Jahrhundert ist noch ein ganzes
Stück entfernt.
Auf El Birsa,
angeblich die letzte Bastion, die die Karthager in ihrem letzten Krieg gegen Rom
noch hielten, liegen nun die Überreste des phönizischen Karthago. Freigelegt
sind die Fundamente einiger Wohnhäuser, kleine Häuser mit kleinen Räumen, die
der Zerstörung durch die Römer entgangen sind.
Anziehungspunkt offenbar vor
allem für tunesische Schulklassen: Das antike römische Theater, das Odeon.
Dabei ist das offenbar - weil auch heute noch für Festivals genutzt - so oft
restauriert worden, dass sich hier wohl nur noch wenige Original-Steine finden
lassen. Doch den jugendlichen Besuchern, die sich auf der Bühne präsentieren
und die Akustik ausprobieren, scheint es zu gefallen.
Das mit Abstand imposanteste Relikt
des antiken Karthago stammt aus der römischen Zeit, sind die immer noch
gewaltigen Überreste der Thermen, die Kaiser Antonius Pius direkt am Meer
errichten ließ, mit mächtigen Mauern, hoch aufragenden Säulen, von denen
allerdings nur noch wenige hier stehen. Die Anlage der Thermen wurde
schließlich zum Baumaterial des späteren Tunis.
Skurril: Obwohl diese Thermen
einer der häufigsten von Touristen besuchten Orte sein dürfte, hier
regelmäßig fotografiert und gefilmt wird, dürfte zumindest ein Teil der
Anlage eben nicht fotografiert und gefilmt werden. Da kommt nämlich
unweigerlich auf einem Hügel über den Thermen der Amtssitz des Präsidenten
ins Bild - und den zu fotografieren ist ein - hier allerdings nicht wirklich
streng kontrolliertes - Tabu.
Zum Mittagessen fahren wir ins
nahe gelegene Sidi Bou Said, auf Deutsch "Die
Reine", eine Gründung der maurischen Flüchtlinge aus Andalusien, nun ein
malerischer Ort mit dem Ruf, eine Künstlerstadt zu sein, das hier in der Tat
eine ganze Reihe bekannter Maler gelebt haben.
Auf der Hauptstraße blühen die
Orangenbäume - und ansonsten gilt Sidi Bou Said als Inbegriff der
andalusischen Stadtgründungen. Weiß und Blau sind zwar auch in anderen Orten
die vorherrschenden Farben - hier scheinen sie aber wirklich besonders
zueinander zu passen. Auffällig vor allem: die filigranen Balkonschnitzerein.
Die hatten ursprünglich die Funktion, dass die Frauen des Hauses vom Balkon aus
auf die Straße schauen konnten - ohne dabei selbst gesehen zu werden.
Unser letztes Ziel nach dem
Mittagessen: La Marsa, eine Stadt, die bereits von den
Phöniziern gegründet wurde, angeblich eine der schönsten Städte im Großraum
von Tunis.
Eine Besonderheit hat La Marsa
nun wirklich zu bieten: "Le Grand Salem", die 1936 gegründete erste
Eisdiele Tunesiens - und für tunesische Eisliebhaber wohl immer noch das
"Mekka". Vor allem aber hat La Marsa einen breiten Sandstrand, zwar
ohne Palmen und direkt an der Stadt, aber das ist es wohl, was
Wochenendausflügler aus Tunis suchen.
Eine andere Berühmtheit von La
Marsa: Das Café "Saf Saf", ganz in der Nähe der großen Moschee
gelegen. Auf dem Hof des Cafés steht nämlich noch ein antiker Brunnen, dessen
hölzernes Rad bis vor einigen Jahren noch von Dromedar in Gang gehalten wurde.
Ansonsten ist das "Saf Saf"
ein ganz normales tunesisches Cafße, in dem aus der Wasserpfeife geraucht wird
- und in dem die Männer, sofern sich nicht eine Touristin niederlässt, noch
unter sich sind.
Montag, 3. Februar 2008: Tunis
Am Vormittag bleibt uns noch Zeit
für einen Kaffee auf der Avenue Habib Bourgiba. Die Straßencafés hier sind
schon um diese Zeit gut besetzt. Gegen Mittag fliegt unsere Maschine zurück
nach Frankfurt.
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