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| Ait
Benhaddou - die Oase der vier Kasbahs |
Wochenmarkt
in Agdz, dem Tor zum Dra-Tal |
Das
Dra-Tal - eine fruchtbare Oase der Dattelpalmen |
Die
Kasbah von Scheich el Arabi, Dra-Tal |
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| Die
Todra-Schlucht mit ihren 300 Meter hohen Felsen |
In
der Wüste: Dromedare bei Tafilalet |
Sonnenaufgang
über den Sanddünen von Erg Shebbi |
Der
Jemaa-El-Fna-Platz, Hauptplatz von Marrakech |
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Der Strand
machte Agadir zu Marokkos Touristenzentrum |

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Stadttor von
Raroudannt, Marrakechs kleiner Schwester |
Zum Betrachten
der Fotos klicken Sie auf die Vorschaubilder
Reiseroute und
beschriebene Orte: Hoher Atlas
- Tizi-Tichka-Pass
- Ait Benhaddou
- Ouarzazate
- Agdz
- Scheich el Arabi
- Zagora
- Tamegroute
- El Kelaa M`Gouna
- Boumaten Dades
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- Todra-Schlucht
- Tafilalet
- Erfoud
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Shebbi/Merzouga
- Ziz-Tal
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Dienstag,
19. März 2002: Agadir – Marrakech
Trotz des
fortgeschrittenen März liegt über den Höhenzügen des Atlasgebirges
noch der Schnee. Die Berge erscheinen kahl und dunkel – man sieht
keine Ansiedlung, keine Spur von leben, nicht einmal etwas Grün.
Das Bild ändert sich
erst beim Anflug auf Agadir: Allmählich dominieren die grünen Flächen,
gerade geschnitten, man erkennt Gewächshäuser, und natürlich auch Dörfer.
Gegen 13.30 Uhr Ortszeit landen wir auf dem Flughafen von Agadir: Wir
haben eine Temperatur von 32 Grad.
Nach dem
Auschecken geht es gut eine Stunde später mit dem Reisebus in das etwa
270 Kilometer entfernte Marrakesch.
Noch in
der Nähe des Flughafens überqueren wir den Souss, den Fluss, der der
ganzen Tiefebene von Agadir den Namen Souss-Ebene gegeben hat, dem diese
Ebene ihre Fruchtbarkeit verdankte. Doch von einem Fluss ist kaum noch
etwas zu erkennen. Dass das Bett überhaupt Wasser, ein dünnes Rinnsal
führt, liegt ausschließlich an dem Regen der letzten Tage, sagt Aaziz,
unser Reiseleiter, der uns die nächsten Tage auf unserer Neckermann-Rundreise
mit dem Prospekt-Titel „Kasbahs, Wüsten und Oasen“ begleiten wird.
Das Flusswasser wird seit einigen Jahren in den Bergen im Stausee
abgefangen.
Trotzdem
scheint die Souss-Ebene kaum von ihrer Fruchtbarkeit verloren zu haben.
Aaziz macht uns auf die Bäume am Rand der Straße aufmerksam, Arganien,
ähnlich dem Olivenbaum, mit gelben Früchten. Aaziz spricht von einem
Wald – doch um einen wirklichen Wald zu bilden, stehen die Bäume, die
hier überall wachsen, doch zu weit auseinander, Rund 20 Millionen
dieser einzigartigen Gewächse soll es in der Umgebung geben – und
wenn die Ziegen auf dem Boden kein Futter finden würde, stiegen sie in
die Baumkronen, um die gelben Früchte zu fressen. Deshalb nenne man die
Arganie auch Ziegenbaum. Wir sehen zwar etliche Ziegenherden, aber
momentan finden die Tiere offensichtlich genug Futter, klettern
zumindest nicht in Bäumen herum.
Die
vorherrschende Farbe um Agadir und im Atlasgebirge ist Rot: Die Häuser
und Mauern erscheinen in diesem sandsteinfarbenen Rot, dass auch die
Farbe der Steine, der ganzen Berge ist. Unser Bus quält sich über die
zweispurige Straße, vor uns hoch- und überladene alte Lastkraftwagen,
die sich nur ungern überholen lassen. Für die 270 Kilometer werden wir
insgesamt rund fünf Stunden benötigen -
obwohl die Straße zwar schmal, aber doch in einem sehr guten
Zustand ist.
Ab und an
passieren wir einen ausgetrockneten Flusslauf oder einen Palmenhain –
doch so fruchtbar wie um Agadir ist die Gegend nun nicht mehr. Und es
sind auch nicht unbedingt alle Gebäude rot: Viele Gehöfte bleiben
schmucklos und unverputzt, einstöckige Steinhütten mit halb
eingefallenen Mauern, bei denen schwer zu sagen ist, ob sie nun noch
genutzt werden oder als Behausung gelten, als Stallungen oder doch für
Menschen.
In Imintanout,
einem kleinen Berberdorf, wie Aaziz es nennt, aber wohl doch eher eine
Kleinstadt, legen wir eine Kaffeepause ein. Imintanout ist ein
unscheinbarer Flecken an einem kümmerlichen Flusslauf, der momentan
etwas Wasser führt, und in dem Frauen ihre Wäsche waschen und in dem
die Tiere getränkt werden. Imintanouts ein- und zweistöckige Häuser
tragen wieder die rote Farbe, sind in der Regel auch besser in Schuss
als die der Dörfer, durch die wir zuletzt gekommen sind.
Es dämmert
bereits, als wir die Vororte von Marrakech erreichen: Breite Straßen,
neue Häuser, teilweise im Stil „europäischer“ Trabantensiedlungen,
führen uns schließlich zum ebenfalls neuen Hotelviertel, wo wir unsere
erste Nacht verbringen.
Mittwoch,
20. März 2002: Marrakech – Hoher Atlas – Tizi-Tichka-Pass –
Aguelmous – Ait Benhaddou – Tiffoultout – Ouarzazate
Wir verlassen
Marrakech Richtung Süden. Es ist vor neun Uhr vormittags, und die
Werkstätten in den einstöckigen Häusern in der Nähe der Altstadt
sind längst zum Leen erwacht. Schließlich kommen wir auch an einem
leinen Stück der immer noch mächtigen mittelalterlichen Stadtmauer
vorbei – sie sieht aus, als sei auch sie wie die meisten Häuser früher
aus Lehm gebaut – und sind kurz darauf auch schon außerhalb des
Stadtgebietes, fahren nun durch fruchtbares, grünes Land, vorbei an blühenden
Feldern.
Unser Weg
durch den Hohen Atlas führt uns heute über
eine Straße, die Aazis als die „Straße der 1001 Kurven“ bezeichnet.
Und es ist eine wahrhaft enge Straße, die an Schluchten und Tälern
vorbei sich durch das Gebirge schlängelt.
Gleich zu
Beginn unserer Atlas-Passage macht uns Aaziz auf einen nicht all zu
hohen, aber scheinbar aus mehreren Stämmen bestehenden Baum aufmerksam,
der hier in dieser Gegend überall wächst: Das ist der Thuja-Baum, aus
dessen einen Kubikmeter umfassenden Wurzeln die Holzschnitzarbeiten
entstehen.
An einigen
Aussichtspunkten legen wir Fotostopps ein, halten die sich eng an die
Berge anschmiegenden Berberdörfer, Ansammlungen meist bräunlicher Hütten,
die nach außen durch ihre kahlen Mauern einen abweisenden Eindruck
machen, aber dabei doch spröde Schönheit ausstrahlen, im Bild fest;
und ebenso Blickfang sind immer wieder die Bergkuppen, wo vereinzelte
Schneelachen entschlossen ihr Terrain gegen die in den Tälern schon heiße
Sonne verteidigen.
Diese
Landschaft, so Aaziz, ist eine der ärmsten Regionen Marokkos, übt ihren
Reiz nur auf den Reisenden aus. Hier liegen eben jene Dörfer, in denen
die Eltern ihre Töchter als rechtlose Hausmädchen in die Haushalte
reicher Städter verkaufen, aus denen die jungen Männer reihenweise
auswandern, aus denen aber der überwiegende Teil reich gewordener Händler,
heute Supermarktbesitzer, stammen.
Wir jedenfalls
werden bei jedem Fotostopp umlagert von bettelnden Kindern, die einen
Dirham, also zehn Cent, oder einen „stylo“, einen Kugelschreier
wollen, und von Männern, die versuchen, uns die hier gefundenen
Mineralien, Fossilien und Sandrosen zu verkaufen.
Nach etlichen
Kurven und Abhängen erreichen wir den rund 2100 Meter hoch gelegenen Tizi-Tichka-Pass,
den jeder Reisende von Marrakech in den Süden passieren muss. Eine
Steintafel markiert den höchsten Punkt des Passes, darum herum hat sich
ein kleiner Basar für Andenken aller Art – auch hier herrscht wieder
der Mineralienhandel vor – angesiedelt.
In Aguelmous,
einem unscheinbaren Berberdorf mit Gehöften aus bräunlichem Lehm,
machen wir eine Kaffeepause, bekommen dann wenige hundert Meter hinter
dem Ort unsere erste Kasbah zu Gesicht. Im Grunde sind Kasbahs,
zumindest diese, simple Burganlagen, viereckig gebaut mit hohen glatten
Lehmmauern und einem Turm auf jeder Ecke.
Etwa 20
Kilometer vor Ouarzazate biegen wir auf eine Nebenstraße ab, fahren
durch die Steinwüste – allmählich haben wir die Präsahara erreicht
– in das alte Berberdorf Ait Benhaddou,
berühmt für seine vier Kasbahs zu Füßen eines Felsens, Schauplatz
von Antiken-Filmen wie „Der Gladiator“ oder „Die letzte Versuchung
Christi“. Die Kasbah-Architektur, angelegt auf die Verteidigung einer
Oase, ist schließlich keine marokkanische Besonderheit, sondern fand
sich im antiken Zwei-Strom-Land, in Palästina oder auch im Jemen.
Allerdings:
Die meisten Anwohner haben die alten Festungen verlassen und sich in dem
neuen Dorf auf der anderen Seite des – momentan trockenen –
Flussbettes angesiedelt. Nur noch fünf Familien leben ständig in den
alten Lehmmauern, während sich das neue Dorf nun als eine Ansammlung
von Andenkengeschäften, Restaurants und Hotels präsentiert. Ait
Benhaddou, inzwischen zum Weltkulturerbe erklärt, ist ein beliebtes
Ziel jeder Reisegruppe im Süden Marokkos.
Auch, wenn
etliche Häuser des alten Ortes verfallen sind: Es scheint, als habe man
hier eine von Mauern umgebene antike Stadt vor sich, aus der heraus sich
die Wehrtürme erheben. Und schwer zu bezwingen war dieser Ort nicht nur
für seine Feinde, sondern auch für seine Bewohner. Die einzelnen Häuser
und Kasbahs stehen jeweils abgeschottet für sich, nicht durch Straßen
oder Wege verbunden – und wer nach oben will, muss sich seinen eigenen
holprigen Pfad über den Berg suchen.
So
beschwerlich dieser Weg zu dem verfallenen Wachturm auf der Kuppe des
Berges auch sein mag, so lohnt er doch: Hier oben sieht der Besucher nämlich
in aller Deutlichkeit, warum die Erbauer von Ait Benhaddou jede
Verteidigungsanstrengung auf sich genommen haben, die grüne Oase mit
ihren blühenden Palmenhainen inmitten der endlosen trockenen Steinwüste.
Dabei dürfte
auch das Leben in den Kasbahs selbst nicht sonderlich bequem gewesen
sein. Die Küche der Kasbah, die wir nach dem Abstieg vom Berg
besichtigen, war klein und stickig und so dunkel, wie die meisten Räumlichkeiten.
Und mit offenem Feuer zu hantieren war sicher nicht ungefährlich: Der
ganze Bau bestand schließlich nur aus Lehm und Stroh!
Vorratsräume
und Küche liegen im unteren Stock, die fensterlosen Wohnräume erreicht
man über schmale und nicht unbedingt ebene Treppen in den oberen
Stockwerken. Der eigentliche Lebensraum einer solchen Kasbah war so ganz
folgerichtig auch der, meist nicht sehr große, Innenhof, wo sich heute
noch die Männer zum Schwatz treffen.
Häufig
angebotenes Mitbringsel aus Ait Benhaddou: Hölzerne „Sicherheitsschlösser“,
wie sie nur in diesem Ort hergestellt wurden. Die massiven Türschlösser,
mit denen sich die Bewohner einst absicherten, waren alle mit
unterschiedlich angeordneten Stäben und Löchern ausgestattet – so
dass der jeweilige Schlüssel eben tatsächlich auch nur zu einem
Schloss passte.
Weil heute
gerade auch die großen Kasbahs verlassen und vom Verfall bedroht sind,
kann man eine Kasbah zum symbolischen Preis erwerben – wenn man sie
denn restauriert. Genutzt werden solche modernisierten Burgen dann als
Restaurants oder Hotels, wofür die Kasbah Tiffiltout, unser nächstes
Ziel, ganz in der Nähe von Ouarzate, ein Beispiel ist. Diese ohnehin jüngere
Kasbah, errichtet von einem mächtigen Scheich, war allerdings von
Anfang an auch auf Komfort ausgerichtet: Die Treppen auf die
Dachterrasse, von der aus man das Dorf und den Friedhof mit dem Grab
eines Marabuts, eines heiligen Mannes blickt, sind breit und ordentlich
angelegt, der Innenhof – nun überdacht – mit Springbrunnen
ausgestattet.
Nach der
Teepause in diesem Kasbah-Restaurant fahren wir das letzte Stück nach Ouarzazate,
kommen dabei an den marokkanischen Filmstudios, die hier ihren Sitz
haben, vorbei. Ourzazate, in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts
aus einer französischen Garnison entstanden, ist eine saubere Stadt mit
breiten Straßen, die nur wenig mit anderen marokkanischen Städten
gemein hat, sondern in weiten Teilen den Eindruck einer
Reissbrettplanung in der Wüste macht.
Donnerstag,
21. März 2002: Agdz – Dra-Tal – Tamnougalt – Scheich El Arabi –
Zagora – Tamegroute – Ouarzazate
Südlich von
Ouarzazate führt die Straße nach Agdz an einer schroffen
Canyon-Landschaft vorbei, bestehend aus braunem und grauen verwittertem
Fels und einem schwarzen, ausgetrockneten Flusslauf am Grund. Kein Baum
wächst in dieser wie ausgestorben erscheinenden Umgebung, kaum ein
Strauch findet auf dem steinigen Untergrund Nahrung zum Überleben. Doch
von einem der höheren Aussichtspunkte sieht man auf eine Oase und eine
Stadt in der Ferne.
Agdz,
wie Quarzatate eine eher moderne Stadt, wenn auch mit einem schon eher
arabisch anmutenden Basarviertel, ist das Tor zum Dra-Tal, einer
einzigen entlang des Flusses liegenden Oase. Zunächst fahren wir auf
den Hügel, auf dem die Garnison liegt, um einen Überblick über die
Umgebung zu gewinnen, über den Flusslauf und die Palmenhaine, aber auch
über die Gebirgszüge, die das Dra-Tal begrenzen, dann geht es zu dem
Wochenmarkt, der auf einem freien Feld außerhalb der Stadt statt
findet.
Hier ist der
Eselkarren noch das
vorherrschende Transportmittel, auch wenn natürlich die Fische schon
einem Lastkraftwagen heraus verkauft werden. Aber was aus der Umgebung
stammt – Kartoffeln, Tomaten, Safran, Granatäpfel und mehr – wurde
meist auf einem Eselkarren heran geschafft, und auch die Kundschaft aus
den umliegenden Dörfern kam zum großen Teil auf einem Esel angeritten.
Die Markthändler
sind in der Regel Männer; zumindest fallen mir unter den Händlern
keine Frauen auf. Die professionellen Händler, so sagt Aaziz, reisen
hier aber ohnehin von Wochenmarkt zu Wochenmarkt – also ein Beruf, in
dem in einem streng islamischen Land eine Frau kaum Fuß fassen dürfte.
Vom Markt verbannt sind die Frauen aber auch nicht: Als Käuferinnen
sind sie natürlich willkommen – und einige Frauen, vermutlich aus der
Umgebung, haben ihre handelnden Männer begleitet und helfen nun an den
Ständen – meist nicht mehr als eine Decke, auf der man die zu
verkaufende Ware ausgebreitet hat – aus.
Kurz hinter
Agdz liegt, auf der anderen Seite des Flusses, die Kasbah Tamnougalt, in
entfernterer Nachbarschaft zu einem kleinen Dorf aus bräunlichen Lehmhäusern.
Die Mauern Tamnougalts sind glatt, seine Wehrtürme zeigen keine
Schadstelle – eine Kasbah, an der die Zeit scheinbar spurlos vorüber
gegangen ist.
Dorf an Dorf
reiht sich im Dra-Tal, einige eine lose Ansammlung einzelner
schmuckloser Gehöfte, andere wie mittelalterliche Kleinstädte
zumindest zur Straße hin von einer Mauer umgeben.
Bei einem
dieser Dörfer, Scheich el Arabi, legen
wir einen Stopp ein, um die Dattelhaine zu besichtigen. Das winzige Dorf
selbst wird von seiner Kasbah überragt und gibt ein typisches Fotomotiv
ab.
Was aus der
Perspektive eines Aussichtspunktes auf einem Berg aussieht wie
einheitlicher, durch nichts unterbrochener Wald von Palmen, das erweist
sich nun als ein von Wegen und kleinen Kanälen durchzogenes Geflecht
einzelner Parzellen, teilweise durch Zäune, teilweise durch Mauern
voneinander getrennt. Und es sind nicht nur Dattelpalmen, die hier
angebaut werden: Dazwischen wachsen beispielsweise Granatapfelbäume, es
gibt Gemüsefelder, auf denen einige Frauen arbeiten, aber beherrscht
wird alles natürlich von den Palmen.
Ein Mann führt
uns vor, wie die Datteln geerntet werden: Offensichtlich gibt es keine
andere Möglichkeit, als den hohen steilen Stamm hinauf zu klettern und
die Früchte in luftiger Höhe abzupflücken – ein Job nur für
Schwindelfreie.
Zagora,
unsere nächste Station, wo wir in einem Hotel das Mittagessen nehmen,
ist wieder eine moderne Stadt, bestehend aus neuen zweistöckigen bis
dreistöckigen Gebäuden entlang der einzigen Straße. Trotzdem ist
Zagora, wie Aaziz sagt, ein alter Handelsplatz, an dem früher die
Kamelkarawanen aus Timbuktu eintrafen. Daran erinnert ein von einem
französischen Legionär gemaltes Schild, das nun in der Nähe der
Polizeistation den Weg nach Timbuktu weist und dabei auch die Entfernung
angibt: 52 Tage mit dem Kamel. Da ein Kamel rund 40 Kilometer am Tag
schafft, also rund 2100 Kilometer durch die Wüste.
Kamele spielen
in Zagora auch heute noch eine zentrale Rolle. Der Ort entwickelt sich nämlich
zu einem kleinen Zentrum des Wüstentourismus – wovon eben nicht nur
zahlreiche neue Hotels, sondern auch etliche Dromedarstationen zeugen,
wo die Tiere und ihre Besitzer auf zahlende Gäste warten.
Bei Zagora
verlassen wir das Dra-Tal und seine Oase, nehmen nun die Straße nach
Tamegroute, ein weiterer Oasenort, keine 20 Kilometer von Zagora
entfernt.
Die Geschichte
von Tamegroute ist die Geschichte des Gelehrten
Sidi M`Hamed Ben Nacer, der im 16. Jahrhundert in dem Töpferdorf dieser
weltabgelegenen Oase eine religiöse Bruderschaft ins Leben rief, eine
Koranschule gründete und schließlich eine Bibliothek mit rund 4000 Bänden
anlegte.
Das Mausuleum
dieses Sidi M`Hamed gleich am Vorplatz des Dorfes macht den Ort nun zum
Pilgerzentrum. Unter den Arkaden des Innenhofes lagern die – meist
weiblichen – Kranken, auf eine wundersame Heilung hoffend. Vor allem
bei Geisteskrankheiten, so Aziz, glauben die Menschen an die heilenden
Kräfte des Heiligen.
Das Mausuleum
selbst, ein weißer Bau, versperrt durch eine Tür aus Zedernholz, ist
allerdings nicht zur Besichtigung frei gegeben. Dafür darf man die
Bibliothek bewundern, gelegen in einem kleinen Garten, kein imposantes
Gebäude, aber die kostbaren Werke aus den Bereichen Medizin, Geschichte
des Islam, Rechtswissenschaft, arabisch-türkische Wörterbücher und ähnliches
mehr alle durch ordentliche Glasvitrinen sorgfältig geschützt.
Nach der
Besichtigung der Bibliothek lassen wir uns von unserem örtlichen Führer
die Kasbah von Tamegroute zeigen – wobei Kasbah hier nicht ein
einzelnes Gebäude, sondern das Geflecht von überdachten Gassen und Gässchen
meint. Die engen Gassen sind dunkel, sollen aber im durch die Überdachung.
Vor allem durch das Baumaterial, im Hochsommer für angenehme Kühle
sorgen. Von den „Hauptgassen“ zweigen kleine Sackgassen ab, in denen
dann jeweils bis zu vier Familien wohnen. Fenster zur Straße scheinen
diese Behausungen aber generell nicht zu kennen.
Nach unserem
„Stadtbummel“ fahren wir zurück nach Ouarzazate.
Freitag,
22. März 2002: Ouarzazate – El Kelaa M`Gouna – Boumaten Dades –
Tinerhir – Todra-Schlucht – Tinejdad – Tafilalet – Erfoud
Im Osten von
Ouarzazate liegt Steinwüste – und der Stausee, aus dem die
Provinzstadt ihr Wasser bezieht, einer von insgesamt 90 Stauseen, die
seit der Unabhängigkeit in Marokko angelegt wurden. Rund um diesen
Stausee gibt es nun eine Wohnsiedlung – Villen und Appartementhäuser
– in der sich die Reichen nicht nur von Ouarzazate niedergelassen
haben. Nicht einmal auf einen Golfplatz müssen die Oberen Zehntausend
in dieser Abgeschiedenheit verzichten.
Die Straße
von Ouarzazate nach Erfoud wird in den Reiseführern als „Straße der
1001 Kasbahs“ bezeichnet – und schon bald stoßen wir auf die erste
davon, die nun, natürlich komplett restauriert, als Hotel und
Restaurant dient. Dies ist allerdings auch die einzige vereinzelt
stehende Kasbah, die wir auf dieser Route entdecken – ansonsten
passieren wir befestigte Dörfer und eben die weitgehend verlassenen
Kasbahs der größeren Städte, etwa von El
Kelaa M`Gouna und Boumaten Dades. Auffällig bei El Kelaa M`Gouna:
Auf dem gegenüberliegenden Höhenzug ist mit Steinen ein überdimensionaler
Schriftzug gebildet, etwas, was man öfter sieht, hier aber nicht mit
den sonst vorherrschenden Worten „Gott, Vaterland, König“, sondern
mit „Die Sahara gehört uns“.
Mit diesen
Orten haben wir die Region der marokkanischen Rosenzucht erreicht, wo in
fast jedem zweiten Geschäft Rosenprodukte – Öle, Seifen oder anderes
– angeboten werden.
In Tinerhir, auch das
eine unscheinbare Provinzstadt, natürlich mit alten Kasbah-Teil, suchen
wir die örtlich Teppichmanufaktur auf. Es gibt den obligatorischen Begrüßungstee,
dann den noch obligatorischeren Lehrvortrag mit anschließenden
Verkaufsgesprächen. Bemerkenswerte Besonderheit der Berberteppiche: Sie
können sich aus drei verschiedenen Elementen, einem gewebten, einem
geknüpften und auch einem gestickten Teil zusammensetzen. Unser
„Teppich-Lehrer“ über den Ursprung der Fransen: Teppiche dienten
den Nomaden nun einmal nicht nur als Zeltschmuck, sondern,
zusammengefaltet und mit Hilfe der Fransen sicher verknüpft, als
Reisetasche.
Wenige Kilometer von
Tinehir entfernt liegt unser nächstes Reiseziel – die Todra-Schlucht.
Etwa 30 Meter breit ist die Schlucht, durch die der Todra fließt. Hier
findet sich auch eine Quelle, bei der das Wasser aus dem Felsen dringt,
die kurz darauf ein kleines Wasserbecken bildet, in dem auch etliche
schwarze Fischlein schwimmen.
Die Schlucht ist zwar
nur wenige hundert Meter lang, doch, am Boden der Schlucht stehend,
nimmt man vor allem die Höhe der braunen, steil nach oben ragenden
Felswände wahr: Und das sind immerhin 300 Meter. Diesen Ort haben auch
einige Extrem-Kletterer entdeckt, die nun, am Seil abgesichert,
versuchen, die Wand möglichst hoch hinauf zu gelangen. Doch ihre Künste
verblassen neben dem Geschick einer kleinen Ziege, die gerade einsam auf
einem Felsvorsprung nicht weit von der Felsoberkante entfernt steht.
Doch wie sie zu ihrer Aussichtsplattform gelangt ist – das bleibt völlig
unklar.
In Tinejdad, kaum mehr
als ein größeres Straßendorf, allerdings schon beinahe modern geprägt,
legen wir eine Kaffeepause ein, um dann weiter zur Oase von Tafilalet,
zu der auch Erfoud gehört, zu fahren.
Vor Tafilalet geht die
Steinwüste allmählich in Sandwüste über – und vor Oase fallen
links und rechts der Straße die in gerader Linie liegenden Lehmhügel
auf. Diese Lehmhügel, so Aziz, sind die Überreste des alten
unterirdischen Bewässerungssystems, mit dem die Oase vor der Errichtung
des Staudammes versorgt wurde. Das Wasser des Atlas, das durch die Kanäle
floss, war nämlich extrem lehmhaltig – weswegen die Kanäle regelmäßig
gereinigt werden mussten, eine Arbeit, die üblicherweise den schwarzen
Sklaven aufgetragen wurde.
Vor den Sanddünen
zeigen die Oasenbewohner großen Respekt. Um Ihren Ort und die Plantagen
vor den Wanderungen der Dünen zu schützen, hat man, gleichsam als
Wellenbrecher, Bast- oder Schilfgeflechte in den Boden gelassen, damit
sich die Dünen darin verfangen und ihre Wanderung stoppen.
Eine kleine
Dromedarherde futtert an den kargen Grasnarben – doch Nomaden können
wir hier nicht entdecken.
Der erste Ort der Oase
zeichnet sich durch seine gelben Häuser aus; im Unterschied zu anderen
Orten sind hier auch die meisten Frauen verschleiert.
Schließlich erreichen
wir Erfoud, ein modernes Städtchen, das wie andere im marokkanischen
Süden auch seine Existenz einer französischen Garnison
verdankt. Am Eingang zur Stadt befindet sich einer der wichtigsten
Arbeitgeber der Region, eine Fabrik für die Bearbeitung von Fossilien.
Zum Kauf angeboten werden Fossilien – Stücke des Jura, als Nordafrika
noch vom Meer bedeckt war – überall im Süden, aber hier ist einer
der Orte, wo die Verkaufsstücke hergestellt werden.
Dabei ist die Fabrik,
die wir besichtigen, eine unscheinbare Werkshalle mit einer einige
Jahrzehnte alten italienischen Sägevorrichtung als größte Maschine.
Die Blöcke auseinander zu schneiden ist aber ohnehin nur die Vorarbeit.
Aus den großen flachen Scheiben werden dann beispielsweise Tischplatten
gefertigt, wobei die einzelnen Fossilien, Triboniten, versteinerte
Tintenfische, Käfer mit kleinern Hämmern sorgfältig frei gelegt
werden um am Ende als Reliefs auf der fertigen Platte zu erscheinen.
Rund 2000 Euro muss man
für solch eine Tischplatte hinlegen – und als Ideenlieferanten für
solche Stücke fungieren mitunter auch internationale Künstler wie zum
Beispiel André Heller. Die übliche „Handelsware“, Käfer und
andere Insekten in einem Stein, gibt es für rund 20 Euro – immer noch
teurer als die Stücke, die die Souvenirhändler auf der Straße
anbieten. Der Grund: Bei den auf der Straße verkauften Stücken sind
die Fossilien meist von kaum erkennbaren weußen Flecken umgeben –
Spuren von Gips, das sichere Zeichen für eine Fälschung.
Samstag, 23. März 2002: Merzouga/Erg Shebbi –
Erfoud – Ziz-Tal – Midelt – Mittlerer Atlas – Col de Tanout ou
Fillal – Beni Melall
Um Viertel vor Fünf –
Erfoud schläft noch – brechen wir zu den Sanddünen, den Erg Shebbi
nahe der Ortschaft Merzouga auf. Schon bald biegen wir von der
Asphaltstraße auf eine Schotterpiste ab, dann endet auch die
Schotterpiste, und unsere Landrover folgen den Reifenspuren in der
Steinwüste.
Irgendwo auf freiem Feld
legen wir einen Stopp ein, nehmen unter dem klaren Sternenhimmel einen
Kaffee und ein Stück Kuchen als kleine Morgenstärkung zu uns.
Es ist immer noch
dunkel, als wir das Camp erreichen. Es gibt ein Kaffee, eine
Dromedarstation – und in einiger Entfernung die Hügel, die sich eher
sanft aus der flachen Landschaft erheben.
Während nun allmählich
die Dämmerung einsetzt, marschieren wir Richtung Hügellandschaft,
hinterlassen bei jedem Schritt unsere Spuren im Sand, und schon bald heißt
es, die ersten „Höhenzüge“ zu erklimmen, um dann die nächste
Etappe des Weges auf einem kurzen „Kammstück“ weiter zu gelangen.
Obwohl die Sonne noch
nicht aufgegangen ist, ist es nun – ca. sechs Uhr morgens – schon
fast hell, und man entdeckt im Sand nicht nur die Spuren von Menschen:
Ich glaube, eine Spur auszumachen, die von einem Kaninchen stammen könnte,
daneben das Muster. Das eine Schlange in dem immer lockerer werdenden
hinterlassen hat. Allerdings betonen die einheimischen „Führer“ –
Wüstenbewohner, die uns nachher ihre Fossilien verkaufen wollen –
dass es um diese Zeit hier noch gar keine Schlangen gibt. Bereits erschöpft
von dem anstrengenden Laufen kommen wir an der höchsten Düne an.
Es sind wohl nicht mehr
als 50 Meter, die bei etwa 45 Grad Steigung zu nehmen sind – aber
diese letzte Höhenetappe geht stärker in die Beine, als der bereits
zurückgelegte Weg, weil man nun – als ungeübter Wüstenwanderer –
bei jedem Schritt in dem weichen Sand auch wieder ein Stück zurück
rutscht.
Trotzdem kommen wir noch
rechtzeitig auf dem Kamm an, um uns einen geeigneten Platz für den
jetzt unmittelbar bevorstehenden Sonnenuntergang zu suchen. Vor uns
liegt nun, wieder eine flache Landschaft, nordwestlich ein See, um den
herum einige Palmen wachsen, doch menschliche Behausungen sind hier
nicht zu sehen.
Jetzt steigt am Horizont
ein weißes rundes Licht auf, erscheint schließlich auch, beim
Aufsteigen immer größer werdend, der gelbe Punkt, seine weiße
Umrahmung regelrecht in sich hinein fressend. Der Tag ist angebrochen.
Einige Kilometer von den
Dünen entfernt halten wir bei der Rückfahrt bei einem einzelnen
Beduinenzelt. Neben dem Zelt sind aus Steinen einige Stallungen
errichtet, die Ziegen kommen uns zutraulich entgegen. In dem offenen
Zelt bereitet eine der Töchter der Familie gerade das Essen. Gegen ein
kleines Trinkgeld lassen sich die Nomaden bereitwillig filmen und
fotografieren.
Nach dem Frühstück im
Hotel von Erfoud geht es dann entlang des Ziz-Tals nach
Midelt, wo wir
unsere Mittagspause haben werden. Das Ziz-Tal bildet eine einzige lang
gezogene Oase –ein grüner Streifen in den ansonsten wüsten Bergen,
eine Kette von Palmenhainen mit kleinen Ortschaften, eine Ansammlung von
Fotomotiven.
Midelt hingegen ist ein
Landstädtchen, das eindeutig französisch geprägt ist, mit
Einfamilienhäuser, gebaut und ummauert im europäischen Stil. Auf
etlichen Dächern nisten noch Störche, die an die Rückkehr in den
Norden offensichtlich nicht denken.
Hinter Midelt kommen wir
wieder in den Mittleren Atlas, überqueren schließlich bei 2070 Meter
den Pass Col de Tanout ou Fillal, wo wir den Bus verlassen, um ein Stück
Weg zu laufen. Oberhalb der Straße wächst ein Wald mit Zedern, die man
fast für Tannen halten möchte, unterhalb der Straße stehen die
Steineichen dicht an dicht. Die Landschaft mutet hier geradezu alpin an,
könnte ebenso in Mitteleuropa statt in Nordafrika liegen.
Je mehr wir uns
Beni
Melal nähern, desto fruchtbarer wird der Boden, desto grüner werden
die Felder. Hier weiden die Schafherden, wird Weizen angebaut. Wir sind
in der Kornkammer Marokkos. Die Dörfer selbst machen allerdings einen
fast ebenso bescheidenen Eindruck wie in den Oasen des Südens.
Für die Franzosen, so
Aaziz, war das „Das nützliche Marokko“ – im Unterschied zum „unnützen“
Süden. Seine Fruchtbarkeit verdankt das Land hier aber nicht allein dem
Boden oder dem Klima – sondern auch dem ältesten Stausee des Landes,
der bereits in der Kolonialzeit angelegt wurde.
Beni Melall, an den
Bergen gelegen, ist ein Landstädtchen, dessen Bewohner zum großen Teil
von der Landwirtschaft leben, ein Ort, der zwar verkehrsmäßig ein
wichtiger Knotenpunkt ist, dem Reisenden aber keine Besonderheiten
bietet.
Sonntag,
24. März 2002: Beni Melall – Marakkesch
Je weiter wir uns von
Beni Melall Richtung Marakkesch entfernen, desto spärlicher werden
wieder die Felder und Weiden. Das Kanalisationssystem des Staudamms
verliert allmählich seine Kraft, und schließlich wird die Umgebung
wieder arid. Erst in der Ebene von Marakkesch dominieren wieder die
fruchtbaren Felder.
Gegen Mittag erreichen
wir die Vororte der Stadt, die Viertel der Armen mit schiefen, kleinen Häusern
in engen und engsten Gassen.
Dann kommen wir an der mächtigen
roten Stadtmauer vorbei, sind an der Koutoubia-Moschee, deren 77 Meter
hohes viereckiges Minarett das Wahrzeichen der Stadt ist. Auffällig:
Die Spitze des Minaretts wird nicht nur geschmückt durch drei
aufeinander getürmte, sich verjüngende Kugeln – ein Minarettschmuck,
der von einigen Wissenschaftlern als Symbol der drei monotheistischen
Religionen gedeutet wird – sondern auch durch einen hölzernen Galgen.
Der allerdings diente nicht für Hinrichtungen, sondern als Fahnenmast.
Der Gebetsruf des Muezzim, so Aziz, war schließlich nicht weit genug zu
hören – und so zeigte auch die gehisste Fahne des Propheten, wann
sich der Gläubige zum Gebet zu verneigen hatte.
Selbst vom
Jemaa-El-Fna-Platz, dem „Platz der Gaukler“, dem zentralen Platz von
Marakkesch, dem Anziehungspunkt aller Reisenden, fällt der Blick immer
wieder auf dieses Minarett.
Der Jemaa-El-Fna-Platz
ist natürlich auch unser erster Anlaufpunkt – auch wenn um diese Zeit
hier nicht längst so viel Leben herrscht wie in den Abendstunden. Die
Obst- und Gewürzstände haben aber durchgehend geöffnet, für die
Schlangenbeschwörer mit ihren Kobras gibt es eben so wenig eine
Mittagspause wie für die Wasserträger in ihren roten Kostümen, die
nach fotografierenden Touristen Ausschau halten oder die
„Kosmetikerinnen“, die ihren Kunden mit Henna kunstvolle Muster auf
Beine und Arme spritzen. Und keine Mittagsruhe kennen die Kinder, die überall
trommelnd über den Platz laufen.
Bequemer ist es in der
Zeit der Mittagshitze aber allemal, dem Markttreiben von einem der Cafés
um den Platz herum anzuschauen – wobei für die Plätze in den oberen
Etagen allerdings Eintritt verlangt wird.
Nach dem Mittagessen im
Amine-Hotel, gelegen in der „Nouvelle Cité“, dem von den Franzosen
außerhalb der Stadtmauer errichteten „modernen“ Marakkesch, geht es
zur Stadtbesichtigung.
Das erste Ziel dabei:
Die „Almohaden-Gärten“, angelegt im 12. Jahrhundert von den
Herrschern der Dynastie, die Marakkesch auch gründete. Wohl vor allem
wegen ihres zwei Fußballfelder großen Wasserbassins, in dem sich die
Karpfen tummeln und um die Brotkrumen streiten, die ihnen die
zahlreichen Besucher – die meisten davon Einheimische – zuwerfen. Am
Kopfende dieses Bassins steht ein Pavillon, eher schon ein kleines Schlösschen
mit riesiger Terrasse, angeblich das Lustschloss der früheren
Herrscher. Um dieses Gartenzentrum herum schließen sich die Olivenhaine
an, wo sich Spaziergänger im Schatten der Bäume ausruhen. Die Gärten,
so Aaziz, sind auch der bevorzugte Treffpunkt der Liebespaare von
Marakkesch.
Mit dem Bus geht es nun
weiter zu den Gräbern der Saadier-Dynastie. Die Gräber liegen hinter
unauffälligen roten Mauern versteckt in der Altstadt, und Ortsunkundige,
die das Hinweisschild übersehen, würden vermutlich zunächst achtlos
vorüber laufen.
Hinter diesen Mauern nun
liegen die einzelnen Mausouleen – wobei, anders als sonst auf
marokkanischen Friedhöfen – die Gräber von Männern und Frauen
getrennt sind. Nicht nur
geschlechts-, sondern auch Standesunterschiede bis in den Tod: Die Gräber
der Herrscher sind größer als die der „weniger wichtigen“
Familienangehörigen, die nun als „Kindergräber“ bezeichnet werden,
egal, welches Lebensalter der Verstorbene tatsächlich erreicht hat. Bei
allen Mausouleen jedoch gleich: Die prachtvolle mit Zedernholz
verzierten Torbögen.
Durch die Medina laufen
wir nun zum Bahia-Palast. Wir kommen durch den Wohnteil der Medina: Hier
gibt es so gut wie keine Geschäfte, nur die schmucklosen roten Wohnhäuser,
die im Inneren aber deshalb noch lange nicht eben so bescheiden wie bei
ihrem Äußeren wirken müssen. Durch eine offen stehende Tür erblickt
man mitunter einen kostbaren Marmorboden oder auch eine prachtvolle
Einrichtung.
Aber das Leben verläuft
in diesem Viertel, das durch seine engen verwinkelten Gassen und
zahlreichen Torbögen, der Gleichförmigkeit seiner Häuser ruhig und
beschaulich. Ab und an begegnet man einem Eselkarren, vereinzelt sieht
man auf einem abseits gelegenen Platz ein Auto stehen – und fragt
sich, wie es wohl dahin gekommen sein mag.
Der Bahia-Palast, aus
dem 19. Jahrhundert, also für einen Palast noch jüngeren Datums,
wur4de von den damaligen Großwesiren der Provinz traditionell im
maurischen Stil errichtet, diente ihnen sowohl als öffentliches Repräsentationsgebäude
als auch als Wohnhaus. Den „Wartezimmern“ schließt sich der
Audienzsaal an, in dem Großwesir auf seinem Thron sitzend die
Bittsteller empfing, die einzelnen Innenhöfe sind mit Schatten
spendenden Bäumen und bepflanzt, kunstvolle kleine Parks, dann folgt
der Innenhof der Familienangehörigen mit den vier großzügigen Zimmern
der vier Frauen des Wesirs und schließlich, der letzte und größte
Trakt, der Harem, der Trakt der Sklavinnen und Nebenfrauen.
Das Abendessen nehmen
wir bei „Chez Ali“, in den Reiseführern als 12 Kilometer nördlich
von Marakkesch gelegenes Restaurant mit Fantasia-Vorführungen
bezeichnet, eher aber schon ein marokkanisches Disney-Land, die
„Nachbildung“ eines so wohl nur in der Phantasie bestehenden
Sultanspalastes, mit Festplatz und einer darum herum errichteten
Zeltstadt in der die zahlenden Gäste – 35 Euro kosten Eintritt und
Menü, Getränke exklusive – ihr Drei-Gänge-Mahl serviert bekommen.
Nach dem Essen beginnt
die Fantasia, als erstes mit dem Auftritt einer Bauchtänzerin, die auf
einer als Kasbah gestalteten rollbaren Bühne in die Mitte des Platzes
gefahren wird, dann folgen Reiterkunststücke, und schließlich das, was
jede Fantasia ausmacht: Eine Reitergruppe galoppiert mehrmals aus dem
Dunkeln des hinteren Teil des Platzes Richtung Ehrentribüne, feuert
dabei aus den altertümlichen Vorderladern, und der Rauch der Büchsen
zieht über die Show. Ein Feuerwerk beendet dann die ganze Vorstellung.
Montag,
25. März 2002: Marakkesch
Der Vormittag gehört
den Souks, die sich gleich an den Jemaa-El-Fna-Platz, anschließen. Da
die einzelnen Quartiere der Souks zwischen den Handwerken und
„Branchen“ genau aufteilt sind, sollte eine Orientierung eigentlich
leicht möglich sein – doch diese Annahme ist schlicht und ergreifend
ein Trugschluss. Tatsächlich kann man sich als Fremder in den Gassen
des Souks wohl noch leichter verlaufen als in den Straßen der
Wohn-Medina.
Ob die Gassen, einige
von ihnen überdacht, hier enger sind? Durch das Gedränge von Käufern,
fliegenden Händlern, anderen Händlern, die zwar keinen Stand haben,
aber ihre Ware auf dem Boden ausbreiten, Eselkarren und vereinzelten
Radfahrern erscheinen sie jedenfalls weit enger als die Gassen des
Wohnviertels.
In unmittelbarer
Nachbarschaft zum Jemaa-El-Fna-Platz haben sich die Händler
niedergelassen, deren Waren am ehesten das Interesse der Touristen
wecken könnten: Es gibt Lederwaren aller Art, Kamelhocker,
Lampenschirme aus Ziegenleder, Gürtel, Taschen und mehr.
Aber im Souk wird nicht
nur gehandelt, sondern auch produziert – und das, was auf dem Markt
als Handarbeit angeboten wird, scheint tatsächlich auch weitgehend
Handarbeit zu sein. So schauen wir einem jungen Mann zu, der an einem
Drehstuhl sitzend kleine Holzfiguren herstellt. Das ist keine
Schnitzarbeit mit dem Messer – vielmehr übernimmt ein scharf
gespannter Faden, angetrieben von Fußpedalen, die Funktion einer Laubsäge,
die die Amulette aus den Holzstücken heraussägt.
Der Souk von Marakkesch,
sicherlich eine der großen Touristenattraktionen, ist in erster Linie
auch nicht für die Touristen gedacht. In einer Gasse arbeiten die Färber,
hängen die frisch gefärbten Tücher zum Trocknen zwischen den Häusern
auf, in einer anderen Gasse haben sich die Fleischer niedergelassen,
gackern die Hühner in engen Käfigen, eine andere Gasse gehört den Bäckern,
bei denen die Einheimischen das Brot frisch und noch heiß aus den
Feuern der Lehmöfen beziehen.
In der Gasse der Bäcker
besuchen wir einen Gewürzhandel, ausgewiesen als homäopathische
Apotheke, auf mehrere Touristengruppen pro Tag eingestellt. Wir lassen
also einen Vortrag über die heilenden Kräfte der Gewürze über uns
ergehen, etwa über das Arganien-Öl, das gegen Rheuma helfen soll –
und so entschließen sich denn doch etliche aus unserer Gruppe, das eine
oder andere Salbei zu erwerben.
Im Dar Essalam, einem
Medina-Restaurant, dessen Fassade nicht anzumerken ist, welcher
Klein-Palast den Gast erwartet, essen wir zu Mittag. Nach dem Hauptgang
erscheinen die Musiker und Tänzerinnen, wobei zumindest eine der Tänzerinnen
zum Schluss der Vorstellung mit einem auf dem Kopf balancierten Tablett,
beladen mit Kerzenleuchtern, wahrhaft akrobatisches Können beweist.
Nach dem Mittagessen
schlendern wir noch über den Jemaa-El-Fna-Platz
und fahren dann mit einem Taxi ins Hotel zurück.
Dienstag,
26. März 2002: Marakkesch – Agadir
Die Strecke, die wir auf
der Hinfahrt genommen haben, nehmen wir nun auch wieder für den Rückweg.
Diesmal allerdings sehen wir, warum die Arganienbäume auch Ziegenbäume
heißen: Jetzt sind tatsächlich Ziegen in den Baumgipfel und fressen
gerade die Früchte.
Agadir ist im
Unterschied zu Marakkesch eine weiße Stadt: Die teilweise erbärmlichen
Hütten der Vororte und Armenviertel sind in weiß gehalten, die
Neubauviertel ebenso – wobei es in Agadir wegen des Erdbebens, das
1960 praktisch die gesamte Stadt zerstörte allerdings gar keine
Altbauviertel gibt. Agadir – eine moderne Stadt mit breiten Sraßen,
die nichts desto trotz kurz nach der Mittagszeit hoffnungslos verstopft
sind.
Das Hotelviertel liegt
direkt an dem breiten, über zehn Kilometer langen Sandstrand, an dem es
jedoch nicht eine einzige Schatten spendende Palme gibt.
Mittwoch,
27. März 2002: Agadir
Unmittelbar an das Hotelviertel schließt der
Fischereihafen an, dem unsere erste vormittägliche Erkundungstour in
Agadir gilt. Der Fischereihafen ist ein besonders abgeschirmter, von
Mauern umgebener Komplex, an dessen Eingang sich ein Polizist die Pässe,
notfalls auch die Personalausweise der Besucher zeigen lässt.
Zunächst gelangen wir in den Hafen der größeren Trawler,
die meisten bereits angefressen vom Rost, aber immer noch den Hauptteil
der marokkanischen Fischereiflotte bildend. Entladen wird der Fang aber
per Hand. Männer bilden Ketten, werfen leere Eimer auf die Decks, dort
werden die Eimer einzeln mit der Ausbeute der Nacht oder der letzten
Tage gefüllt, dann wieder zurück geworfen.
Am Ende der Straße gelangt man durch eine Tür in den
Hafenbereich der kleinen Kutter. Hier herrscht – auch, weil das
Hafenbecken weit kleiner ist – ein weit größeres Gedränge um die
dicht an dicht liegenden Boote. Ein Teil der Fanges wird gleich an Ort
und Stelle ausgenommen, gebraten oder gegrillt und von den Fischern und
Hafenarbeitern selbst verzehrt.
Vor allem sind es Sardinen, Makrelen, Seezungen
und Heringe, die den Fischern ins Netz gegangen sind. Die
Fischhalle, in der die täglichen Fischauktionen statt finden, ist nun
am späten Vormittag aber schon wieder leer. Der Fang des Tages ist
bereits verkauft.
Auf einem freien Platz
haben Händler ihre Ware des täglichen Bedarfs ausgebreitet,
Taschenmessern, Rollex-Imitationen und Textilien, und schließlich gehören
zu dem Fischereihafen auch die Fischrestaurants, die alle durchnumeriert
um ihren eigenen Platz herum liegen. Lästig allerdings: Während man
noch überlegt, wo man denn nun essen will, stürzen Kellner und
Restaurantbesitzer auf die potenziellen Besucher, um sie auch ja in das
eigene Lokal zu zerren. Davon abgeschreckt essen wir doch lieber wieder
in einem der Restaurants an der Strandpromenade.
Donnerstag,
28. März 2002: Agadir
In der Nacht fängt es
an zu regnen – und am Vormittag gießt es in Strömen; der Himmel ist
grau verhangen. Erst nach 11 Uhr kann man das Hotel verlassen.
Agadir, nach 1960 völlig
neu entstanden, hat zwar keine klassische Medina, aber dennoch gibt es
ein Viertel, das durchaus Ähnlichkeiten mit einer typischen Medina hat.
Und natürlich darf auch der Souk nicht fehlen.
Unser Strandhotel liegt
im nördlichen Teil der Stadt, das auch das „bessere“, das
„modernere“ Wohnviertel bildet. Nähert man sich dann dem Süden, in
den Karten als „Zone industrielle“ ausgewiesen, werden die Häuser
kleiner – bis man eben überwiegend jene schmucklosen zweistöckigen
Gebäude findet, wie sie in arabischen Altstädten vorherrschen. Hier
ist die Farbe aber Weiß – und diese Häuser verfügen zwar nicht über
viele, so doch aber zwei Fenster pro Stockwerk.
Der Souk kündigt sich
durch offene Werkstätten an der Hauptstraße an. Hier werden
Motorroller und Fahrräder repariert, die Arbeiten finden teilweise
nicht in den kleinen Werkhallen, sondern auf der offenen Straße statt,
wo sich auch die Schuster ausgebreitet haben. Der Souk selbst ist von
einer rötlichen Mauer umgeben, ganz einer mittelalterlichen Stadtmauer
nachempfunden, mit Toren, wie sie auch zu einer mittelalterlichen
Stadtmauer gehören.
Hier herrscht zwar nicht
das Gedränge, wie wir es aus Marakkesch kennen, aber die Marktgassen
sind hier auch etwas breiter angelegt. Ansonsten ist der Ablauf des
Marktes jedoch ähnlich: Zunächst passieren wir das Viertel der Möbelschreiner,
vor den Geschäften sind die Bettgestelle aufgestapelt, es folgen die
Gewürzhändler, an die sich dann die Obst- und Gemüsestände anschließen.
An einem der Ausgänge des Souks werden Getreidekörner gesiebt, eine
Arbeit von Frauen, die sich gegen ein kleines Bakschisch dabei gerne
fotografieren und filmen lassen.
In der Nähe des Souks
liegt auch der Busbahnhof für den Nahverkehr – und die Station der
Sammeltaxis, die mit sechs Fahrgästen – Abfahrzeit jeweils, wenn das
Taxi voll ist – zu den Städten der Region fahren, Eine Tour ist 80
Kilometer entfernte Taroudant kostet pro Fahrgast 25 Dirham, also 2,50
Euro.
Da es wieder zu tröpfeln
beginnt, nehmen wir allerdings nur das Taxi zurück zum Hotel.
Freitag,
29. März 2002: Agadir
Agadirs wirkliche Attraktion ist der Strand –
und den laufen wir von seinem nördlichen Ausläufer vor unserem Hotel
Richtung Süden zu den Dünen, die am südlichen Ende der Stadt bzw. der
Hotelzone liegen.
Das Strandleben bietet
auf der mehrere Kilometer langen Strecke die üblichen Zerstreuungen für
Touristen: Strandcafés, Dromedar-Reiten, Buggy-Touren – und Dutzende
fliegende Händler, die den Reisenden ständig ansprechen, um T-Shirts,
Hemden, Uhren oder auch kalte Getränke zu verkaufen.
Erst zu den Sanddünen,
die eine durchgehende Linie von 20 bis 30 Metern Höhe bilden, hin
verebbt das touristische Leben. Hier gibt es auch keine Hotels mehr:
Hinter den Dünen liegt ein Wäldchen, durch das nun ab und an ein
Soldat patrolliert. In einiger Entfernung ist das königliche Schloss zu
erkennen – und weil der König gerade angeblich in seiner Agadirer
Residenz weilt, ist der weitere Weg die Dünen entlang heute verboten.
Auf dem Rückweg hat die
Flut eingesetzt – und wo noch vor kurzem ein breiter Sandstrand lag,
reicht das Wasser nun teilweise bis unmittelbar bis an die Wellenbrecher
vor den höher gelegenen abgeschirmten Hotelstränden, weswegen wir nun
teilweise über die Straße zurück laufen müssen.
Samstag,
30. März 2002, Taroudannt
Eigentlich wollen wir für die Tour ins rund 80 Kilometer
entfernte im Landesinneren gelegene Taroudannt das Sammeltaxi nehmen,
was von Agadir aus 25, von einem der Vororte 20 Dirham pro Person kosten
würde; aber Agadir wie ein Einheimischer zu verlassen ist für einen
Touristen nicht leicht.
Wir steigen in ein Taxi, das uns zum festen Preis von 30
Dirham – der Preis, den wir zwei Tage zuvor schon einmal für die
umgekehrte Strecke gezahlt haben – zum Place Salam, bringen soll. Und
auf dem Weg dorthin überzeugt uns der Fahrer, seit 25 Jahren hinter dem
Steuer, absolut unfallfrei, sechs Kinder, zwei davon schon verheiratet,
warum es doch besser sei, die ganze Tour mit ihm zu machen: Ein
Sammeltaxi würde schließlich mit sechs und nicht nur mit vier Fahrgästen
fahren, sei also viel zu unbequem. Würden wir das Taxi für uns allein
haben wollen, müssten wir pro Strecke auch 150 Dirham bezahlen, aber
der Fahrer würde ohne Stopp durchfahren, während er auf Wunsch
jederzeit einen Halt einlegen würde und schließlich würde er notfalls
auch den ganzen Tag warten, bis wir von Taroudannt aus wieder zurück
wollen. Ob wir in Taroudannt zur gewünschten Zeit ein Taxi fänden, das
uns zurück nach Agadir bringt, sei schließlich auch sehr ungewiss.
Diese ganzen Vorzüge, einschließlich einer Rundfahrt durch Taroudannt,
böte er aber schon für 400 Dirham.
Den ersten Stopp legen wir dann kurz vor dem Ziel in einer
Orangenplantage am Straßenrand ein. Auf der einen Seite der Plantage
steht das Feld mit den gerade weiß blühenden Orangenbäumen, auf der
anderen stehen die Mandarinenbäume, an denen gerade die Knospen
hervorsprießen.
Es sind nur ganz kurze Straßenzüge mit einigen Werkstätten,
die wir passieren, ehe wir die bräunlich-rote Stadtmauer erreichen:
Taroudannt, auch Klein-Marakkesch genannt, hat die von seiner Mauer
vorgegebenen nicht wesentlich überschritten. Außerhalb der Stadtmauer
mit ihren regelmäßigen Zinnen und Bollwerken schaut man fast ausschließlich
auf freies Feld.
Durch ein dreigeteiltes Stadttor, die mittlere Einfahrt für
Fahrzeuge, links und rechts die Eingänge für Fußgänger, fahren wir
in die Stadt mit ihren Straßen ohne Bürgersteige, auf denen Fußgänger,
Eselkarren, Radfahrer und nicht viel schneller als im Schritttempo auch
Autos verkehren. Die Häuser sind rötlich wie in Marakkesch, wobei man
hier noch an einigen Gebäuden die Reste früherer Kachel-Verzierungen
entdeckt.
In einem Restaurant am Place Assarag nehmen wir einen Café
au Lait. Taroudannts Hauptplatz ist der erste Anziehungspunkt für die
Reisenden, was natürlich auch die Straßenmusiker, die jungen
Schuhputzer und noch jüngere Bettler anzieht. An einem Ende des Platzes
steht eine Moschee, es gibt zwei Banken – und auf der Mitte des
Platzes sitzen auf einigen Bänken die Männer, um einen Plausch zu
halten,
Der fast durchgehend überdachte Souk liegt
einige Straßenzüge entfernt, fast versteckt zwischen den engen Gassen,
von seinem Warenangebot ausgerichtet offensichtlich auf Touristenströme,
die es momentan allerdings hier nicht gibt. Es gibt Geschäfte für
Lederwaren, Gürtel aus Kamelleder, Taschen, Ledersitze, Teppichhändler,
Antiquitätengeschäfte, Keramikläden, aber natürlich auch die Obst-
und Gemüse, sowie die Gewürzhändler, die sich hier wie auch in
Marakkesch gern als Händler in Sachen homäopathischer Heilmittel
ausgeben.
Handelsspannen: Zwei Gürtel aus Dromedarleder,
jeweils mit Geheimfach, sollen zusammen zunächst 600 Dirham kosten,
nach fünf Minuten des Feilschens bekomme ich sie für 350 Dirham. Es
geht aber auch weit extremer: Ein Händler verlangt für ein mit Safran
gefärbtes gelbes Tuch, angeblich beste Färberqualität, 200 Dirham.
Michael zeigt sich stur, will keinesfalls mehr als 30 Dirham bezahlen,
der Händler ist beleidigt, verfolgt uns aber weiter auf die Soukgasse
hinaus, tut so, als würde er das Tuch verschenken, was Michael
allerdings nicht annimmt, so dass sich der Händler schließlich doch
mit 35 Dirham begnügt.
Und in dem Souk wird selbstverständlich auch
repariert und hergestellt. In Marakkesch hatte ich für 50 Dirham ein
Paar Berberschuhe aus Ziegenleder, zu tragen als Pantoffeln oder eben
Straßenschuhe gekauft – aber nun hat sich bereits am rechten Schuh
die Sohle gelöst, so dass wir einen Schuster aufsuchen müssen, der die
Sohle wieder fest klebt. Der Schuster ist ein mittelaltriger Mann, der
hinter der Theke seines winzigen Ladengeschäftes sitzt, jede Menge
Sohlen um sich herum, die einzeln zurecht geschnitten werden, und der
nach getaner Arbeit auf die rage nach dem Preis antwortet: „Was Sie
geben wollen.“ Nach dem Preis hatte ich vorher auch unseren Fahrer
gefragt, der der Meinung war, dass zehn Dirham für die kleine Arbeit
angemessen wären. Umgerechnet 50 Cent scheinen mir nun doch etwas
wenig, so dass sieben Dirham gebe, ein Betrag, für den sich der
Handwerker, der zuvor deutlich über den „Pfusch aus Marakkesch“
geschimpft hatte, freundlich
bedankt.
Gar nicht handeln wir an einem Textilgeschäft,
in dem ein höchstens 14 Jahre altes Mädchen den Stoff zu Dschellabas,
den traditionellen kleidähnlichen marokkanischen Umhängen mit Kapuze,
zusammennäht. Unterstützt wird die kleine Schneiderin dabei von einem
Jungen, vermutlich ihr jüngerer Bruder, der ihr den Faden gerade
gespannt hält. Drei, vier, oder fünf Tage ununterbrochener Arbeit soll
es kosten, eine Dschellaba auf diese Weise fertig zu stellen – und
diesmal zahlt Michael die geforderten 650 Dirham ohne zu handeln.
Nach dem Mittagessen wieder auf dem Place Assarag
fahren wir mit unserem Taxi einen Teil der acht Kilometer langen
Stadtmauer entlang. In Taroudannt entstehen Neubauviertel noch innerhalb
der Stadtmauer – wobei diese aus weißen Ziegeln bestehenden neuen Häuser
teilweise unverputzt bleiben, was das Stadtbild doch trübt.
An der alten Kasbah legen wir unseren letzten
Stopp ein. Die Stadtmauer ist hier dicker und mächtiger als an den
anderen Stellen, das Bollwerk an der Stadtmauer aus Ziegeln errichtet.
Von der Plattform sieht man über die Häuser der Stadt auf die Gipfel
des Atlas, die noch immer mit Schnee bedeckt sind.
Sonntag, 31. März 2002: Agadir
Ein Tag, den wir fast ausschließlich am Pool
unseres Hotels verbringen, unterbrochen nur von dem Mittagessen in einem
der Fischlokale am Fischereihafen, wobei wir mit dem
Restaurantbetreiber, er heißt Mohammed, sein Restaurant trägt die
Nummer Sechs und nennt sich „Chez Ali“ ins Gespräch kommen.
Die Anlage gehört der Stadt, und die einzelnen Läden,
so berichtet Mohammed, werden an ehemalige Fischer verpachtet, sozusagen
als Ersatz für eine Rente. Aber die Restaurants werden natürlich nicht
von den ehemaligen Fischern, sondern von deren Kindern betrieben.
Für den nächsten Tag vereinbaren wir, mit
Mohammed den Berbermarkt von Inezgane, etwa ein Dutzend Kilometer von
Agadir entfernt, zu besuchen.
Montag, 1. April 2002:
Inezgane
Mohammed wartet bereits in einem Taxi auf uns –
und für die Fahrt in den kleinen Vorort von Agadir zahlen wir 40 Dirham.
Inezgane schein ein einziger Marktflecken zu
sein, bestehend aus den überdachten Souks und einem frei liegenden
Marktplatz, den man von einem auf einer Anhöhe gelegenen Garten gut überblicken
kann. Die Souks gehören vor allem den Textil- und Lederwarenhändlern,
der frei liegende Markt den Gemüse- und Gewürzständen.
Zunächst führt uns Mohammed durch den Souk.
Auch wenn Touristen hier nur selten auftauchen, das Angebot, etwa an
Arbeitskleidung, sich zum allergrößten Teil an die einheimische Bevölkerung
richtet, warten doch drei „Wasserträger“ in der Tracht, die wir
schon in Marakkesch gesehen haben, auf interessierte Fotografen. Nur fünf
Dirham soll das Foto kosten, aber ich habe keine Lust auf gestellte
Fotografien.
Auf dem Marktplatz dann bringt uns Mohammed in
das Zelt eines Gewürzhändlers, der bereits Proben seiner Waren
vorbereitet hat und uns zu seinem Vortrag über die Kraft der Gewürze
einen Tee serviert. Drei Dirham soll ein Gramm Safran kosten, von seinen
anderen Kostbarkeiten, Ambra, Sandelholzstücke für den angenehmen
Geruch im Wäscheschrank oder im Auto, Schlankheitstee und eine Wurzel,
die, in heißem Wasser aufgekocht, gegen das Schnarchen helfen soll,
nennt er erst gar keine Preise. Das macht leichtsinnig: Wir kaufen die
Anti-Schnarch-Wurzeln, Schlankheitstee und auch etwas Sandelholz, und
sind dabei urplötzlich 520 Dirham los. Da haben wir schlecht, das heißt
gar nicht gehandelt!
Zum Schluss will natürlich auch noch Mohammed
100 Dirham für seine Führerdienste. Teilt man den Betrag durch vier
war der Halbtagesausflug dann aber doch nicht so teuer.
Die letzten Sonnenstunden unseres letzten
Urlaubstages verbringen wir – die Liegen am Pool sind längst alle
belegt – auf dem Balkon unseres Hotelzimmers
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